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Jeschurun · 1886-03-10 · Heft 10 (10.3.1886) · p. 151

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 10 (10.3.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-03-10
Page
151 (sequence 2)
Language
German
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151 ״Ich dachte daran," erwiderte Frau Merten. ״Nun — und —sie stockte, erräthctc, ein Borschlag schwebte ihr ans den Rippen. Frau von Merten blickte träumerisch vor sich nieder, wohl hatte sie den Wunsch des jungen Mädchens crrathcu, doch sic zögerte ihn zu gewähren. Frau Doktor Wiescnhein'S Mahnung war nicht umsonst verhallt, sie glaubte, sic abermals zu vernehmen. Was sollte daraus werden? Bella, die Tochter ihres streng religiösen Vater-, und ein Nichtjude'? Aber Bella schlang die runden Arme um den Hals der Mutter und flüsterte Schmeichelworte in ihr Ohr; wie hätte sic widerstehen können? Halte sie der Tochter doch noch nie eine Bitte geweigert. Und wozu sich auch jetzt schon derartige Gedanken machen, Bella war ja noch ein Kind. ״Mama," , begann sie 111 dem süßen Schmeichelton, den Fron von Merten non jeher unwiderstehlich gefunden, ״wenn wir den Winter in Italien znbringcn werden, wäre es da nicht sehr angenehm, wenn Herr von Mühler uns begleiten wurde?" ״Ganz gewiß, liebes Kind, ich hatte bereits die Absicht, den Vorschlag zu machen doch wenn Herr von Mnhler bereits anderwärts engagiri ist —" ״Bitte, bitte, gnädige Frau, wollen Sie über mich verfügen. Ich bin noch keine Verbindlichkeiten eiugegaugen, mib wenn meine Gegenwart auch nur im Geringsten Ihnen von Nutzen sein könnte, so würde ich mich glücklich schätzen. Denn wenn ich auch nie hoffen kann. Ihnen zu vergelten, was Sie —" ״Ach, da kommt schon wieder die alte Leier," lachte Bella. ״Sie scheinen zn vergessen, -Herr von Mühler, daß wir dieses Thema bereits für heute ad acta gelegt." Herr von Mnhler zuckte die Achseln. ״Wessen das Herz voll ist, dessen strömen die Rippen über. Mein Herz aber ist erfüllt von tiefem, innigem Dank für Sie, verehrte Damen, und schmerzt es mich ansrichtig, daß der Ausdruck meines Dankes Ihnen peinlich." ״Sic nehmen Bella'S Worte zu ernst. Denn wenn wir auch Dasjenige, was wir so glücklich waren. Ihnen leisten zn können, nicht als des Dankes werth betrachten, so betrachten wir Ihren Dank doch nur als überflüssig, aber nichts weniger als peinlich. Doch, um wieder auf unsern Vorschlag zurück zn kommen, Sie wären also nicht abgeneigt, uns nach Italien zn begleiten?" ״Im Gcgcntheil, gnädige Frau,' ich wäre überglücklich, Ihnen meine Dienste weihen zu dürfen." ״Also abgemacht! Sie reisen mit uns׳" ries Bella und schlug jubelnd die Hände in einander, und seitdem war die gemeinschaftliche Neisc nach Italien stets das Hauptthema aller Gespräche. In wenigen Wochen waren die Vorbereitungen zur Neisc beendet, und noch vor Einbruch der strengeren Jahreszeit befanden sich die Damen sammt ihrer Beglcitnrig ans dem Wege nach dem Süden. Herr von Mühler, dessen Wunde inzwischen vollständig geheilt war, sorgte nach besten Kräften für die Bedürfnisse und Vergnügungen seiner Wohlthäterinnen, und Bella schloß sich mehr und mehr an ihn an. WaS Minna Wiescnhcin von Anfang an vorausgesehen, war eingetroffcn, das junge Mädchen liebte ihren Schützling mit der ganzen Glnth ihres scnrigen, jugendlichen Herzens. Ob sie in demselben Maße wieder geliebt wurde? — wer konnte daran zweifeln? — war sie doch jung, schön und voll Liebreiz. Dennoch fühlte sie sich ihrer Sache nicht ganz sicher. Zn einer Erklärnng war es zwischen ihnen noch nicht gekommen. Herr von Mühler war ein äußerst angenehmer Gesellschafter. Sein Wesen hatte vielleicht noch nicht jenen feinsten Schliss, der sich eben nur durch lang- .jährige Bewegung in der sogenannten großen Welt erwirbt, aber er war auch noch sehr jung, hatte sein zweinndzwanzigstes Lebensjahr kaum überschritten. Er hatte ungemein viel gelesen, erfreute sich eines trefflichen Gedächtnisses, namentlich für Anekdoten aller Art, durch die er der Unterhaltung stets neuen Reiz zn leihen wußte. In Gesellschaft der Frau von Merten und ihrer Tochter war er stets voller Humor, sobald er sich jedoch allein glaubte, schien eine liefe Melancholie ihn oft zn übcrmannen. Aber diese stille Trauer erhöhte noch das Interesse des jungen Mädchens, die ihn, ohne daß er es ahnte, in solchen Momenten wiederholt beobachtet hatte. ES war gegen Abend. Herr von Mühler hatte mit den Damen heute einen etwas längeren Spaziergang unternommen, sie waren daher ziemlich ermüdet in ihr -Hotel znrückgekchrt, namentlich Adele fühlte sich sehr erschöpft und wünschte vor dem Souper, das man gemeinschaftlich einznnehmen pflegte, noch ein Weilchen zu ruhen. Wahrend Bella die Mittler in ihr Zimmer geleitete, begab sich der junge Mann in den Salon. Ans den! Tische lagen Journale, mechanisch griff er nach einem derselben und warf sich in ein Fauteuil. Aber die Lektüre schien wenig Reiz für ihn zu haben, das Blatt entsank seiner Hand, düster starrte er vor sich nieder. Vielleicht ohne zu wissen was er that, zog er ein Medaillon hervor und öffnete eS. ״Tirza!" flüsterte er, ״Tirza. o, daß ich Dich vergessen könnte! — Sie ist doch auch schön, vielleicht schöner noch als Du — aber ich kann sie nicht lieben. — Für einen Liebesblick von Dir entsage ich all' den stolzen Hoffnungen,. die mich hier erwarten. — Aber Du hast mich nie geliebt — und meine Leidenschaft für Dich, so sehr ich sie zu bekämpfen strebte, Du hast

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