Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 15-16 (15.4.1886)
- Article
- Frankreich : Paris [Nachricht]
- Date
- 1886-04-15
- Page
- 244 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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244 Fr arikreich. %* Paris, 11. April. In dem schönen Nizza, wohin aus allen Theilc:׳. Europas alljährlich auch viele unserer Glaubensgenossen sich begeben, um ihre Gefundheit zu kräftigen, ist eine prachtvolle Synagoge erbaut und durch den Großrabbiner von Frankreich und die Rabbiner von Marseille und Nizza unlängst eingewciht worden. Bei dieser Gelegenheit haben die anwesenden jüdischen Honoralionen Frankreichs sowie dcö Auslandes ihre Opferwilligkeit durch zahlreiche Spenden bekundet. Möge nun auch die andere Art von Opferfreudigkeit bei uns Juden wieder ebenso allgemein werden, die Bereitwilligkeit, welche unsere Bäter am 10. Nissan, an jenem שבת הנחיל in Mizrajim bekundeten, dasjenige nämlich zum Opfer bereit zu stellen, was die Mitwelt abgöttisch verehrt, die Sinnlichkeit, den Materialismus. Möge die Bereitwilligkeit, uns nicht zu scheuen, mit unserem Religionsgesetze uns häufig in offenem Gegensatz zu der herrschenden TageSweisheit zu setzen, diese Erscheinung des עורף קשח ebenso als jüdische Nationaltugend'' gefeiert werden, wie die weltberühmte jüdische Wohlthätigkeit, dann wird wieder bald jenseit des mittet' ländischen Meeres die Metropole der Menschheit in neuem Glanze erstehen וערבה ל״ה מנחת יהודה וירושלים כיסי עולם וכשנים קדמגיות. N ußland. .. y. Petersburg, 6. April. Es geht das Gerächt von einem ,.Ukas" dcö Kaisers, welcher in den nächsten Tagen erscheinen wird. Der Inhalt sei der, daß die Juden von jetzt ab vom Militärdienste ausgeschlossen werden sollen. Dafür aber soll den jüdischen Gemeinden eine außerordentlich schwere Militärsteucr aufcrlcgt werden, welche von allen militärpflichtigen jüdischen jungen Männern, seien sie nun diensttauglich oder nicht, eingezogen werden soll. — Bis jetzt hat sich das Gerücht noch nicht bewahrheitet. Jedoch wäre cs durchaus nicht unmöglich, daß ein solcher Befehl hier zu Lande gegeben wird. Man will eben die russischen Inden zu Nichtangehörigen des russischen Reiches stempeln, sie möglichst herabsetzen und ihnen die Möglichkeit entziehen, sagen zu können, daß auch sic ebenso gut wie die nichtjüdischcn Russen für ihren Staat gekämpft und geblutet haben. — Nun ja, Ruß-!and hat genug Rekruten, auch ohne die Juden, aber Geld? — nicht ohne die Juden. . .z. Warschau, 9. April. Wie ein hiesiges Blatt meldet, soll dieser Tage wiederum ein Erlaß des Ministers des Innern gekommen sein, alle fremden Juden auszuweisen. In der kalten Wiuterzcit habe man die Austreibung nicht so streng betrieben aus Schonung für die Unglücklichen, mit Beginn des milden Frühlings jedoch würde das Werk, das im vorigen Jahre begonnen sei, mit erneuter Strenge fortgesetzt. — Trotz eifriger Erkundigungen habe ich doch nicht ausfindig machen können, ob jener Erlaß sich nur auf die fremden Juden bezieht oder allgemein auf alle Fremden. Mir scheint letzteres der Fall zu sein, da ja, wie auch bei Ihnen bekannt ist, Rußland Revanche nimmt für die Ausweisung russisch-polnischer Unterihauea aus Preußen. Rumänien. , .z. Bukarest, 8. April. Beim Beginn des Winters haben sechs friedliche und ordentliche jüdische Familien, die schon seit einem Vierteljahrhundert in dem Dorfe Dormonesti, Distrikt Bakau, heimisch sind, den Befehl erhalten, sich unvcrweilt von diesem Orte fortzubcgebcn. In besonders milder Regung wurde dieser harte AuSweisungsbescl^l bis zum Frühjahr vertagt. Sie sollten aber mit Ende März definitiv den Ort räumen, wo sie kein anderes Verbrechen begangen haben, als daß sie als Juden zur Welt gekommen sind. In Folge einer unmittelbaren Vorstellung im Ministerium ist ihnen nunmehr noch eine fernere Frist auf ein Jahr gewährt worden. Amerika. * Newyork, 29. März. Wir erhalten von Herrn Morris Wechsler, Redakteur der ״Ncwyorkcr Jüdischelt Zeitung" eine sehr interessante Zuschrift über die Kolonisation der Inden in Amerika, aus welcher wir das Folgende mittheilen: Die Kolonisation ist für uns eine unabschützbarc Wohlthat; sie schreitet langsam aber sicher vorwärts. Es hat sich ein sehr segensreich wirkender Verein אגודת עובדי אדמה für diesen Zweck gebildet, der zunächst auf Selbsthülfe beruht. Der Kolonist erwirbt von der Negierung 160 Acker Landes für den unbedeutenden Preis von 200 Dollar, welchen er ratenweise innerhalb einiger Jahre abtragen kann. Freilich ist dieses Land ein noch völlig jungfräulicher Boden, der noch niemals von der Pflugschaar berührt worden ist, und es erheischt die gänzliche Hingebung und die emsigste Arbeit, um diesen Boden urbar zu machen. Der Kolonist muß eine gewisse Begeisterung mit hinausnehmen in diese Wildniß, welche unter seinen Händen zu einem blühenden Menschcmvohnsitz mngestaltet werden soll. Und in der That sind unsere wackeren Kolonisten von einer solchen Begeisterung erfüllt. Sie wissen, daß es gilt, sich zu befreien von der Sklavenkette der Misere großstädtischer Verhältnisse, unter welchen der Unbemittelte sein kümmerliches Dasein fristet unter Sorge und Gefährdung der rcUglöfcu Zukunft seiner Kinder; cs gilt, des Pedlarstabs entrathen zu können und sich und den Seinen einen eigenen Acker und ein stetes Heim zu schaffen, in welchem die alte