Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-03-25 · Heft 12 (25.3.1886) · p. 188

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 12 (25.3.1886)
Article
Österreich-Ungarn : Koritschau [Nachricht]
Date
1886-03-25
Page
188 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933167--21492-2964977
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

188 rathsrede am 5. d. M. dankte D1\ Haasc mittelst ■ Zuschrist vom l 3. März l. I. und schloß sein Schreiben | mit folgendem Passus: ״Für die im Antisemitismus vertretene GcisteSrichtnng kann und darf die gebildete Welt kein anderes Gefühl haben, als das der tiefsten : Verachtung." *||* Pest, 18 März. Aus Zala-EgerSzcg, wo demnächst eine Ersatzwahl für den Reichstag stattfindct und wo die Kandidatur dcS Antisemiten Emil Szemncez bisher nicht bestritten ist, trifft die Meldung ein. daß in Folge der Wahlagitation eine große Gährnng in der Bevölkerung sich bemerkbar mache. Gestern Abend wurden den jüdischen Insassen die Fenster eingeschlagcn. Heute sind von Kanizsa zwei Kompagnien Infanterie dahin abgcgangen. *||* Pest, 20. März. In der vorgestrigen Sitzung dcS Abgeordnetenhauses tummelten die Herren Anti׳ scmiten einmal wieder ihr Streitroß, daß sich gewiß jedes wackere Antiscmitenherz daran ergötzte. Dieses Mal war eS der ehrwürdige Geistliche und Abgeordnete Komlossy, der sich auf demselben produzirte. Er schimpfte über die schmutzliebendeu skandalsüchtigen, im Dienste der Inden und der jüdischen Interessen stehenden Zeitungen, welche Gott entthronen und den Teufel auf den Thron erheben wollen. Der dem geistlichen Stande augehörende Redner kennt auch die ״PiknnS Inpot" (״Pikante Blätter"), denn er sagte, man könne doch den Redakteur dieses Blattes mit dem Redakteur des ״Ncmzct" nicht auf die gleiche Stufe stellen. Die Politik und die öffentliche Meinung Ungarns werden von 1mreifen Inden buben und von Individuen, welche ihre Laufbahn verfehlten, gemacht. Die Inden donnniren die Presse, und doch seien sie auf geistigem Gebiete unproduktiv. DaS Ansehen des Abgeordnetenhauses und der Abgeordneten sei gesunken; auch das haben die Journalisten - verschuldet, die vom Theater, vom Zirkus in der Sandorgasse reden n. s. w. und wünschte, daß die jüdischen ZeitnngSredakteurc nicht den christlichcu in Bezug ans deren Stellung in der Gesellschaft gleich geachtet werden sollen. — Ihm erwiderte der Demokrat Ugron n. A.: Wir pflegen mit den Antisemiten nicht zu streiten; auch sind wir von den Inden nicht beauftragt, sie zu verlheidigen. Aber es ist unser unerschütterliches Prinzip, daß man zwischen Menschen und Menschen, zwischen Bürgernnnd Burgern keinen Unterschied machen darf. Aber wenn ich hier höre, die Inden seien auf geistigem Gebiete unproduktiv, so wundert eS mich, daß eben ein Geistlicher dies sagt, der in der Kirche gar nicht sprechen könnte, wenn er nicht das Alte und das Neue Testament hätte, und doch wurden beide von auf dem geistigen Gebiete unproduktiven Inden geschrieben. — Gegen diese wnchtigen Hiebe trachtete GezaNaez seinen Gesinnungsgenossen in Schutz;11 nehmen, wobei er unter Andcrm sagte, das Zalacr Komitat habe schon einen jüdischen ObergespanS-Kandidatcn, und in Ugron's Komitatc werde demnächst ein Jude zmn Vizcgcspan ernannt werden. — Darauf erhob sich der Minister-Präsident TiSza: Machen wir diesem gar nicht erbaulichen Ideenaustausche ein Ende. (Komlossy: Es handelt sich nur lim Gercchtigkeit!) Wenn ich gerecht sein will, so sehe ich zweierlei Gattungen von Menschen. Die Eincil fragen: Bist du ein ehrlicher Mcllsch oder nicht? Zn diesen gehöre ich. gehört die große Majorität dieses Hauses. Dann giebt cS Einige von denen wir hören: Bist du ein Ehrist oder ein Jude? Die Christen sind Engel, die Ilidcn sind Teufel. ES wäre schade, solchen Menschen Rede zu stehen. * Prag, l 5. März. Der Philosophie-Kandidat an der hiesigen Universität Herr Karl Wolf, der politisch gravirte, Sohn eines Schuldirektors in Neichcnberg, von exzessiver dcutschnationaler GesinnnngStüchtigkeit, hat in der hiesigen akademischen Burschenschaft Ghibelinia, als deren bcilioosteS Haupt er sich im Hinblick auf seine sich von Jahr zu Jahr mehrende Scheu vor jeden Examen mit Fug nild Recht betrachten kann, den Antrag gestellt, alle Iliden anSzuschließen. Den Ruhm, welchen sich einzelne, zumal Wiener Stndcntcnvercine in neuerer Zeit durch die häufig versuchte, oft auch thatsächlich durchgesührte Eliminirling von Kommilitonen jüdischer Konfession erworben haben, fand indcß. zur Ehre der Prager Studentenschaft sei eS gesagt, die überwiegcildc Mehrheit der Ghibelillia nicht begehrenSwerth genug ilnd setzte nicht ihre Inden, soildcrn — den antisemitischen Antragsteller vor die Thüre. Für judcnfeindlichen ZelotismuS ist eben Prag ein wenig geeigneter Boden. (Oesterr. Wschst.) Lemberg, 13. März. In dem ״Dzicwnik Polski" wird zu dem glücklich beendeten Nitter'schen Prozeß bemerkt. ״Der KassationShof, bestehend aus einem Senat von 7 Richtern und dem Gcneralproknrator hat einstimmig das Verdikt unserer galizischen Geschworencngerichte aufgehoben und die Nitter'schen Ehe- Icutc von der Beschuldigung des Mordes der Mnich befreit. Endlich wird diese traurige Angelegenheit von der Tagesordnung verschwinden. Wir sagen traurig, denn cö hat sich gezeigt, daß man in Galizien ,;um Tode durch den Strang vnnrtheilt werden kann, ohne genügende Beweise, durch ein Gericht, zusammengesetzt von Mitbürgern. DaS Urthcil, von dem wir sprechen, fällten vorurtheilslose Männer gegen jede Erwartung, denn es fehlten alle > psychologischen Momente, die die Anklage unterstützen konnten. Es können übrigens noch merkwürdige Sachen in dieser Angelegenheit zu Tage treten. Auch daö ist nicht unmöglich, daß die ermordete Mnich in irgend > einem Winkel sich vorsindet; denn cS wurde keineswegs

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.