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Jeschurun · 1886-05-13 · Heft 19 (13.5.1886) · p. 299

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 19 (13.5.1886)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1886-05-13
Page
299 (sequence 2)
Language
German
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299 in solcher Weise zu beschränken." Wahrlich, goldene Worte, würdig eines humanen, von Gerechtigkeit erfüllten Mannes! Und dieser selbe Mann, welcher so beredt und überzeugend für das menschliche Recht und die sittliche Freiheit des JndividiumS eintritt, will einer ganzen, nach. Hunderttansendcn zählenden Klasse von Bürgern dieses Recht und diese Freiheit verkümmern? Zahlt die religiöse Uebcrzengung nicht zu den heiligsten menschlichen Rechten, ist cs nicht eine nimmer zu verscherzende persönliche Freiheit, daß der Mensä) getreu bleiben wolle der Religion seiner Väter? Und dennoch verfolgt dieser selbe Di׳. Pattai die Juden ob ihrer Religion und ihrer Abstammung wegen. Wahrlich, das Lorurtheil macht die Weisen blind und führt zu einer Verkennung und Verleugnung aller Prinzipien, zu welchen man sich sonst unentwegt bekennt. Der Antisemitenhäuptliug Pattai ist von dem Ncichörath Pattai vernrtheilt; Pattai hat über den Antisemitismus, dessen Führer rr ist, den Stab gckrochen! * Wien, 7. Mai. Am 2. d. fand im israclitischen Blindeninstitnt auf der Hohen Warte unter dem Vorsitze des Knratorinmspräsidcuten, kaiserlichen Raths Di׳. Wölflcr, die Jahrcsprüfnng der Zöglinge statt, welcher zahlreiche Gäste, unter diesen Landes- Schulinspcktor Hülsenbcck, BezirkS-Schulinspektor Hinterwaldncr, Professor Di׳. Lustkandl, Professor Di. Wölflcr, beiwohnten. Hierbei erwiesen sich in erfreulicher Weise die Erfolge der eigenartigen Lehrmethode, nach welcher in dieser Anstalt die Blinden als gebildete Handwerker der vollen Erwerbssähigkeit zugesührt werden. Die Zöglinge gaben in der Rcligiouslehrc, im Rechnen und in der deutschen Sprache Proben klaren Denkens, sie zerlegten Pflanzen, die sie durch ein hochentwickeltes Tastvermögm rasch und bestimmt erkannten, in ihre feinsten Theile, sie unterschieden in- und ausländische Münzen nach ihrem Werthe durch das Gehör, oricntirten sich auf den Landkarten mit großer Sicherheit und erfreuten durch ihre musikalischen Vorträge und ihren seelenvollen Gesang. Diese Leistungen, insbesondere aber die Fertigkeit, mit welcher die blinden Kinder durch Zeichnen und Modettircn die Richtigkeit ihrer Vorstellungen beweisen, die ausgestellten Bürsten und Körbe, sowie die Arbeiten auf der Strickmaschine erwarben den blinden Kindern die allgemeine Anerkennung, welcher der Landes-Schulinspeklor am Schlüsse der Prüfung dem unermüdlichen Direktor Hitler gegen über auch in warmen Worten Ausdruck gab. (N. Fr. Pr.) W. Aus Galizien, 7. Mai. Das schreckliche Brandunglück in Stry hat viele unserer Glaubensgenossen an den Bettelstab gebracht. Fast gleichzeitig mit dieser Katastrophe ist eine nicht minder furchtbare über Lisko hereingebrochen und hat diesen Ort fast ganz in Asche gelegt. ES sind etwa 290 Häuser zerstört, darunter ungefähr 270, welche jüdischen Besitzern gehörten und Juden zu Insassen hatten. DaS Elend und der Jammer spotten auch hier wie in Stry jeglichcr Schildernng und rufen die barmherzige thätige Bruderliebe wach. Spendet für uns Arme, reichet uns von eurem Ucbcrflusse, wir verkommen mit Weib und Kind, — also tönt cs von den Trümmerhaufen in Stry und Lisko in die Welt hinein. Und Gottlob, der Angstschrei der Armnth findet Widerhall in gar mancher Edler Herzen, und cS wird den Acrmsten Hülfe von allen Seiten gern entgegengebracht. * Pest, 6. Mai. Die ״N. I. P. Z." berichtet in ihrer jüngsten Ausgabe unter der Spitzmarke ״An unsere modernen Inden", daß der verstorbene ungarische Justizministcr Di׳. Panler letztwittig seine Frau, Kinder und Enkel ersucht habe, keine Kränze aus seinen Sarg niederzulegen, und knüpft daran die sehr zeitgemäße und sehr zu beherzigende Mahnung, diesem Beispiele zu folgen, namentlich, da der Gebrauch ״von Kränzen auf dem Sarge" gegen die altjüdische Sitte verstößt.!!! Brody, 6. Mai. In Folge Einschreitens erhielt das hiesige russische Konsulat auS Petersburg die W'/ijung, Pässe für jüdische Kanflcute, welche bis jetzt blos nach Odessa daö Visum erhalten konnten, nach allen Orten Rußlands, in denen den Juden der Aufenthalt überhaupt gestattet ist, zu visiren. Gleichzeitig erhielt der Konsul den Wladimir-Orden in Brillanten. x׳< Krakau, 5. Mai. Die ״Nesorma" bringt heute einen angeblich von einem Bauer geschriebenen Artikel, worin behauptet wird, die jüngste Bauernbewegung wäre vor Allem gegen die Juden und erst in zweiter Linie gegen den Adel gerichtet gewesen, weil dieser mit den Juden Geschäfte mache und ihnen die Dorfschänkcn verpachte. Der antisemitisch zugespitzte' Artikel, welcher die Inden dem ״Weltuntergänge" substituirt, wird hier als Racheakt angesehen; bei der letzten ReichSrathSwahl in Krakau haben nämlich die' jüdischen Wähler größtcnthcilS gegen den kandidirenden Redakteur der ״Reforma" gestimmt, und derselbe ist in Folge dessen durchgefallen. Frankreich. L. Paris, 9. Mai. Leider ist Ihr Herr Korrespondent im Jrrthnm, wenn er glaubt, daß das Drumont'sche Buch ״Da Dianee Juive“ nicht gelesen wird. Seit seinem Erscheinen hat eS nicht weniger als 15 Auflagen erlebt, und eine billige Ausgabe ist in Vorbereitung. Seit Jahren hat hier vielleicht kein Buch einen solchen Erfolg aufzuweisen. Alle Zeitungen

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