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Jeschurun · 1886-04-08 · Heft 14 (8.4.1886) · p. 216

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 14 (8.4.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-04-08
Page
216 (sequence 2)
Language
German
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er athmete tief auf, der sonst so beredte Mann schien nach Worten zu suchen. ״Ich habe mir erlaubt, Frau Müller," begann er endlich in seltsam gepreßtem Ton, ״ich habe mir erlaubt, Sie um. diese Unterredung zu bitten, weil ich weil ich — ich habe freilich bereits erfahren, daß ich mich Ihrer Gunst leider nicht erfreuen darf —" ״Bitte, bitte, Herr Doktor! — ich weiß nur allzu wohl, wie vielen Dank wir Ihnen schulden." ״O, Frau Müller, wenn Sie mich nicht verletzen wollen, so reden Sie nicht von Dank." ״Dann muß ich freilich schweigen," entgegnete sie lächelnd, ״denn verletzen möchte ich Sie um Alles in der Welt nicht." ״Aber von Anderem als von Dank möchten Sie auch nicht mit mir reden?" fragte er dringend. Sie war nicht im Staude, seinen Blicken zu begegnen und senkte die ihren zu Boden. ״Ich verstehe Sie nicht," sagte sie leise. ״O, Sie verstehen mich! — Sie verstehen mich!" — erwiderte er heftig, aber Sie haben Recht, ich mutz mich trotzdem deutlicher auSdrücken und selbst auf die Gefahr hin, nochmals dem Ausdruck Ihrer Abneigung zu begegnen." ״Abneigung —" siel sie abwehrend ein, ״bitte sehr, Herr Doktor, wie können Sie von Abneigung reden." ״Nicht?" rief er freudig, ״Sie mären mir nicht abgeneigt? — also dürste ich eS wagen — dürste ich hoffen? —" ״Das habe ich nicht gesagt," flüsterte sie. ״Freilich nicht — freilich nicht. — Aber — 0, Frau Müller — Sie wissen, wie ich für Sie fühle. — Ich habe mir bereits einmal erlaubt, Ihnen meine Hand anznbieten — und bin abgewiesen worden. — Obgleich ich noch hellte keinen sehnlicheren Wunsch feinte, so hätte ich Sie dennoch um keinen Preis mit Erneuerung meines Antrages belästigt. — Doch die letzten Worte Ihres sterbenden Schwiegervaters haben mich ermlithigt. — Sie selbst haben sie vernommen. — Und darum wage ich eS noch einmal, zu Ihnen zu flehen. — Tirza — nehmen Sie meine Hand an. — Bedenken Sie, — Ihr sterbender Schwiegervater hat Sie meinem Schutze empfohlen." Ein leises Zittern hatte sich ihrer bemächtigt, nicht um Alles in der Welt wäre sie im Stande gewesen, in diesem Moment zu ihm anfzublicken. Noch dringender fuhr er fort: ״Sie stehen allein in der Welt, denn Ihr Kind 11nb Ihre Schwiegermutter können Sie nicht stützen — im Gegentheil, Sie müssen beiden Stütze sein. — Und wenn ich auch in uneigennützigster Hingebung mich Ihren Interessen hingeben wollte, ich könnte eS nicht, ohne Ihren Nus zu schädigen. Denn Sie sind viel zu jung, und ich bin noch nicht alt genug, um die Welt an ein freundschaftliches Berhältniß glauben zu machen. — O, weichen Sie meinem Blick nicht so beharrlich ans!" flehte er. ״Tirza! — Tirza — weisen Sie mich nicht abermals zurück! — Und wenn nicht um Ihrer selbst willen oder um meinetwillen, so thun Sie es um Ihres Kindes willen, daß Sie meine Hand annehmen. —׳ Er wird mir theurer sein, wie mein eigener Sohn, das schwöre ich Ihnen. Darf ich hoffen, Tirza, darf ich? ״Ich würde nicht in Sie dringen, sich in dieser Stunde entscheiden zu wollen, würde Sie vielntehr bitten, meinen Antrag nochmals ״in genauere Erwägung ziehen zu wollen, — aber er kam Ihnen nicht unvorbereitet, ich weiß es — Sie mußten ihn erwarten — und darum bin ich überzeugt, daß Sie mit sich bereits im Klaren sind. — Also?" Er war längst ausgestanden, seine leidenschaftliche Erregung hatte den höchsten Grad erreicht, — wie der Stütze bedürftig, hielt er mit der linken Hand die Lehne des Sessels krampfhaft umschlossen, während er die rechte mit einer Art Gewalt gegen die Brust stemmte; in athemloser Spannung schaute er zu ihr nieder. ״Herr Doktor," begann sie endlich leise. ״O mein Gott!" stammelte er, ״das ist mein Urtheil — diese kalte Anrede enthält Ihre Antwort! — O Gott! — 0 Gott! — Ist eS Ihnen denn unmöglich, Ihren Widerwillen gegen mich zu überwinden?" Langsam hob sich jetzt ihr Blick und begegnete dem seinen, sie schaute ihm voll und ernst in das erregte Angesicht. ״Sie haben mich mißverstanden, Werner wie oft muß ich Ihnen wiederholen, daß ich weder Ab- Neigung noch Widerwillen gegen Sie empfinde. — Wenn ich jedoch trotzdem und trotz meiner verlassenen Lage zögere, die Hand des ManneS anzunehmen, für den ich die innigste, die aufrichtigste Hochachtlmg empsinde, so ist eS, weil ich Ihre Gefühle für mich kenne, und weil ich der Ansicht bin, daß dieselben durch Anderes erwidert werden sollen als durch Hochachtung. — Aber dieses Andere — ich glaube, jeder Mensch ist nur einmal im Stande, eS zu empfinden — und ich — Sie wissen eS — ich habe eö bereits einmal empfunden." (Fortsetzung folgt.)

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