Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1886)
- Article
- Deutschland : Frankfurt a. M. [Nachricht]
- Date
- 1886-03-10
- Page
- 153 (sequence 1)
- Language
- German
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MM. Jeschrrrirrr. 153 Korrcspinidcnzcll mib Nnuirichtcn. Deutschland. ....0. Jyrniit’flirt n. M. Der Verein zur Vcflcibnn^ israelitische!׳ Knaben hielt vcrstosscncn Sonntag seine Generalversammlung ab. Wie aus dein Berichte hervorgeht, hat derselbe sowohl an Mitgliedern und׳ Geschenken zugenommen, als auch die Zahl der gekleideten Knaben erhöht. In diesem Jahre werden außer Kleidern und Hemden den Kindern auch Strümpfe verabreicht werden. An Geschenken gingen 8408 J6, an Zinsen 1121 M., an Beiträgen von 400 Mitgliedern 8180 <46 ein. Die Aufgaben für Bekleidung aon 108 Knaben 5101 J6, für Hemden 000 .//־., Gehalte, Borträge, Unkosten 081 JL Das Vereinsvermögen beträgt 27 000./6. * 5iaste1, 21. Februar. Dem ,.Mainzer An׳ zciger" wird von hier geschrieben: Die in unserer Gemeinde neu gegründete Turngesellschaft hat sich nun konstituirt. Charakteristisch ist £ 8 der Statuten, welcher also lautet: ״Mitglied des Vereins kann werden, wer einen unbescholtenen Nnf genießt und einer christlichen Konfession angehört." W. München, 4. Mär.;. Wir bringen im Nachstehenden ein ..Eingesandt" der ״N. N.", dessen Inhalt uns unwillkürlich an den Propheten Jona gemahnt, der über das Verdorren des Kikajon bittere Klage führt und den drohenden Untergang der großen Stadt Niniwe unbeachtet zu lassen scheint: ״Die bür׳ gerlicheu Besucher der lein Hesseloher Eisbahn erlauben sich die uulerthäuige Frage an das Schicksal, seit wann es denn Sitte und gestattet ist, daß eine Gesellschaft von adeligen Herren und Damen sich den schönsten Theil des SccS einfach durch Hürden absperrcn läßt? Die Besucher des Sees zahlen ihre Gebühr für die ganze Eisfläche —■ sic treten die weite Wanderung dahin in der Erwartung au, daß sic da drunten ein edles Vergnügen, nicht aber den widerlichen Anblick einer kastcnartigcn, unseren modernen Anschauungen widersprechenden Einthcilung in ,Wohlgeborne׳ und )Hochwohlgeborne׳ Schlittschuhläufer haben." Bürger! schmerzt cs euch wohl, ob der auf einem winzig kleinen Punkte des Hebens erlittenen Zurücksetzung, einem Punkte, um den ihr euch nicht gemüht, der in einer Nacht entsteht und in einer Nacht schwindet, — wie muß cS nun den Bürgern jüdischer Konfc-ssion zu Muthe sein, denen auf den breiten Schichten der Existenz, auf dem großen Terrain des Vaterlandes, wofür ihre Söhne ebenso tapfer geblutet, um dessen geitligc und materielle Entwickelung sic sich nicht minder mühen als ihr, mit Verachtung und Spott begegnet wird? Muß nicht der Genius unseres Zeitalters das Haupt beschämt verhüllen bei den! Anblick des scheuß-- lichen Wurms, der an dem Organismus der modernen Gesellschaft, an dessen Ban die Menschheit Jahrtausende lang gearbeitet, nagt und ihn zum Zerfall zu bringen sucht? Wir wollen damit keineswegs die tapfere Bavaria des Antiscu!itiS!nus beschuldigen, der Bayer ist nüchtern genug, um die Selbstsucht des Stöckerianschen Evangcliums, das dem Ncchlsgcfühl des Jahrhunderts Hohn spricht, in ihrer grauenhaften Tiefe zu erkennen, aber wenn man dem äußern Feind ein deutsches Reich gcgenüberstkllt, warum Angesichts des inncrn Feindes, der viel gefährlicher ist, in Einzclstaaten sich zersplitteren? Will man etwa die Sanirnng dieses- UebclS der Zeit anheiinstellen? —- Wahrlich, ein Tranrn, auö dem man einst mit Entsetzen erwachen wird. Der Reichskanzler hat ja zur Genüge gelehrt, zu wclchen Mitteln man greisen n,uß, wenn man mit verschränkten Armen Ruder und Manipulation der lieben Zeit überläßt. Wenn der Landmann seine Aecker nicht nmpftügt, bringen sie ihn! Dornen und Disteln hervor, beschneidet der Winzer die Neben nicht, werden sie von schädlichen Auswüchsen überwuchert und was dann? Die Einzclstaaten sollten dies endlich cinsehcn und bei der preußischen Negierung die nöthigcn Schritte thnn, wollen sic nicht den Einfluß der antisemitischen Umtriebe im Nachbarlande ans das eigene befürchten, der ans die Dauer trotz der Nüchternheit der Bevölkerung denn doch eintreten muß. Oesterreich-Ungarn. 0. W. Wien. Der Verein zur Errichtung von Volksküchen nach israelitischem Ritus hat im vergangcnen Jahre 20 <;00 große Portionen, 82 008 halbe Fluschporlioiien, 88 000 halbe Mchlspciseportioncn, 1 28 802 Gcmüsepvrtioncii, 0020 Thceportioncn, 09 001 Snppenportioncn, 158 840 Brode, in Summa 550 307 Portionen auSgegcbcn. (4. Wien, 7. März. Uns wurde einmal wiederum das Schauspiel einer antisemitischen Kundgebung im Reichstag geboten. Die kleine aber laute Partei der Antisemiten hat in einem von ihr eingcbrachtcn Antrag ans Einführung der Börsensteuer Erhebliches geleistet. Pattai-Türl-.Bu'gcr gaben ein herrliches Trio znm Besten. Pattai hatte unter Andern! an! 4. d. M. zur Begründung der Nolhwcndigkcit der Steuer gejagt: ״Das wir nnS in unserem Vatcrlandc wohl fühlen, und daß, nicht so wie cs in Ungarn unter der judcngesegneten Herrschaft Tisza's gehl, die Juden in das Land, die dort Eingeborenen Einwohner aber aus demselben hinausgedrängt werden." Darauf erfuhr er seitens des Präsidenten am 5. d. M. folgende Zurechtweisung: ״Der Inhalt dieser Worte enthält einen schweren Vorwurf gegen die Regierungspolitik des MinisterPräsidenteu