Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1886)
- Article
- Holland : Rotterdam [Nachricht]
- Date
- 1886-05-06
- Page
- 284 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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284 Plane, einer großen, sehr großen Anzahl unserer Unglücklichcn rumänischen Brüder zu einem menschenwürdigen Dasein jenscit des Ozeans zu verhelfen. Ich hätte Ihnen berichten können, daß sich an der rumänischen Grenze cm Komitee, aus den bcdcutcndslcn rumänischen und auch österreichischen Glaubensgenossen bestehend, gebildet habe, welchem sehr große, fast unbeschränkte, Mittel zur Verfügung ständen, um an die zwanzig bis dreißig Tausend unserer in Rumänien in so Himmelschreiender Weise mißhandelten Brüder nach Amerika auswandern zu lassen, daß z. B. Bleichröder in Berlin Fünfzigtausend Thaler zu diesem Zwecke hergegeben habe. Ich hätte hinzufügen können, daß dieser AuSwandcrungSstrom sich über Rotterdam und Amsterdam, von wo einen Samstag um den anderen die amerikanischen Dampfer abgehen, ergießen und dieses Auswanderungsgcschäfr während zweier Sommer vor sich gehen solle; daß das Komitee von seinem Sitze aus mit der hiesigen Direktion der Nederlandsch-Amerikaansche Stoomvaarl Maatschappy bereits schriftlich über den Uebersahrtspreis unterhandelt habe, und zwar in der Weise, daß diese Schifffahrts-Gesellschaft die Passagiere bereits in Oderberg (Dcst. Schlesien) zu übernehmen und bis Ncwyork zu befördern und beköstigen haben solle; daß die Beköstigung streng jüdisch-rituell zu geschehen habe, und das jede Woche hier, beziehungsweise in Amsterdam, mehrere hundert Personen Donnerstags ankommcn würden, die erst Samstag sich nach Ncwyork würden cinschiffcu können, so sollte hier wie in Amstcrdam für zwei Jahre ein Haus gcmiethet werden, wo die Auswanderer Wohnung und Kost während dieser Zeit finden sollten. Die Aufsicht über das AuSmandernngsgcschäft selbst würde ein eigens zu diesem Zwecke hierher kommender Herr Dr. Stern, der hier für zwei Jahre sein Domizil ausschlagcn würde, ausüben, die Aufsicht über das strengste Kaschruß hier und auf den Schiffen (durch Maschgichim) sollten die Herren Oberrabbiner von hier beziehungsweise Amsterdam haben. Da, wie gesagt, die SchifsfahrtS-Gesellschaft für die Beköstigung sorgen sollte, so wurden die Verhandlungen mit ihr ans der Basis geführt, daß der Kontrakt einen Passus zu enthalten habe, laut welchem die Gesellschaft in Bezug auf die Beköstigung sich unbedingt allen Anordnungen der beiden erwähnten Oberrabbiner zu fügen habe. — Das Alles würde ich Ihnen haben berichten können, da ich es aus dem Munde des Komitee-Mitgliedes, welches zum Abschluß der Verhandlungen mit der SchifsfahrtS-Gesellschaft hicrhergekommen war, selbst erfahren habe. Die Visitenkarte dieses Herrn lautet: ״Dr. Josef Taubes, Chef-Redakteur der Allgem. Jsr. Allianz, Czcrnowitz." begleitet war er von einem jüdischen Diener, Namens Nuß bäum, dem ״früheren Erzieher seines TöchtcrchenS," wie er sagte. Nach erfolgter Unterzeichnung des Kontraktes wollte Herr Dr. Taubes mit seinem ״Diener" nach Ncwyork, um mik den dortigen Wohlthätigkeits-Anstalten über den Empfang und die Sorge für die Einwanderer zu konseriren. — Alles dieses habe ich Ihnen damals nicht berichtet, weil ich die Pflicht eines Korrespondenten etwas streng ausfasse, weil ich der Ansicht bin, daß derselbe nur dann sein Blatt bedienen soll, wenn die Wahrheit seiner Nachrichten möglichst fest stehe. Ich wollte deshalb wenigstens warten, bis der Kontrakt mit der Schifffahrts-Gesellschaft unterzeichnet sei. Und meine Vorsicht war ebenso begründet, wie das Mißtrauen, welches׳ der ganzen Geschichte von vörnhincin hier cntgegcngebracht wurde. Die Verhandlungen wurden nämlich unter höchst eigenthümlichcn Umständen abgebrochen. Herr Dr. T. hat sich nach London begeben, wohin ihm sein ״Diener" einige Tage später gefolgt ist. — — — Die Mitthcilung der Gründe, die mich veranlassen, der Sache jetzt Publizität zu geben, halte ich vorerst noch zurück. Zweck dieser Zeilen ist, die Aufmerksamkeit der Londoner jüdischen Kreise darauf zu lenken. Der Held dieser Zeilen dürfte mit Herrn Dr. Adler und Nev. Rosenstein verkehren oder verkehrt haben. Frankreich. * Paris, 25.?Lpril. Mehrere Morgcnblätter beschäftigen sich mit dem Werke Drummond'S über das Judenthum in Frankreich. La Paix sieht darin ein Anzeichen, daß Frankreich einer antisemitischen Agitation, wie sie in Deutschland besteht, cntgcgeugehe. ״Solcil" sagt, cs sei ein Werk gefährlicher Unduldsamkeit. DaS ״Journal des Debats" schreibt, die Angriffe Drummond'S gegen die jüdischen Reichthümer seien gegen das Kapital selbst gerichtet. Das Blatt bedauert, konstatiren zu müssen, daß sich in Frankreich hundert Jahre nach 789 נ Schriftsteller finden, welche ein Kriegsgeschrci und den Ruf nach Konfiskation gegen die Juden ausstoßcn, und daß es ein Publikum gicbt, das sic liest und Journale, die sic billigen. *** Paris. Sic erzeigen, geehrter Herr Redakteur dem Pamphlete des Herrn Drumond gegen die Juden zu viel Ehre. Seine zwei Bände, die er zum Preise von 10 Franken anbiclct, bleiben ihn! auf Lager. Frankreich ist kein Boden für solche lügenhaften Schmähungen. Stets zeigt sich hier dasselbe Resultat. Es sind zu wenig Juden die Anlaß zum Angriff geben. Der Verfaßer macht deshalb Gambetta, Jules Simon, Leon Say, Männer auf die Frankreich stolz ist, auch zu Juden, um mit ihnen, die ihm und seinen Parteigen offen verhaßt sind, alle Juden anzugreifcn und alle gemeinsam zu Boden zu reißen. Die gesamnite Pariser Presse hat daraus Anlaß genommen, die schmcichelhastesten Lobartikel für Judenthum und die Juden zu veröffentlichen.