Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1886)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
- Date
- 1886-03-10
- Page
- 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Tisza, einen Vorwurf starker Pflichtverletzung; eS geht nicht an, daß dem Leiter der ungarischen Negierung in so ganz unvegründeter Weise ein so schwerer Vorwnrf gemacht wird, und ich halte mich für verpstichtet, den Herrn Abgeordneten hierfür zur Ordnung zu rufen." Den Herrn Türk, welcher von Herrn Lueger sekundirt wurde, fertigte Abgeordneter Or. Haasc folgendermaßen ab: ״Ich bin kein Kaufmann; allein auch als Laie und auf Grund der Gewohnheit, logisch zu denken, halte ich dafür, daß eS kein Motiv für die Einführung einer Steuer sein kann, daß nenn Zehntel der Börsenbesucher Juden sind, das ist doch für die Begründung einer Steuer ganz gleichgültig. Oder ist das etwa ein Motiv für die Besteuerung, dessen Abgeordneter Türk hier erwähnte, daß sich im Börsengebäude das Orientalische Museum befindet und im Börsensaale ein Lärm herrscht, daß der vorübergehende davor erschrickt? Sind das Motive für eine Börsensteuer? Nicht verhehlen darf ich mir, daß die Art und Weise, wie mau hier das Urthcil über die Börsenkreise ausgesprochen hat, nicht blos antisemitischen, sondern auch sozialistischen Allüren entsprich. Die Herren, welche Einfluß auf das Volk haben, sollten die Leute belehren, daß sie, statt auf die Inden zu schimpfen, etwas lernen (Ruse: Sehr gut!) und!!ich! wie die Gimpel auf jeden Lein! gehen sollen (Heiterkeit). Redner geht sodann auf die Frage des Antisemitismus über. Abgeordneter Türk habe sich gegen den Vorwurf der religiösen Intoleranz verwahrt. DaS mag bezüglich der Person des Abgeordneten Türk richtig sein; der Grundzng seiner Partei aber ist die religiöse Intoleranz. Nach dem Zeugnisse des lateinischen Kirchenvaters wurden, die Christen in den ersten zwei Jahrhunderten von den Heiden beschuldigt, daß sie bei ihren Zusammenkünften Kinder ermorden und Unzucht treiben, daß Wollust und blutige Grausamkeit die Attribute des christlichen Gottesdienstes seien. Es dauerte fast ein Jahrhundert, bis die Ehristen dargcthan hatten, .daß diese Anklage!! ans nichts beruhen. Dieselbe Anklage wurde in diesem Jahrhundert gegen die Juden erhoben, und es kam zur Anklage wegen des rituellen- Mordes. Wer hätte gcglaubt, daß im neunzehnten Jahrhundert dieses Ammen- Märchen nicht nur aufgcwürmt, sondern daß man sich die Mühe nehmen würde, eineu scheinbar gelehrten Apparat in Bewegung zu setzen und dieses Märchen auf eine scheinbar wissenschaftliche Autorität zu stützen. Welcher Fälschungen n!an sich dabei schuldig machte, welche Verlogenheit dabei im Spiele war, mit welcher Frechheit man die Lüge mit den! Mantel der Wahrheit drapirte, das beweist unser verehrter Kollege Kopp mit seinem Buche über die Judcnfrage, für welches ihm die!uoderne Bildung und Kultur zu tiefem Danke verpflichtet ist. (Bravo! Bravo! Ruf auf der Antisemitenbank. Wo ist die Leiche der Eözter Solhmossy? Abgeordneter Bloch: Dieselbe wurde ja gefunden! Ruf auf der Antisemitcnbank: Die Juden sollen sich selbst vcrtheidigcn und nicht immer Andere für sich reden lassen!) Der Antisemitismus ist die Verleugnung der : Bildung und der Kultur unserer Zeit, die Verleugnung der allgemeinen Menschenliebe, die Verleugnung der Sittlichkeit und Ehristlichkeit. (Lebhafter Beifall und Hündeklattfchcn. Ruf von der Antisemitenbank: Er wird zum Ehrenjudcu ernannt!) Ich werde auf die Einwürfe von dieser Seite nicht antworten; ich will Niemanden bekehren und belehren, aber das werden Sie mir doch erlauben, daß ich ein mal meinem Gefühle Ausdruck gebe, das peinlich berührt ist über gewisse Szenen, die sich auch in diesem Hause abgespielt haben. (Lebhafte Zustimmung.) — Ucbrigens haben unsere Herren Judenfeinde dasselbe Pech wie bei Ihnen. Da ist ein Ausbund von Sittlichkeit und Rechtlichkeit, der den Mund nicht zuvoll nehmen konnte von der Berworfenheit der Juden und der Tugend der Ehristen, Herr v. Zerboni di Sposetti. Er ist der Intimus des i)r. Pattai. Ist es nicht tragisch, daß der Polizeianzeiger den folgenden Steckbrief hinter diesen autisemitischen Ritter erläßt: ״Zerboni Earl v., gewesener Redakteur des ״Gradaus", zu Verona geboren, 43 Jahre alt, verheirathet, zuletzt Wieden, Klagbanmgasse Nr. 12 wohnhaft gewesen, ist wegen Veruntreuung von 100 Gulden zum Nachtheile des bei ihm als Expeditor beschästigt gewesenen Schuhniachergehülfen Josef Matauschek, Ottakring, Abelegasse Nr. 3. wohnhaft, auszusorschcu." Er hatte nämlich dem armen Matauschek eine Kaution von 100 Gulden abgcnomiueu, als er ihn als Expeditor engaglrtc und hat den bedanernswerthen Schuster um sein sauer Erspartes beschwindelt. Es versteht sich von selbst, daß Matauschek auch nicht den ausbeduugcuen Lohn erhalten hat. Ob wohl das Kleeblatt Pattai-Türk- Lueger in! Verein mit dem Obern Schönerer dem armen Schustergeselleu die von ihrem Freunde Zerboni abgeschwiudeltcu 100 Gulden ersetzen? Das wäre doch in der That ״praktisches ChrisLeuthum", das sic so häufig im Munde führen. G\ Wien, 8. März. Ich gebe Ihnen in dem Folgenden den weitern Theil der Verhandlungen im Reichstage und bemerke nur, daß der Abgeordnete I)r. H aase p r o t e st auti s ch e r Geistlicher ist, und daß der Abgeordnete 1)1׳. P 0 ss e l t. katholischer Prior, ganz besonders seine Zustimmung zu der Haase'schen Berurtheilung des Antisemitismus zu erkennen gegeben hat. Der Abgeordnete Haasc fuhr fort: ״Was an dem Antisemitismus zu beklagen ist, ist aber nicht nur die Sache, sondern die Methode. Diese besteht darin, Fehler, welche man an einem einzelnen Individuum I wahrnimmt, aus die Allgemeinheit zu übertragen und