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Jeschurun · 1886-03-03 · Heft 9 (3.3.1886) · p. 138

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 9 (3.3.1886)
Article
Deutschland : Worms [Nachricht]
Date
1886-03-03
Page
138 (sequence 2)
Language
German
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133 einer um ein Dritthc'il größeren Gemeinde des Jahres 1885 mir 2685 Einnahme Halle gegen 2555 <tt\ des Jahres 1861 und 3081 Jk des Jahres 1862, das ist es, was unser Urtheil rechlfertigl. M. Würz bürg, 26. Februar. Daß in gewissen Kreisen jede dos- und lügenhasle Nachricht über Juden und Judeuthum willkommen ist, ist dekanut. Heute will ich Ihnen, geehrter -Herr Redakteur, für diese Be- Häuptling ein eklatantes Beispiel berichten, das auch den Vcfcrii Ihrer geschätzten Zeitschrift von Interesse sein dürfte. Eine hiesige nltramontane Zeitung bringt wörtlich: ״Jüdischer Fanatismus. Fanatismus non plus ultra ist, daß nämlich in der israelitischen Volksschule in Neutra (in Ungarn) zufolge eines Beschlusses der jüdischen KultnSgemeinde das PZeichen beim Addireu und das XZeichen beim Multipliziren nicht gedrancht werden dürfen, denn das erflcrc ist ein stehendes und das letztere ein liegendes Kreuz." Daß das Ganze eine böswillige und lügenhafte Erfindung ist, lag auf flacher Hand; um jedoch sicher zu gehen, wandten wir uns sofort an die Vorstandschaft der Kultusgemeinde zu Neutra betreffs dieser verlcumderischen Behauptung. Wir erhalten vom Präses der Verwaltung auch sofort Antwort, aus der wir folgenden Passus entnehmen: ״Selbstverständlich ist von der ganzen lächerlichen Anschuldignng kein Wort wahr." Außerdem wurde im ״Neuen Pester Journal", das uns mitgeschickt, im Namen des Kultus- und Schulvorstandes eine Erklärung abgegeben, dahin gehend, ״daß erwähnte aus der Luft gegriffene Behauptung als böswillige Erfindung hiermit zurückgewiesen, weil es ganz einfach nicht wahr ist, daß in unserer Gemeinde ein derartiger Beschluß je gefaßt wurde. Mit solchen lächerlichen sensationellen Nachrichten sucht man daS Publikum zu ergötzen, das oft dumm genug ist, das zu glauben, was im Bereiche der Unmöglichkeit liegt. 1׳. Wür.zburg, 28. Februar, lieber die Debatte der Pokcnausweisung im deutschen Abgeordneten Hause läßt sich ein hiesiges antisemitisches Blättchen folgendermaßen aus: ״Es wurden in den letzten Monaten Tausende und Tausende von Bewohnern der östlichen Provinz aus ihrem Erwerbe und ihrer bürgerlichen Existenz gerissen und über die Grenze gejagt. Ihr ganzes Vergehen bestand darin, daß sie Polen und daher ihrer Nationalität treu geblieben sind. Die Ausweisung wurde in denkbar größtem Maßstabe und mit einer Hätte durchgeführt, die allseits Mißbilligung erfuhr. Schrccklieche Berichte über den Nothstand der Ansgewicscnen konnte man lesen, und es krampst sich das Her; jedes Menschenfreundes über diese Maßnahmen zusammen, die mit der vielgcrühmten Humanität unseres Jahrhunderts in dem denkbar krassesten Widerspruch stehen." Wir würden diese Sätze ganz und voll unter-! schreiben, wenn der Redakteur dieses genannten Blättchens; auch sonst so human wäre und für jeden Unterdrückten! eine Lanze brechen würde. Wird den Inden auf irgend ' einem Fleck Erde eine Schmach zugefügt, so ist man! sofort bei der Hand, das Unrecht zu sanktionircn, mit der faulen Begründung, die Juden gehören ja nicht unserer Nation an. Nennt man das Humanität, gegen Mit- Menschen Haß und Zwietracht zu predigen, deren einzigeS Verbrechen mir darin besteht, daß sie Juden sind? Würde die Ausweisung bloß gegen Inden gerichtet sein, wir sind überzeugt, so hätte derselbe Redakteur, der jetzt gewaltig in Harnisch geräth, diese mit Freude begrüßt. Warum Ungerechtigkeit bekämpfen, die man sich selbst täglich zu Schulden koinmen läßt. Allein das thut nichts, eS gilt ja gegen Juden, denen gegenüber man weder Recht noch Humanität zu üben braucht. Das ist die Logik solcher Männer, die an der Spitze einer Partei stehen, die sich durch ihre eigenen Worte richten. III Nogasen. Vergangenen Sabbath hielt Herr Rabbiner Ludwig A. Rose nt hat aus Köthen in unserer altehrwürdigen Synagoge eine Predigt. An der Hand einer Talmudstelle entwickelte er seine Ansichten über die Wirksamkeit des Nabbinen, deS Predigers und Lehrers, wie er sie bisher in seiner Gemeinde gehandhabt und wie er sie weiterhin anzuwenden gewillt sei. Allseitiger Beifall wurde ihm für seine Worte zu Theil. Sehr angenehm berührte es die Gemeinde, in der nicht wenige Talmudisten sich vorfinden, das Herr Nosenthal sich erbot, Nachmittags noch einen zweiten strengtalmndischen, auf dem Gebiete der Helacha sich bewegenden Vortrag zu halten. Derselbe, cingeleitet und beschlossen von agadischen Vestandtheilen, befriedigte ebenfalls die überans zahlreich erschienene Gemeinde in dem Maße, daß man sich zur Bitte veranlaß! sah, es möchte uns Sonntag Abend noch ein dritter Vortrag dieser Art vergönnt werden. Bereitwillig erbot sich unser geehrter Gast, darin gegebene hclachische und agadische Gegenstände darzulegen. Der Vortrag war zuerst für das Beth Hamidrasch bestimmt; der Zudrang war aber so groß, daß man sich nach der Synagoge hinbegeben mußte. Auf die Nachricht hin, daß dort die Rede gehalten werden würde, eilte die gesammte Gemeinde wiederum hin, bis unten und oben alle Räume gefüllt waren. Mir gespannter Anfmcrksamkeit folgte Alles den Worten des Redners, der die ihm gegebenen, nicht ganz gewöhnlichen Gegenstände in volkSthümlicher Schlichtheit und ergreifender Lebendigkeit klarlegte. Unter dem Eindrücke dieses Vortrages begaben sich der Vorstand und die Repräsentanten in das Gemeindehaus. Mit freudigem Gefühle wurde die Wahl vorgenommen, und einstimmig beschlossen beide Körperschaften, Herrn Rosenthal allen andern Bewerbern vorzuziehen. Ein heiteres

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