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Jeschurun · 1886-04-01 · Heft 13 (1.4.1886) · p. 206

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 13 (1.4.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-04-01
Page
206 (sequence 2)
Language
German
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206; d6!1:1 diese tendenziöse Entstellung und Uebcrtrcibung. " sobald cs sich um Juden handelt. Was ist denn dieser ' Verein mehr als hundert andere unter den verschieden- : ftcn Nationalitäten mit ähnlicher Tendenz, an welchen 5 Niemand etwas zu beanstanden findet?— Jene stören j die Einigkeit unter den Menschen in demselben Maße, wie dieser, und wenn ich auch weit entfernt bin, ein : Unrecht mit dem andern entschuldigen zu wollen, so? muß ich doch mit jedem ehrlichen Menschen wünschen, daß überall nur die Waffen der Gerechtigkeit in Ani Wendung gebracht werden." ״Aber,!non cliei* Rafael, verzeihen Sic mir, ich muß Ihnen wicdersprcchcn. Gerade wir sind dein : Manne für Liese energische Abweisung zu besonderem : Dank verpflichtet, denn wir sind es, welche die Folgen; ähnlicher Mißgriffe am meisten zu spüren haben. Wir I werden durch ähnliche Bortonunnisse bei unseren christ-; lichcn Freunden diskrcditirt, unsere Stellung in der; Gesellschaft wird erschüttert und und erschwert. --׳ Ich / sehe die Zeit nahen, mein Freund, wo wir uns ge-; zwangen sehen werden, durch einen energischen Schritt und ein für alle Mal von dem Berdachte zu befreien, dtf : ob auch wir zu der ehrbaren Sippe und ihren tolli händlerischen Anwandlungen in irgend welcher Be- Ziehung ständen." OiafacL überkam ein unangenehmes Gefühl; das : Gespräch lenkte sich auf ein Gebiet, welches er nur i ungern berührte. Bcrmaledcir! — daß einem die i leidigen sozial eil Fragen selbst die Gesellschaft eines : schönen Mädchens verkümmern müssell! ״Was belieben Sie imtci* dem energischen Schritt : zu verstehen?" fragte er mehr ans Höflichkeit als ans Interesse. ״Die endgültige Lossagung von den nnbegliemcn Vettern." ״Sic— in einen doch nicht etwa gar die Taufe?" ״Warum nicht?" cntgcgnctc Hedwig, mit dem harmlosen, lächelnden Staunen, als ob sie ihrer Berwundcrung über die Behauptung Ausdruck geben wollte, daß eine anfgeblühte ׳Nelke im Haar nicht ebenso gut passe wie eine Rosenknospe. . ״Wanun lticht? Sehen Sic nur, n׳ie viele Bortheilc uns diese Kleinigkeit bietet...." Sie legte die Elfenbeinspitze ihres Sonnenschirmes an das Ende ihres Zeigefingers; sie wollte wahrscheinlich diese Bortheile an den Fingern abzühlcu. Das fehlte iiori)! Ja, so ist cs, wenn anmnthigc Korallenlippcn über Sozialpolitik sich atislassen. ״Gnade, Pardon!" rief Rafael, der endlich einen Ausweg aus diesem Dclemma gesunden hatte, einen scherzhaft launigen Ton anschlagend, ״mit der beza-ingcuden Macht dieser rosigen Finger wage ich cs nicht aufzunehmen, — ich gebe mich gefangen! Gestatten Sie mir huldvoll, daß ich der glorreichen Siegerin meinen ersten Basallcutribut in Form dieser .Karte überreiche." Er nahm eine Logcnkartc zu dem morgen stattfindenden. Frühjahrsrenncu ans der Tasche und überreichte sic ihr. ״Sie sind ein geschickter Taktiker," sagte Hedwig, schelmisch mit dem Sonnenschirm drohend — ,/doch, Sic haben Recht. — Ich danke Ihnen. Haben Sie noch einen guten Platz bekommen können?" ״Ich habe dem tapfern alten Herrn, dem Pensionirten General von Degen, der Heuer Präsideitt des " Wettrennkomitecs ist, an den Rand der Verzweiflung gebracht. Drei Karten habe ich ihm znrückgcgcbcn, da mir der Platz, auf welchen sie lauteten, nicht Zusagen wollte. Er jammerte, daß alle anderen Plätze schon. vergeben oder vorgemcrkt seien, als ich aber nicht weichen wollte, gab er mir endlich, jeden einzelitcn Jockei samntt dem nnglückscligen Menschen, der die Wettrennen erfanden hat, n!it tausend Donnerwettern segnend, diese vierte Karte. Als er mir sic übergab, brummte er, indein er mit kannibalischer Grausamkeit seinen weißen Schnurrbart maltraitirte-. ״Diese Karte hat eine fünfzigjährige, kurzsichtige Jungfrau bei mir bestellt, welche mit andern Altersgcnossinncn zum Wettrennen koinmcn null. Himmel sakrament — wird das ein sturmgepeitschter Kaffee sein morgen! Sie, junger Mensch, ich Hab' graue Haare. ich gebe Ihnen die Karte nur unter der Bedingung, das; Sie die frommen Wünsche, welche die Kaffceschwcstern im Ehor für mich zum Himmel werde!; steigen lassen, auf Ihre eigene Seele laden." Erst als ich das versprach und mich sogar bereit erklärte, darüber eine schrijtliche Verpflichtung ansznstellcn, war die Angelegenheit beigclcgt." ״Ueberlassen Sie cs nur, den alten Schlachtengcwimmcr wieder zu versöhnen. Der alte Herr hat bei aller äußerlichen Ungeschlachtheit ein sehr fricdsaincö und versöhnliches Gemüth." Der Grotte näherte sich das Geräusch von Schritten und Stimmen, ans welchem ein leiser Klang von Sporen und das Schliefen eines Säbels heransdrang. ״Belieben voraus zu gehen," hörte man die Stimme der Frau Doktor Friede und gleich daraus betrat Frau Gerichtsräihin Eolinar mit der kleinen Ella die Grotte, welchen Frau Friede an dem Arine eines jungen Husarenrituneisters folgte. Hedwig hatte sich erhoben und war den Kommenden einige Schritte entgegen gegangen. ״Mein Sohn Franz!" sagte die Frau Gerichtsrath, den jungen Offizier vorstellcnd, ״Fräulein Hedwig Friede!"

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