Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 15-16 (15.4.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-04-15
- Page
- 239 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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239 wie im Sattel, in ihnen seinen Meister auf dem Turniere konversationeller Dialektik sprechen hörte. Daß die zwei bejahrten Damen von dieser Blumenlese geistreicher Gedanken nicht besonders erbaut waren, wird man wohl glaublich finden, ohne daß darauf geschworen wird. Die kleine, sechSzehnzährige, rosenwangige und goldhaarige Ella machte allein eine Ausnahme; ihr war dieses Thema nicht unleidlich, und sie hätte Rafael noch eine Stunde so sprechen;»gehört. Während er sprach, hing sic mit ungctheilter Aufmerksamkeit an seinen Lippen, und als er schwieg, schüttelte sie zustimmend ihren goldscheinumflossenen Kopf, ihre Angen leuchteten auf, und unwillkürlich liefcö halblaut über ihre Lippen: ״Sie haben Recht, Herr Bergbach!" ״Hahaha," lachte der Rittmeister jovial, ״cmpfangen Sie meine Gratulation zu Ihrer zukünftigen Lchrthätigkeit. Ihr Vortrag hat, wie ich bemerke, auf mein Schwesterchen einen geradezu vernichtenden Eindruck ausgeübt. Hahaha!" Er stemmte beide Fäuste in die Seiten und lachte so herzlich, daß ihm die Thränen in die Augen traten. ״Aber ich begreife Dich gar nicht, Franz." schmollte Ella in einer reizenden Verwirrung, welche die zart angehauchten Knospen ihrer Wangen in eine vollere Farbengluth tauchte, ״ich weiß wirklich nicht, was da zu lachen ist!" Rafael fühlte das Ironische, welches in der Bezeichnnng seiner Worte mit ״Vortrag" lag, aber er besaß so viel gesellschaftlichen Takt, um nicht einen Konflikt herauf zu beschwören; ja, das GcscllschastSlebcn ist nicht so uneigennützig wie man meint, eS verlangt oft für das Vergnügen, das es bietet, daß man manche schwer verdauliche Pille hinunterschluckt. Er stimmte also in das Lachen und Lächeln der Gesellschaft ein und bemerkte, zu Ella gewendet: ״Wenn ich wirklich so glücklich sein werde, auf meiner späteren Laufbahn irgend welche Erfolge zu erzielen, so wird der bleibende Eindruck, den Ihre heutige Bcifallsbezengung bei mir zurückläßt, einen bedeutenden Antheit au diesen Erfolgen haben. Das Lob eines so edlen Gemüthcs, welchem der Begriff der Schmeichelei fremd ist, wirkt ungemein aufmunternd und erhebend. Ich danke Ihnen dafür, Fräulein Ella." Hedwig ließ zwischen den bedeutungsvoll zwinkern׳- den Lidern einen schelmischen Blick von Rafael zu Ella gleiten. Auch die hochwohlgeborcne Frau Gerichtsrath zwang sich zu einem süßsauer!, Lächeln, unter ihren langen, selten ganz aufgezogenen Wimpern aber irrte ein heimlicher, recht unfreundlicher Blick hervor und suchte den Augen des unartigen TöchterlcinS zu degegnen. Das selbstvergessene Uebersprndeln des Kindes war nämlich den strengen Blicken der hochwohlgebornen Dame wie ein Fleck erschienen, der geeignet wäre, die reine Glorie des Stammbaums derer von Colmar zu trüben, während das ziemlich gefühlswarme Lob Ellas in dem Munde des jüdischen Studenten sich zu einer häßlichen Raupe entwickelte, die ein ganzes Blatt von diesem Baume auffraß. Aber zu ihrem größten Verdruß wollte es Ella um keinen Preis einsallen, zu ihr jetzt aufznblicken; der kleine Schelm mochte ahnen, daß man ihm anflauere. Frau von Colmar mußte sich begnügen, ihrem Verdruß nach einer andern Richtung ein Ventil zu öffnen. ״Ich habe mich bei Ihnen noch gar nicht entschuldigt, liebe Hedwig," sagte sie, ״daß wir Sie hier aus Ihrem Stillleben gestört haben. Gelegentlich, da unsere Morgcnpromcnade uns hier vorüberführte (daS ״gelegentlich" sagte sie in einem nachlässig gedehnten Tone, welcher leicht für affektirlc Gereiztheit angesehen werden konnte; in Wirklichkeit aber-sollte diese Dehnung ein Skorpionschweif, mit einem diversen Stachel am Ende sein), denn!vir machen regelmäßig jeden Morgen unser» Spaziergang, dachte ich mir, ich!nüßte doch Nachsehen, was die lieben Freunde machten. Wir trafen die Frau Mama allein, und blos auf ihr Zureden entschlossen wir uns, Sie hier auszusuchen. Ein recht artiger Winkel das." ״Aber keineswegs repräsentabel genug um solche geschätzte und vornehme Gäste ausznnchmeu," versetzte -Hedwig, sich leicht verneigend ״Wir bleiben ja auch nicht lange hier," bemerkte Frau Friede, ״ich wollte den Herrschaften nur zeigen, was wir ans der verwilderten Höhle gemacht haben, welche voriges Jahr noch ganz von ׳ Schlingpflanzen überwuchert war. Wir nehmen hier nur einige Erfrischungen, welche schon bestellt sind und geleiten dann die Herrschaften in die Villa." ״Ich meinerseits," sagte der Rittmeister, Hedwig ins Antlitz blickend, ״kann mich hier über nichts sonst beklagen, als über das Halbdunkel, welches hier herrscht. Es raubt mir zu viel von Ihrem Anblick, Fräulein." ״Meinen Sic....'?" lachte Hedwig. ״Und wer sagt Ihnen, daß ich nicht zu jenen Dingen gehöre, die eine starke Beleuchtung nicht vcrlragen können?...." ״O, mein Fräulein, wir Strategen haben geübte Augen. Wir müssen uns gewöhnen, genau zu bestimmen, wie ein Terrain, welches wir blos in der Abenddämincrung scheu können, in der Beleuchtung der Mittagssonne sich darstellen dürste." Zum maßlosen Entsetzen der Frau GerichtSrath sprang Ella plötzlich mit einem Ausruf der Ueberraschung von ihrem Sitze auf und eilte quer durch die Grotte zu Hedwig. ״Ah — was sehe ich, Fräulein Hedwig," ries