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Jeschurun · 1886-04-08 · Heft 14 (8.4.1886) · p. 219

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 14 (8.4.1886)
Article
Deutschland : Bückeburg [Nachricht]
Date
1886-04-08
Page
219 (sequence 2)
Language
German
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219 nach Tendenz unb Inhalt derartig, baß wohl bie Mehrzahl der Deutschen, namentlich auch bie Juristen, derselben Ansicht seien. Etwas Schmähendes sei Weber in dem ganzen Artikel, noch speziell in dem in Frage stehenden Passus enthalten. Das Reichsgericht habe in mehreren Erkenntnissen entschieden, baß eine herbe Kritik noch keine Beschimpfung sei, wenn nicht schmähende Form hinzukomme. Materiell wolle er nur bemerken, baß doch notorisch bie Inden einen unvcrhältnißmäßig hohen Prozentsatz zu Meineidsprozessen stellen, also der Versuch diese Erscheinung zu erklären, sehr wohl gegerechtfertigt sei. Herr Leuß führte in seinem Schlußwort aus, baß der Talmud, insbesondere der Auszug ans demselben, der im Ui. Jahrhundert in Venedig erschienene Schulchan Aruch, die bedenklichsten Lehren enthalte. Diese für die Inden auch als bürgerliches Gesetzbuch geltcudc Schrift, erkläre bas Eigcnthtun der Christen für vogelfrci, den Meineid unter Umständen für erlaubt, und die Entbindung non der Schuld eines solchen für statthaft. Das Ko! Nidrc-Gcbet habe schon seit drei Jahrhunderten den Borwurf herausgcfordert und hcrvorgcrufcn, daß die Juden nach dein Inhalt desselben eine Vernichtung des falschen Eidschwurs, des geschworenen und zu schwörenden, für möglich halten. Redner belegt dieses mit zahlreichen Beispielen ans Schriften von Juden, Konvertiten, Neforinjuden und Talmudgclchrten. In diesen! Jahre 188!) habe ein Rabbiner Di׳. Lissan in der ״Allgemeinen Zeitung des JudcuthnmS" erklärt: ״So lauge das Kol-Ridre-Gcdct in der Synagoge üblich, müsse der Jude crröthen, und so lange fordern die Inden die Gesetzgebung geradezu gegen sich heraus." Das habe ein Jude in! Interesse des Judeuthums geschrieben. Er, Redner, habe sich viel milder ausgedrückt; sollte er trotzdem nach dem geschriebenen Recht als der Beschimpfung für schuldig vcrnrtheilt werden, so könne er nicht umhin, hier zu erwähnen, daß jüdische Literaten sich über die Person Jesu, über Institutionen der christlichen Kirche nnd christliche Korporationen, in den ärgsten Bcschimpsnngen ungestraft ergehen dürften, und daß ihm dann der Beweis der Wahrheit seiner Vorwürfe gestattet werden müßte. Er glaube, cs sei sein Recht, freigesprochen zu werden, da er nur als gewissenhafter Journalist seine Pflicht gcthau imb ohne Schmähung einen Verdacht geäußert, der nicht ohne Begründung sei. Der Gerichtshof zog sich für kurze Zeit zurück und verkündete das Unheil, welches auf kostenlose Freisprechuug lautet. Zur Beschimpfung gehöre rohes Schimpfen; das sei aber in den' iukriminirtcn Worten absolut nicht gethan, cs sei deshalb gleichgültig, ob der geäußerte Verdacht gercchtfcrtig oder nicht, auch ob der Angeklagte die Absicht der Beschimpfung gehabt habe, oder nicht. Oesterreich-Ungarn. * Wien, 29. März. Am 25. März fand in Wien, wie die 9״k. j. P. Z." meldet, eine Bauernversanunlung, über 1800 Köpfe stark, statt, welche in Zukunft eine eigene politische ׳Bauernpartei in Oesterreich gründen will. Dieser Verein will aus seiner Mitte allen Rationalitüteuhadcr fern halten. In seiner Resolution heißt cs unter Andern!: ״Wir verdammen die Bestrebungen der antisemitischen Hetzpartei, die nur auf einem Lügeusystcm beruht nnd das Volk zu verbrecherischen Ausschreitungen mißbrauchen will!" s. Wien, 50. März. Wo die Bosheit mit der Dummheit vereinigt ihr Wesen treibt, da giebt es keine andere Abhülfe als die Gewalt. Da!!!acht sich jetzt in der Metropole Wien, dem Sitz der Intelligenz und Bildung, ein recht zeitgemäßes Unwesen breit. An einen! Hause in der Leopoldstadt fällt uns eine Tafel in die Augen, welche die sinnreiche Aufschrift trügt: ״Inden ist der Eintritt verboten." Und dieser Fall steht nicht allein. In der Umgebung der Residenz ist die Sache noch schlimmer. An zahlreichen Villen, welche von den reichen Wienern zur Sommerszeit als Luftkurort gciniethet werden, auch in den Badeörtern, wie in Baden, findet inan Plakate, wie: ״Diese Villa ist zu vermiethen und kostet dieselbe für Christen <;00, für Juden dagegen 1000 Gulden!" Nun, cs ist doch wenigstens gnädig von den edlen -Hänserbesitzern, daß sic doch Geld von den Juden nehmen. — UebrigenS wäre cs wohl au! Platze,!venu die Polizei gegen solchen wirklich polizeiwidrig dummen und boshaften Unfug einschritte. t'. Wien, 1. April. Gelegentlich der Gemeinderathswahlen!nacht die ״N. Fr. Pr." folgende höchst komische Schilderung von den Anstrengungen der Antisemiteu im dritten Wahlbezirke Landstraße,!vo von ihnen gegen den freisinnigen Kandidaten 1)1׳. Grübt der Antisemit Vetter ausgestellt ist: ״Fast hält cs schwer, den Kampf, den die Antisemiten in diesem Bezirke gegen Dr. Grübt ausgenommen haben, ernst zu nehmen. Ihr Kandidat, Herr Vetter, steht seit heute Morgens in schwarzer Galakleiduug auf dem Wahlplatze, den Chapeau daque mehr in der -Hand als aus dem Kopse, das jugendliche, einem Auslug von Bart sehnsüchtig entgcgenblickende Gesicht zu einen! freundlichen, um Stimmen bittenden Lache!!! verzogen. -Hin nnd wieder naht sich ihn! ein etwas auffälliges Jndividum, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Es ist irgend ein Agitator der ״Partei". Dann wieder tritt cin bissig ausschender alter -Herr an ihn heran, den! man ansieht, daß er nicht blos ein paar Söhne Israels, sondern im Rothfalle auch den -Herrn Kandidaten selber ausessen möchte, nnd schüttelt ihm die -Hand; der Herr Kandidat kann

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