Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 16-17 (29.4.1886)
- Article
- Deutschland : Würzburg [Nachricht]
- Date
- 1886-04-29
- Page
- 267 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933171--21782-2965408- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
267 insoweit sie das nach Nr. 8 der Satzungen ersorderliche Unterstützungsgesuch nicht schon früher eingesandt haben, dasselbe alsbald an den Vereiuövorstand eiuzurcichen. Schließen wir unseren Bericht mit dem Ausdruck des aufrichtigsten Dankes gegen alle Freunde und Gönner des Vereins, mit der innigsten Bitte, daß sic ferner demselben ihr Wohlwollen bewahren mögen. Es sind ja Wittwen und Waisen, —- und leider ist deren Zahl im vergangenen Jahre gewachsen, — die unterstützt werden. Der Lohn des Himmels ist ihnen sicher! Oesterreich-Ungarn. f. Wien, 18. April. Wie ich Ihnen unterm 30. März meldete (siehe Nr. 14, S. 219), haben in verschiedenen Kurorten in der Umgegend von Wien viele Hänservermiethcr Plakate an ihre Wohnungen geheftet, des Inhalts, das betreffende Logis nicht an Juden zu vcrmiethen. In Grinzing hat sich sogar eine Vereinigung mehrerer Hausbesitzer gebildet, zu dem Zwecke, keine Sommerwohnung an Juden zu vermicthen. Sie ließen eine Flugschrift drucken und vertheilcn. Aber die Nemesis nahte: die Staatsanwaltschaft erhob in Folge dieser antisemitischen Umtriebe gegen den Hausbesitzer Ferdinand Mandl in Grinzing und den Buchdrucker Johann Schmidt in Wien die Anklage wegen Aufreizung. Die Verhandlung wird im Laufe des nächsten Monats stattsinden. — Nun, den antisemitischen Heißspornen wird hoffentlich diese kalte Douche etwas den Kopf kühlen. 6t. Wien, 16. April. Bekanntlich hat sich in letzterer Zeit im deutschen Schulverein eine antisemitische Strömung Seitens einiger Ortsgruppen breit gemacht, die jedoch von der Majorität heftig bekämpft wird. Die ״N. Fr. Pr." bringt nun einen Bericht über die am Freitag Abend abgehaltcne Jahresversammlung der Ortsgruppe .,Mariahilf" des deutschen Schulvereins. Dieselbe blieb von den Differenzen, die jetzt in den Ortsgruppen-Versaimnlungen auf der Tagesordnung stehen, nicht verschont. Eine Anzahl Studenten von der Kouleur der aufgelösten akademischen Ortsgruppe, veranlaßtc Debatten, bei welchen die Partcigegensätze scharf zum Ausdrucke kamen. Bei der Neuwahl deS Vereinsausschusses blieben die antisemitischen Kandidaten mit zwölf Stimmen in der Minorität. Der zweite Theil der Verhandlungen verlief unter fortwährender Unruhe. Ein von Seite der Studenten gestellter Antrag, eine antisemitische Broschüre, welche das Vorgehen der akademischen Ortsgruppe rechtfertigt, zur Verlesung zu bringen, stieß auf Widerspruch. Vereins- Mitglied Mattisch wies darauf hin, daß im Schulvereine keinerlei politische Tendenzen verfochten werden dürfen. Jeder Deutsche, gleichviel welcher Konfession er angehöre, ist unser Bruder und Mitkämpfer für die deutsche Sache. Er beantragt schließlich, Herrn Dr. Moriz Weitlof und der Zentrallcitung das Vertrauen zu votircn. — Professor Schnarf bekämpft diesen Antrag und führt unter Schlußrufen der Majorität aus, daß die Deutsch-Nationalen gegen zwe» Feinde, die Czechen und Juden, Front machen müssen. Auf dessen Antrag wird ein aggressiver Artikel einer antisemitischen Monatsschrift gegen die Zentralleitung des deutschen SchulvereinS verlesen. — Herr Kästner bedauert es, daß in den Verein die Politik hereingetragen wurde, die nur zum Schaden dieser großen Institution gereiche. ES sei Pflicht aller Deutschen, gegen Jene Stellung zu nehmen, welche bewußte oder unbewußte Diener der Reaktion seien und den Gegnern die Handhabe geben, den Schulverein in seinem Bestände zu bedrohen. Es erfolgte lebhafter Beifall, jedoch stürmischer Widerspruch der Studenten. k. Wien, 19. April. Allemal derjenige, welcher. — Wo die Gelegenheit winkt, da wird sie ergriffen, — und wenn man sie aus der Luft greifen muß, das ist der Grundsatz der Antisemiten. Und warum sollte sich vor allen Dingen der Abgeordnete Türk,' der jetzt glücklich der Heros der österreichischen Antisemiten geworden ist, geniren, überall seine antisemitische Nase hineinzustcckcn, und wo es geht — auch oft, wo es nicht geht — den Juden eins zu versetzen — und sollte er sich damit auch noch so lächerlich machen. Da hat er bei der Debatte über das Landsturmgesetz auch gethan, was er nun einmal nicht lassen konnte. Er legte es der Armeeverwattung ans Herz, bei Zeiten schon Vorsorge zu treffen, daß die Armeelieferanten' ehrliche, redliche und verläßliche Leute seien, und daß nicht jüdische Spekulanten dazu herausgesucht werden. — Schallendes Gelächter im Abgeordnetcnhause belohnte den geistreichen Redner. — Wäre eö in der That vielleicht nicht besser, wenn man statt ״jüdischer Spekulanten" ״ehrliche, redliche und verläßliche antisemitische — Defraudanten mit den Armeelieferungen betraute? Jawohl — für die Antisemiten wäre es entschieden besser. * Wien. Großes Aufsehen erregen die im Künstler- Hause ausgestellten Portraits von dem Italiener Gelli. Der junge Künstler, der sich momentan in Wien aufhält, wurde vom Kaiser Franz Joseph eingeladen, ihn zu portraitiren. Der Kaiser, der ein feiner Bilderkcnner ist, faßte ganz spontan den Entschluß, ihm zu sitzen, und das Bild, das nun vollendet ist, darf als ein Meisterwerk bezeichnet werden. Der Kaiser erkannte schon wahrend der Sitzungen, wie trefflich das Portrait gerathen, und als es sich für Gelli darum handelte, einige Details der Uniform auszuführen, schlug er dem Kaiser vor, dieser möge, um sich nicht zu ermüden, einen General von gleicher Statur das nächste Mal