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Jeschurun · 1886-04-29 · Heft 16-17 (29.4.1886) · p. 268

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 16-17 (29.4.1886)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1886-04-29
Page
268 (sequence 2)
Language
German
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bossiren lassen. Dagegen protestirte Kaiser Franz Joseph; er erschien selbst wieder und stand zwei Stunden vor Gell! ruhig aufrecht. Ucbrigens konversirte der Kaiser mit dem Künstler sehr unbefangen, über alle möglichen Themata. Einmal brachte Letzterer die Rede aus den Antisemitismus und bemerkte, in Italien sei diese Erscheinung etwas ganz Unbekanntes. ״So ist's auch recht," meinte Kaiser Franz Joseph; ״ich schäme mich, daß der Antisemitismus nach Oesterreich gedrungen ist." (Berliner Tgblt.) * Königgrätz, April. Unter den Gratulanten beim hiesigen Bischof, dem der Kaiser das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen, war auch der hiesige Rabbiner Herr Abraham Kohn. Der Beschof versicherte demselben, daß er der entschiedenste Gegner des Antisemitismus sei. (Israel. Gem.-Ztg.) 8a. Graz, 14. April. Nachdem einige OrtSgruppen des deutschen SchulvcreinS sich dem AntiscmitiSmus ziemlich stark zugencigt hatten, wurde dieses von der Mehrzahl der Ortsgruppen des genannten Vereins, vor Allem aber von der Vereinsleitung heftig gerügt. — Jetzt haben sich auch die Ortsgruppen Gnas, Voitsberg und Neumarkt des deutschen Schnlvcreins gegen die antisemitischen Bestrebungen ausgesprochen und votirten der gegenwärtigen Vcreinslcitung ihr Vertrauen. (S. Nr. 13 d. Jahrg. S. 204.) * Lemberg, 15. April. Nach einer Meldung der ״Pol. Corr." sind im Monate Mürz 40 Familien mit!17 Personen, welche dem russischen Staatsverbande angchören, und!8 österreichisch-polnische Familien in Folge Ausweisung ans Preußen in Galizien eingetroffen. Die Gcsammtzahl der seit dem Derbste 1885 bis Ende März d. I. aus Preußen nach Galizien ausgewanderten Polen beträgt 472 Familien mit 1412 dem russischen StaatSverbande angchörenden Personen und 163 österreichisch-polnische Familien. Bis auf einige wenige Personen fanden alle Ausgewiesencn in Galizien Unterkunft. — Wie man aus Warschau meldet, wird dort das Hilfskomitee für die aus Preußen ausgcwiesenen Polen in Folge behördlichen Auftrages aufgelöst und bleibt dasselbe blos bis 1. Mai in Wirksamkeit. In der letzten Zeit haben die russischen Grenzbehörden den aus Preußen ansgewicsenen Individuen fast keine Hindernisse in den Weg gelegt. (N. Fr. Pr.) Lernberg, 23. April. Die Stadt Stry in Galizien ist ganz nieder gebrannt. Auch die Synagoge ist ein Raub der Flammen geworden. Unter den zahlreichen Opfern, welche den Feuertod erlitten, bcsindcn sich auch viele Juden. — Vor dem verheerendcn Elemente waren selbst die ״feuerfesten Kassen" nicht sicher. Auch viele jüdische Waisen sind schwer geschädigt worden; das Vermögen derselben war beim OrtSrabbiner dcponirt, dem es nur mit Mühe gelang, dem Fcucrtode zu entgehen, während an die Bergung seines Vermögens nnd der ihm anvertrautcn Fonds ftvic es heißt im Gesammtbetrage vom 70 000 fl.) natürlich nicht zu denken war. Nahezu viertausend Einwohner haben Stry verlassen. Mehr als zweitausend orthodoxe Inden kampiren trotz des gestern gefallenen Schnees und des strengen Frostes im Freien, da sie während der Feiertage nicht reisen wollen. Sie leiden aber auch Hunger, weil es an dem ungesäuerten Brot fehlt, nnd sie das ihnen von christlichen Leidensgcfährtcn angebotene gebackene Brot zurückweisen. Jedoch soll den Bcdanernswcrthcn das Nöthigc schon morgen geschafft werden. Der jüdische Knltnsrath in Lemberg nimmt Gcldsammlungcn vor nnd fordert die Vorstände der auswärtigen Kultusgemcindcn zur Be- Iheilignng an der Kollekte auf. Auf der Brandstätte Hausen Räuber und Strolche und plündern die Uebcrrcfte des unbewachten Gutes. Schrecklich aber ist es, daß diese Hyänen den unter den rauchenden Trümmern vielleicht noch athmenden Menschenwesen, sobald diese Wesen Inden sind, nicht zu Hülfe kommen. Es ist notorisch, daß man wiederholt sich erst erkundigt, ob das Wimmern der mit dem Tode Ringenden jüdischen oder nichtjüdischen Lippen entstanunt. Man hat demgemäß jüdische Kinder, die wohl zu retten gewesen wären, elendiglich verenden lassen. * Prag, 18. April. Wie der Lembcrger ״JSr." meldet, hat sich in hiesiger Stadt ein Schriftstellerverein gebildet, dessen Statuten im ersten Paragraphen die Inden von der Mitgliedschaft ausschließen. Jüngst wurden zwei berühntte böhmische Schriftsteller zu Ehren- Mitgliedern desselben ernannt. Diese aber lehnten die Ehre ab, weil sie nicht als Antisemiten verschrieen sein wollten. II* Pest, 15. April. In Nr. 14 Ihres geschätzten Blattes habe ich Ihnen über den Antrag Jstoczy'S in Betreff der Börsensteuer berichtet. Ich habe daselbst auch die Motivirung Jstoczy'S angeführt, weil ja die meisten Börsianer Juden seien. Nachdem nun in einer Sitzung der ״gemäßigten Opposition-- Partei" der Graf Albert Appony bei Bcrathung, ob man den Antrag dem Reichstag zur Entscheidung unterbreiten solle, für die rcichstägliche Verhandlung des Antrages zwar gestimmt, aber dabei betont hatte, daß er natürlich der Motivirung Jstoczy'S nicht beistimmte, hielt am Montag Abend die liberale Regierungspartei ihre Bcrathung über den Antrag ab. In dieser Konferenz äußerte der Ministerpräsident TiSza sich ungefähr dahin, daß schon die Personlichkcit des Antragstellers Jstoczy, wie auch dessen Motivirung klar zeigten, daß der Urheber des Börsenstencrgesetz-EntwurfeS sich dabei nicht von finanziellen

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