Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-03-03
- Page
- 137 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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M 9. Jeschurnn. 137 Korrespondcnzcu und Nachrichten. Deutschtand. -a- Berlin, 26. Februar. Der deutsche Antisemitentambund. hatte vorgestern einen großen Feiertag. Es galt einen lieben Besuch zu ehren. Die Antisemiten an der schönen blauen Donau hatten zum Anstausch eines brüderlichen Händedrucks zwei würdige Mitglieder nach Berlin entsendet, die Herren Hollomav und Mahningcr. Der ehrsame Vorsteher der Antiscmitenzunft, Herr Pickenbach, hatte die Geuossen in Grätz'S Salon an der Vruunenstraße zusammenkommcn lassen und die lieben Gäste dazu eingeladen. Da waren sie denn ein antisemitisches Herz und eine antisemitische Seele. Das war ein Jubel und eine Freude. Aber cs wurde auch wacker gearbeitet an dem großen gemeinsamen Werke. Da war ein Herr Mahninger, der erzählte von den schönen vergangenen Zeiten des 14. und 15. Jahrhunderts, in welchen das Handwerk in seiner Organisation die soziale Frage in der besten Weise gelöst hatte. Ja, die weisen Zunftmeister vor vier und fünfhundert Jahren, die waren gescheit! Was die weisen Herren im Reichs- und Landtage nicht fertig zu bringen vermögen, Gevatter Schneider und Handschuhmacher haben eS längst zu Stande gebracht. Und auf welchem Wege? Es ist das Ei des Kolumbus: der Jude hatte in gewerblichen und politischen Dingen als Fremdling nicht mit־־ znreden und konnte deshalb die Arbeit nicht anSbenten wie heute! Und weil die patriotischen und weisen Deutsch- Antiscmitcn-Bündler den gescheiten Aeltervätern das Kunststück abgegnckt haben und es ebenso machen möchten, darum trennt sie eine weite Klnft von den Juden, und diese Kluft ist gar nicht zu Überdrücken. Die bleibt in aller Ewigkeit. Schiller war auch ein Deutsch- Antisemiten-Bündlcr und zwar einer der hervorragendsten, der das Programm für den herrlichen Bund ausgearbeitet hat. Denn er sagt: ״Arbeit ist des Bürgers Zierde, Sorge ist der Mühe Preis!" Und so sprachen sie bcnn recht erbaulich und gemüthlich, fromm und klug. Freilich kann ein so dummer Nichtantiscmit diese weisen Reden gar nicht verstehen, und ich verstehe cs auch nicht. Und da war Einer zugegen, der verstand cs auch nicht, und da meinten die frommen Bundes׳ brüdcr, daß er ein Jude wäre. Ein Jude in dieser erbaulichen Versammlung! Entsetzlich, schrecklich! Hinaus mit dem Juden! Zum Glück konnte der arme Mann seinen Taufschein glaubhaft machen, und da durfte er bleiben bis nach Mitternacht, wo die ganze ehrbare Gesellschaft nach Hause ging. Es war ein herrlicher, großer Abend; ewig unvergeßlich allen Denen, die dabei waren. — — Und da sott der Antisemitismus tobt sein? Nein, er lebt und rumort. Worms, Februar. Fünfundzwanzig Jahre besteht der israelitische UntcrstützungSvereiu in hiesiger Gemeinde. Der soeben ausgcgebene Bericht gicbt Rechenschuft über das Wirken desselben in einem Zeiträume von einem Vicrtcljahrhundert. Der Zweck des Vereins ist die Abschaffung der HauSbcttelei und die Unterstützung wirklich würdiger Armen. Wenn die Ersahrung die beste Lchrmeisterin ist und die Logik der Zahlen die überzeugendste, so ist eS durch den eben erstatteten Bericht konftatirt. daß der Zweck des Vereins nur zur Hälfte erreicht ist. Die Hausbettelci hat aufgehört. Das ist nun freilich kein allzuschwcreS Problem gewesen. Die Hausbettelei hat aufgchört,!veil man nichts mehr gicbt. Aber mit dem andern schwierigcrn Theil der Vereinsaufgabc ist eS sehr schlecht bestellt. Der Vorstand bekennt, daß die Mittel des Vereins dem Zwecke nicht entsprechend erscheinen. ״Wenn in den ersten Jahren," so führt er fort, ״als die Gemeinde um ein Dritthcil kleiner war als heute, durchschnittlich 3000 Jk — also etwa 500 J(x mehr als durchschnittlich in den letzten fünf Jahren — verausgabt werden konnten, wenn außerdem der Verein bei seiner Gründüng, trotz der geringen Zahl von Gemcindcmitglicdern, 160 Mitglieder zählte, während er heute bei der weit größeren Zahl der Gemcindcmitglieder 170 Vereins-!nitglieder zählt, so muß diese Thatsache um so mehr bedauerlich erscheinen, als dadurch, daß viele hiesige Israeliten den! Vereine ganz ferne bleiben, sowie dadurch, daß viele Mitglieder nur geringe Beiträge entrichten, die Verwaltung zuweilen genöthigt ist, die Wirksamkeit des Vereins einzuengen und berechtigte Ansprüche nicht in dem Grade, wie sie eS verdienten, zu berücksichtigen." Damit ist der Stab gebrochen über diesen Verein. Ich bin davon überzeugt, nicht nur über diesen Verein zu Worms, sondern über alle oder doch viele ähnliche auderSwo. Durch solche Vereine wird nur den Wohlhabenden gedient, der Arme leidet Schaden. Die Erstereu verlernen das Geben und beschränken nach und nach die Spenden. In der ersten Zeit, in welcher noch die Erinnerung an das frühere reichlichere Spenden in frischer Lebendigkeit gegenwärtig war, da gab man gern und freute sich, von der Belästigung des Hausbettels befreit zu sein, Rach und nach aber gelaugt diese in Vergessenheit und man gicbt entweder gar nichts oder nur ein Geringes. Die Wohlthätigkeit hat in WormS seit 25 Jahren, Dank der Existenz des Vereins um 30 Prozent abgenommcu, das ist das betrübende Resultat einer vermeintlich ״reich gesegneten" füufundzwanzigjührigen Thätigkeit. Es liegt uns fern, der Verwaltung einen Vorwurf zu machen, sie kann nicht mehr vertheilen als sie hat. Daß sic aber bei