Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 16-17 (29.4.1886)
- Article
- [Rezension] / R.....l.
- Date
- 1886-04-29
- Page
- 261 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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261 Endlich möchten wir noch jenes neugebildeten Wortes ״auferheben" gedenken — doch Pardon, wir haben es mit einen! Gedichte zu thun, und Dichtern ist ja Alles erlaubt. Nach diesem schönen Gebete folgt eine poetische Uebcrtragung von אלקי נשמה, dann die deutsche Uebersetzung von שמע mifc zum Schlüsse eine freie Uebersetzung von אלקי נצור. Damit ist das Morgengcbet beendet — wir meinen, daß das doch ein wenig magere Kost ist. Ebenso kurz ist das Tischgebet. A PropoS! Da heißt es im Gebete vor der Mahlzeit ״Durch Felsen sendest Du uns Trank!" Was sollen dafür die Großstädter sagen, welche ihr Wasser aus der städtischen Wasserleitung beziehen? Es ist uns unmöglich, aus dem uns zugemesscnen engen Raum — und allzuviel verdient ja von einem Buche, wie dem vorliegenden, nicht geredet zu werden — eingehender die einzelnen Gebetstücke zu behandeln. Wir möchten nur fragen, was der Verfasser des Morgengebets für den Sabbath mit den Worten: ״Heute, wo die strenge Arbeit feiert, habe ich Muße, in mich zu blicken rc." meint. Soll ״strenge Arbeit" sich mit מלאבה decken? Wir meinen doch, daß man am. Sabbath sehr viele auch ״nicht strenge Arbeiten" nicht verrichten darf. Ferner in dem Abendgebete des Versöhnungstages: ״Zu Dir bete ich mit gefalteten Händen und zerknirschtem Gemüthe." Abgesehen von dieser reizenden, geschmackvollen Zusammenstellung der gefalteten Hände mit dem zerknirschten Gcmüthe ist es uns bis jetzt nicht bekannt, daß eS jüdischer Brauch ist, beim Gebete die Hände zu falten. Bald darauf folgt das schöne Eingeständniß: ״Ich bin ein einfältiges und nnerfahreneS Geschöpf!" War derselbe Gedanke nicht etwas geschmackvoller anszudrücken? Wir machen mit Absicht gerade auf solche Sachen aufmerksam, da wir aus Erfahrung wissen, wie gerade von der Seite, auf welcher Verfasser und Mitarbeiter des vorliegenden Merkchens stehen, so oft über die angeblichen geschmacklosen KraftauSdrücke der Verfasser unserer altchrwürdigen Gebete geklagt wird. Nun, die Herren sollten sich doch sagen, daß sie in ihrem Gebetbüchlein gar oft es an Geschmacklosigkcitcn nicht fehlen lassen, und wohl daran thätcn, unsere älteren Paitanim auch im Punkte des Geschmackes zu sludiren. Daß cs auch im vorliegenden Werke nicht noch an anderen Geschmacklosigkeiten mangelt, beweist folgende kleine Blumenlese: ״Die Tugend, dies mein schönstes Gut, Wob mir mein Gott ins Lebensblnt."... ״Auch ich athme wieder frei und trete hinaus aus meiner Zelle." — Seit wann ist denn das Einzel- Haftsystem auch auf die Kinderstube ausgedehnt? Doch das Beste kommt zuletzt. Das Konfirmationsgebet für Knaben fängt folgendermaßen an: ״Ich suche heute ein stilles, einsames Plätzchen auf. Ich will allein sein, einsam vor Dir allein, mein Gott. Mein Herz ist voll. — Alles zieht sich in meiner Brust zurück. Mir wird'S so enge" — da kann einem wirklich selbst beim Lesen schlecht werden, ohne gerade Konfirmand zu sein. Ebenso sinnig fängt das KonsirmationSgebet für Mädchen an: ״Zart sind die Fühlfäden meines Herzens" —(Anmerkung: Wir haben bis jetzt niemals von einem Vergleiche des Herzens mit einem Insekte gehört.) — ״zart gesponnen sind meine Lebensfasern und werden vom reinsten Gefühle getragen. Schwach ist, was schwach gebaut, aber groß in sich!" — Herr, dunkel ist der Rede Sinn. Doch wir müssen uns von dem Merkchen verabschieden, von dem wir allerdings auch behaupten können, daß cs, da cs schwach gebaut ist, auch schwach ist. Ob aber groß in sich? — Wir bezweifeln es. R.....1. Erkannte Irrungen. Von Sainuel Bcrlhold Rosner. ״־ '' (.Ille Ncchtr Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Selbstverständlich wurde diese Frage unisono bejaht, und die Gesellschaft erhob sich. Franz von Colmar reichte galant Hedwig den Arm, Ella aber wartete nicht, bis ihr dieselbe Ehre von Seiten NafaclS zu Theil wurde, sondern rief, zum Schrecken ihrer Mama: ״Ich gehe mit Ihnen, Herr Bcrgbach!" Rafael verneigte sich und bot ihr den Arm. An der Spitze die beiden Matronen, dann Franz und Hedwig, zuletzt Rafael und Ella. Das war die Marschordnung, in welcher der kleine Trupp die Grotte verließ. Frau Gcrichtsrath von Colmar machte der Frau Doktor die schmeichelhaftesten Zugeständnisse bezüglich der Schönheit des Weges, welchen man bis zur Villa passircn mußte, sie fand aber auch so Manches zu bemangeln. Dieses große Rad von kleinen, pyramidalen Nadelbäilmeii da sei au und für sich recht hübsch, könne aber au keinem unpassenderen Platze stehen als an dem gegenwärtigen; dieses Blumenbeet, welches aus vier separaten herzförmigen Beeten besteht, die an der breiten, mit ihren Spitzen aber wie eine Art Windrose nach entgegengesetzten Richtungen auslaufcn, habe eine ganz leidliche Form hier, sei aber zu überfüllt mit grellfarbigen Blumen, die nicht zu einander passen, was einen ungesunden, pöbelhaften Geschmack verrathe; und daß dieses niedliche, einen kleinen Kreis bildende BoSquet