Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1886)
- Article
- Frankreich : Paris [Nachricht]
- Date
- 1886-05-06
- Page
- 285 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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285' Die Witzblätter stellen den kleinen Druinond als einen Zwerg dar, der sich vergeblich bemüht, die erhabene Mosesstatue von ihrcr Basis herabzuziehcn. Der Pamphletist wird übrigens auch von seinen eigenen Parteigenossen deSavouirt und hat seinen Abschied als Redakteur seines Blattes nehmen müssen. Selbst das lächerliche mittelaltereichc Beweismittel deö Dnels ist gegen ihn ausgefallen, er ist von seinem Gegner, dem Chefredakteur des GanloiS, schwer verwundet worden. Die Zeitung ״Gil Blas" hat sich die Mühe genommen, Herrn Grand Nabbin Zadoc Kahn in dieser Angelegenheit zu interviewen und bringt unter andern: folgende Aeußeruugen desselben zur Kenntniß ihrcr Leser. Der Jude mag große industrielle Vorzüge haben, muß man ihm daraus ein Verbrechen machen? Erwähnt man übrigens neben den Israeliten, die sich dem Geschäfte widmen und Vermögen erwerben, auch die Zahl derer, die das Lehrerfach ergreifen und mit unintercssirtcr Hingebung wirken? Was haben wir beispielsweise in Tunis geleistet: Wir haben dort schon vor zehn Jahren eine französische Schule gegründet, die unseren! Vater׳- lande Frankreich die größten Dienste erweist und ihm die Sympathie der Araber zuwendet. Das geht so weit, daß die Regierung damit umgeht, diese Schule für ihre Rechnung zu übernehmen. Wir Juden sind gute Patrioten, die nie zögern, ihren Patriotismus durch Thatcn zu beweisen." Es ist merkwürdig, daß von jeher gerade zur Zeit des Peßachfestcs, das uns erinnert, wie wir aus dem Lande der Judenfeinde befreit wurden, unsere Feinde von Neuem ihre Angriffe gegen uns richten, aber das Wort, das wir alljährlich in der Hagadah zitiren, flößt uns Muth ein: בבל דור ודור?{ומדים עלינו לבלותגו ו׳ה׳ק׳ב׳ה מצילנו מידם. Italien. (ö. W.) Ferrara. Ein sehr bekannter Schriftsteiler, Guiseppe Vicini, ist hier zum Jndcnthum zurückgekehrt. 1862 ließ seine Mutter sich und ihre beiden Knaben taufen. Der Nekonvcrtit hat den Namen seiner väterlichen Familie Del Nctchi angenommen. Türkei. * Smyrna. Den! ״Jewish Ehronicle" wird von einem Vorfälle berichtet, der leicht zu den bedaucrlichsteu Ausschreitungen gegen die Juden hätte führen können, wenn nicht die Behörden und die griechisch-katholische Geistlichkeit in lobeuswerthem Eifer für Wahrheit, Recht und Ordnung gehandelt hätten. Nach einem nicht weit von Smyrna bclegencn Orte kam eine Gesellschaft jüdischer Handelsleute, von welchen Juda und MoscS Percz ihre Waareu in einem Sacke trugen. Dieser Umstand gab Veranlassung zu der wahnsinnigen Anschuldigung Seitens mehrerer Griechen, daß die Juden iu diesem Sacke ein Christenkind hätten, welches sie geschlachtet und für rituelle Zwecke fortschaffen wollten. Das Volk sammelte sich um die Hausirer und bedrohte sie. Der OrtSvorstand ließ aber den Sack öffnen und seines Inhalts entleeren. Trotz der also sofort konstatirten Unwahrheit der Anschuldigung wurden die beiden Pcrez verhaftet. Der Gouverneur von Stnyrna befahl, sobald er hiervon Kunde hielt, die Eökortirnng der Gefangenen nach der Stadt. Die fanalisirtc Menge '.aber behauptete, die Juden hätten den Leichnam schnell zu beseitigen gewußt und warf die aus einen Wagen gebrachten Gefangenen mit Steinen. In Smyrna angelangt, wurden sie natürlich sofort in Freiheit gesetzt. Rußland. * In erschreckendem Maße haben Feuersbrünste in diesen Tagen die russischen Juden heimgesucht. Der ״Hazcfirah" wird von folgenden berichtet. In Rossiüny brach am ערב פסה Nachmittags ein großes Feuer aus, wodurch mehr als 200 Familien an den Bettelstab kamen. Am gleichen Tage brannte es in Sch ad und ruinirte ebenfalls 200 Familien. Ferner hauste das Feuer iu Mostrag (Volhynien), wo 90 jüdische Familien ihrer Habe beraubt wurden, — in Ostrin, Ushp ol, Mohilew 11. a. O. ES sind dabei auch mehre Menschenleben zu beklagen. — In D ü uaburg wäre es fast zu einer Judenhctzc gekommm. Ein Knabe wurde vermißt. Die Mutter erhub ein Geschrei, die Juden hätten ihn zum Peßachfeste geschlachtet. Zum Glück schritt die Stadtbehörde sofort ein und brachte den vermißten Knaben, welcher sich in der Stadt herumgetriebcu, zur Stelle. — AchnLichcS wird aus Odessa mitgetheilt. Dort kamen am Festabend nach Beendigung des Gottesdienstes Polizeibcamte iu eine der Synagogen und nahmen eine gründliche Durchsuchung derselben vor. Als sie eine Flasche mit einer rothen Flüssigkeit fanden, glaubten sie das corpus delicti in Händen zu haben. Die Versicherung, daß die rothe Flüssigkeit Wein sei, wurde nicht geglaubt. Der Kommissar wagte nicht, durch den Geschmack sich zu überzeugen. Er goß vorsichtig davon in die Hand und roch daran. Darauf beruhigte er sich. Der Denunziant, leider ein jüdischer Knabe, wurde 'zur Stelle gebracht. Dieser veranlaßte eine nochmalige Durchsuchung und führte nach deren fruchtlosem Ergcbniß die Beamten in den Synagogenhos, in die?Äohnuug eines SoferS, der gerade Kiddusch machte. ״Der hat Blut im Becher," rief der elende Angeber, ״er hat den Christen abgcschlachtet, denn er ist der Schächter!" Der Sofer war zufällig einem der Polizisten bekannt, welcher die lügenhafte Behauptung entkräftete. Die Beamten überzeugten sich natürlich sehr rasch von der Grundlosigkeit der Denunziation und verhastctcn den Verläumder. Die Anschuldigung-