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Jeschurun · 1886-03-10 · Heft 10 (10.3.1886) · p. 159

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 10 (10.3.1886)
Article
England : London [Nachricht]
Date
1886-03-10
Page
159 (sequence 2)
Language
German
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Beispiel. Dieses die Meinung des einflußreichen! WeltblattcS. j N ußlaild.! * Niga, Februar. Gegenwärtig ist von Seiten! deS Kriegsministeriums die strikte Weisung ergangen, fortan keine Studenten jüdischer Religion, ohne jedes Mal vorher eiuzuholcude spezielle Genehmigung dieses Ministeriums, zu dem der Anstellung im Petersburger Militärbezirke vorhergehenden KcmkurSexamcn zuzulassen. Diese Vorschrift wird durch den Umstand bcgründet, daß die Zahl der jüdischen Acrzte im PetcrSburger Militärbezirk nicht die vorgeschriebene Zahl von 5 Prozent übersteigen solle. (Nig. Ztg.) Erlunultk Irrnilgtil. Von Samuel Bcvthold Nosner. (Alle Ncclnc vorbet׳altcn.) (Fortsetzung.) Himmelblaue und roscnfarbige Negligceroben schimmertet! an mancher Stelle durch die Lücken deö LaubcS, und oft mischten sich frohe Lachklängc, Hin- und Widerrufe oder eine heitere, laut geführte Konversation in den Sabbathsricdcn der Natur. Auf den Wegen konnte man oft einsame, in die Betrachtung der Naturschönhciten versunkene Lustwandler antreffen, mitunter wohl auch eine glänzende Karosse, welche von einer Villa zur andern, in die Stadt oder von derselben rollte. Die Villegiatur hatte Heuer früh begonnen, jene paradiesische Zeit, wo es den AuSerwählten unter den Menschen vergönnt ist. aus der Vereinigung des üppigsten KomfortcS -mit der Poesievollen Naturpracht ein Dasein voller Lust und Wonne sich zu gestalten. Auch die Doktor Fricde'sche Familie hatte bereits die Sommerwohnung bezogen, aber ohne ihr Ober- Haupt. Richard Friede war einer der gesuchtesten Advokaten der Stadt; er war ein gewaltiger Held vor der Frau — Justitia, ein unendlich feiner, rabulistischcr Kopf, der trotz aller Gegcnbernühungen des öffentlichen Anklägers, die Herren GerichtSräthe durch unmerklichc Schliche in eine solche Sackgasse hincinfoppte, daß sie froh waren, wenn er sie nur wieder hinauSsührcu wollte, und sich dafür von ihm leiten ließen, wohin eö ihm beliebte. ES war bezeichnend für Herrn Rechtsanwalt Friede, daß er mit einer gerechten Angelegenheit nichts anzufangen wußte und eine solche in der Regel auch verlor. Was soll man auch mit einer zum Verzweifeln nüchternen und einfachen Sache machen, in welcher der erste beste Dorfrichter in längstens dritthalb Minuten eine Entscheidung fertig hätte? Bon einer solchen Angelegenheit fühlte er sich abgestoßen, angewidert, und er selbst wäre nicht im Stande gewesen, im Interesse einer solchen Sache auch nur einen Federzug oder einen Schritt zu machen. Er überließ die Erledignng aller Akten und Wege dem größten Esel unter seinen Schreibern und erinnerte sich gewöhnlich an die unleidsamc Affaire erst dann wieder, wenn ihm die Verurthcilung seines Klienten zugestellt-׳wurde. Wollte dann der Klient apellircn, was im Bewußtsein des guten Rechtes regelmäßig gcthan wurde, so that ihm der entgegenkommende Mann auch das zu Gefallen: er überließ eS ganz dem Ermessen des Klienten, wie vielmal noch er sich verurthcilen lassen wollte. — Kam aber irgend ein unrettbar scheinender Prozeß, wo es galt, Thatsachen zu verdrehen, mit unglaublicher Rasfinirthcit Entlastungsmomente zu entdecken, lendenlahme Trugschlüsse mit allen Mitteln der Sophistik in evidente, unzweifelhafte Wahrheiten zu verwandeln, tiefe psychologische Studien anzustcllcn, mit einem Wort, wo sich der Verschlagenheit, Findigkeit und Eloquenz ein weites Feld erschloß, dort stellte Doktor Richard Friede seinen Mann und führte das ganze Arsenal seiner ungewöhnlichen Begabung ins Tressen. Und ein solcher delikater Fall ging ihm in den seltensten Fällen verloren; seine Ainbition mußte gereizt werden, damit er seine ganze Meisterschaft im NeehtSverdrehen entfalten könne. Schließlich faßte Herr Doktor Friede den Entschluß, keinen ehrlichen Fall mehr zu übernehmen. Denn obwohl — der Wahrheit die Ehre! — nur die verlierende Partei Ursache hatte, den Verlust eines Prozesses zu bedauern, da der Herr Doktor seine Taxen und Gebühren sich trotzdem so ausfolgen ließ, als ob er das entgegengesetzte Resultat erzielt hätte, so schadete eS ihm doch am Nenominee. So oft also ein neuer Klient erschien, um vor ihm sein Herz auSznschütten, neigte er sich vertraulich zu ihn! hin, und fragte mit französischer — das heißt stark näselnder Prononziation: ״Jnformiren Sie mich, mein Schätzbarster, mit bestem Wissen und Gewissen, über ihre subjektive Ueberzeugung von diesem Falle. Ist Ihre Forderung eine rechtschaffene oder spitzbübische?" Oder wenn eS sich um einen Kriminalfall handelte: ״Gebührt ihnen von Rechtswegen das Loch, der Galgen oder nicht?" Und wenn der Ueberraschle darauf, wie fast immer, ein sehr indignirtcs Gesicht schnitt, die Hand feierlich aus die Brust legte und pathetisch den Mund öffnete, dann siel ihm der Herr Doktor so nüchtern und kalt wie nur möglich in die Rede: ״Bitte sich nicht ohne Noth zu echauffiren. Ich muß daS unbedingt wissen. Wenn sic ein ehrlicher Gimpel sind, so bitte ich, mich zu verschonen und meinen Kollegen £. oder D. mit ihrem werthen Vertrauen zu beehren." (Fortsetzung folgt.)

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