Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1886)
- Article
- Die Antisemiten im österreichischen Reichsrath
- Date
- 1886-04-08
- Page
- 215 (sequence 2)
- Language
- German
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er Bauer, dann entzieht er dem״׳antochthonen Arier" den väterlichen Boden; greift er zur Feder, daun ist er der ״korrupte Preszjude;" wählt er endlich einen gelehrten Beruf, dann soll eine Schutzzoll-Linie gegen die wissenschaftliche Konkurrenz errichtet werden. Ist das nicht ein komplctcS System der Aushungerung? Bor zwanzig Jahren hätte Jedermann diese Aenßerungcn für Delirien eines Fieberkranken gehalten, heute wagen sie sich im Parlament au das volle Tageslicht, Wahnwitz ist ein Parteiprogramm." Waudclungen. von Friedrich Rotl. (Nachdrucl verboten.) (Fortsetzung.) Der lichte Moment war vorüber, die Augen hatten sich wieder geschlossen, der letzte Kampf hatte begonnen. Die Mitglieder der Begräbnißbrndcrschaft wurden herbeigerufen; als der Morgen graute, hauchte der Löwenwirth seinen letzten Athcmzug. Der plötzliche Tod des braven, wohlthätigen Mannes, der seit einem Bierteljahrhundert das Amt eines GemeiudevorstcherS mit musterhafter Treue vcrwaltet, erregte allgemeine Trauer; nicht nur die ganze Gemeinde, auch sämmtliche nichtisraelitische Bürger der Stadt betheiligten sich au seinem Begräbnisse. Maunigfache Beweise der Thcilnahme erhielten auch die Leidtragenden, die Wittwe und ihre Schwiegertochter. Seltsam, Tirza hatte so sehr für die kränkelnde alte Frau gebangt, hatte gefürchtet, daß dieses neue Unglück sie vollends darniederwcrsen werde, und nun ertrug sie es mir wahrhaft stauncnswerther Fassung. ״Ade, mein guter Löb, Ade," flüsterte sic, ״Du bist nun b׳ei unseren lieben Jungen — grüße sie von nur — ich komme auch bald — recht bald." Tirza empfand den Verlust ihres Schwiegervaters weit tiefer, als dieses unter gewöhnlichen Verhältnissen zu sein pflegt, mit ihm war ihre letzte Stütze zu Grave getragen. Früh verwaist, erinnerte sie sich ihrer eigenen Eltern kaum, schon als dreijähriges Kind war sie in das HanS ihres Vormundes und später!! SchwiegervaterS gekommen, der im Vereine mit seiner wacker« Frau ihr die Eltern so vollkommen ersetzt hatte, daß sie Beide mit der innigsten Liebe umfaßte. Die letzte Sorge des Entschlafenen hatte auch ihr gegolten, denn er wußte wohl, daß seine schwache, blinde Frau unten ihrer Obhut keiner Pflege entbehrcn werde. So weit seine Kräfte reichten, hatte er für seine Hinterbliebenen mit möglichster Voraussicht gesorgt, denn sein Tod, so plötzlich er ihn auch ereilte, hatte ihn doch nicht unvorbereitet grtroffcn. ES hatte sich nämlich ein Testament gefunden von vor wenigen Monaten, unmittelbar nachdem Tirza Werners Antrag zurückgewiescu hatte. In diesem hatte er den Doktor zum Vormund seines Enkels ernannt. Auch fand sich ein Schreiben an seine Schwiegertochter, in dem er dieselbe dringend beschwor, falls der Arzt seinen Antrag erneuern würde, denselben doch anzunehmen. Im Gasthof ״Zum Löwen" schien Alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Unter Tirza'S trefflicher Leitung konnten die Gäste den Hausherrn nicht vermissen; nach wie vor war der Löweuhof der frcquentirtcste Gaslhof des OrteS. ES war an einem schwülen Nachmittag, Tirza befand sich im Gastzimmer, in dem um diese Zeit nur wenige Besucher weilten. Einige Rechnungen vor sich, saß sie da, den Arm auf den Tisch gestützt, die Stirn in der Hand. In trüben Gedanken versunken hoben Seufzer ihre Brust. Sie fühlte sich so einsam, so verlassen. — Daß sic den Antrag des Arztes zurückgewiesen, sic konnte eS zwar nicht bereuen — doch wenn er ihn gegenwärtig wiederholen würde, ob nicht die Verlassenheit ihrer Lage sie zu einer Aendcrung ihres Entschlusses veranlassen würde? Eben gedachte sie seiner, da ging die Thür aus, Doktor Werner trat in das Zimmer. Seit der Todesstunde ihres Schwiegervaters hatte sie ihn nicht gesehen, und sie fühlte nun, lute bei dieser ersten Begegnung das Blut ihr in die Wangen stieg. Doch sie zwang sich, wenigstens unbefangen zu erscheinen, indem sie seinen achtungsvollen Gruß erwiderte. ״Gilt Ihr Besuch, Herr Doktor, dein Löweuhof oder meiner Schwiegermutter?" fragte sie, einen scherzcnden Ton erzwingend. ״Wenn, wie ich hoffe, Ihre Frau Schwiegermutter sich wohl besindet, so inöchte ich mir wohl erlauben, Sie selbst um eine Unterredung zu bitten." Tirza's Verwirrung nahm zu und, auf einen Sesffl ^ntcub, bat sie den Arzt, er möge sich uicderlasseu. ״Hier?׳ fragte er, ״dürfte ich mir nicht erlauben, Sic nm eine Unterredung unter vier Augen zu bitten?" ״Daun muß ich ersuchen, mich hinüber zu begleiten." Sie schritt voraus, der Doktor folgte, dennoch gewahrte er, wie die Gluth in ihre Wangen stieg, denn ihr sonst blendend weißer Nacken röthete sich. Ein hoffnungsvolles Lächeln umspielte seine Lippen. Sie öffnete die Thür eines gegc-uübcrliegendeu Zimmers und bat ihn, eiuzutreten, reichte ihm einen Sessel und setzte sich selbst ihm gegenüber. Das Lächeln war von seinen Lippen geschwunden,