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Jeschurun · 1886-02-25 · Heft 8 (25.2.1886) · p. 127

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 8 (25.2.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-02-25
Page
127 (sequence 2)
Language
German
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127 ״Es ist wahr, die große Gesellschaft fordert von! uns die Beseitigung gewisser spezifischer Eigenheiten, ' welche nicht in den Rahmen der mubeniei! Kultur hineinpasseu. Wir bringen aber das Opfer nicht der Gesellschaft, welche man demzufolge auch nicht des barbarischen Egoismus beschuldigen darf, sondern der Kultur. Und wenn sie selbst dieser Kultur so viele schmerzliche Zugeständnisse machte, wer wird ihr daS Recht adsprechcu wollen, von uns zu beanspruchen, dieser Kultur zu Liebe uns von einigen veralteten Observanzen loSzusagcn? Du schüttelst den Kopf — Du willst sagen, daß diese Gesetze göttliche seien. Gut — zugestandcn.... auch die Entwickelung des MenschengeschlechteS ist göttlich und cs kann Gottes Wille nicht sein, daß das, was er vor Jahrtausenden gesprochen, jetzt sein erhabenes Werk der Menscheuerzichung aust halten solle. So lange die Menschen im einfachen Naturzustände waren, bedurfte eö zur Kundgebung des göttlichen Willens der Offenbarung; heute tritt der Geist des Menschen an die Stelle der Offenbarung, und wir müssen mit Hülse der geläuterten Begriffe, zu welchen wir über daS Wesen der Gottheit gelangt sind, erforschen, waS von dem Alten diesen! Wesen noch gemäß sein kann und was nicht. Ucbrigcns sollen ja auch in den Propheten zahlreiche Andeutungen eines idealen Zeitalters enthalten seien, wo jede Zeremonie und Konfessioii überflüssig sein .wird." ״Und Du meinst, daß diese hehre Zeit schon da sei?" ״Wenn auch noch nicht ganz, so ist sie doch im Anbruch; und die Anbahnung dcö großen Weltfriedens, der einst alle rcchtschaffeueu Menschen umfasse» wird, ist gewiß das beste Mittel, um ihre Ankunft zu bcschleunigen. Wir brauchen uns nicht erst vom Judenthum zu entfernen, um uns dem idealen Standpunkte der großen Welt zu nähern, vielmehr hat sich die Welt zu den Prinzipien dcS wahren, edlen JudcnthumS der Propheten bekannt. Sind die hehren Ideen, weiche den heutigen Zeitgeist krönen, nicht die fernen Ziele gewesen, auf welche der Seherblick eines Jesaias, Da׳ vid und Jccheskel gerichtet war?" Moses lachte wieder, aber diesmal klang sein Lachen herb und bitter. ״Und Du meinst, daß diese Juden waren? Frage einen christlichen Theologen und er wird Dir hundert unwiderlegliche Beweise dafür bringen, daß David und die Propheten allcfammt Christen vom reinsten Wasser waren." ״Was thnt das?. Das Wesen bleibt ja doch dasselbe. Brüderlichkeit, Freiheit und Gerechtigkeit sind die leitenden Ideen unseres Jahrhunderts und diese waren auch den gottbegcisterten Männern die Sonnen, welche am Horizonte jenes hehren Tages erscheinen sollten, den sie aus weiter Ferne ahnend geschaut. Darum, bei aller Hochachtung für daS alte Judenthum.... eS hat gewiß eine Zeit gegeben, wo eS eine edle Mission zu erfüllen berufen war, und wenn ich wahrnehmcn würde, daß diese Zeit noch nicht vorüber ist, würde ich mich gewiß mit aller Innigkeit ihm in die Arme werfen. So aber habe ich die Ueberzeugung, daß eS für unsere Tage zu eng geworden ist. Wir müssen seine Schranken übertreten, um Theil zu nehmen an dem Feste der Verbrüderung aller Menschen." - ״Ich müßte abermals lache::, wenn ich nicht wüßte, wie ehrlich Du eS meinst, und das stimmt »!ich traurig. Wenn Du wüßtest, wie muttcrscelcnallein Du mit Deiner Anffassung unter der Schaar der seichten Thoren stehst, die sich den Kukuk um all Deinen idealen Kram scheeren, und nichts als genießen und den Stachel ihrer vcrnnnftlosen Eitelkeit befriedigen wollen. Während Du hier von Menschenverbrüderung, Nektar und Ambrosia schwärmst, füllt den Geist Deines ehrenwerthen Doktors gewiß ganz die Frage aus, ob' der Bürgermeister der Einladung zu seiner Soiree in der Villa Folge leisten wird, wodurch er hoffen dürfte, daß sich auch ihm endlich die Pforten der vornehmen Salons der Stadt und vielleicht gar die Thüren des Gemcinderathsaales erschließen würden. Ich würde Dich noch lebhafter bedauern, wenn ich nicht an die Möglichkeit glaubte, daß Du nie aus diesem beglückenden Wahne ernüchtert wirst; das Erwachen aus einer so starken Illusion müßte nahezu vernichtend wirken. Doch, . wie gesagt — wenn man eine so ausgiebige Portion Idealismus und Optimismus mitbekommen hat wie Du, dann kann man schon so manches Unbegreifliche zu Stande bringen, — jedenfalls müßte cs ein sehr eklatanter Fall sein, der Dir die Augen öffnen könnte. Uebrigenö, — wer weiß,, ob ein solcher Fall nicht doch sich ereignen wird.... dann erinnere Dich unserer heutigen Unterhaltung und suche ,Trost in meinen stets offenen Armen." ״Ich danke Dir für Deine warmen Sympathien," sagte Rafael, kühl ablehnend, ״aber ich glaube nicht, daß ich in die Lage kommen werde, zu Dir Zuflucht nehmen zu müssen. So tauge es einen Mann wie Nekor Erwin giebt, werde ich meiner Ueberzeugung treu bleiben und nicht anfhörcn, au den hohen Fortschritt der Gesellschaft zu glauben; und so lange ich nicht sehe, daß unsere nlvdernen StammeSgcnossen wirklich mir den Götzen ihrer Eitelkeit huldigen und - diesen zu Liebe ihre Ehre — wohlgcmerkt, Ehre und nicht eine krankhafte Empfindlichkeit — opfern, werde. ich ihr Streben, sich der großen Menscheufamilie ein-. zuvcrleiben, als ein gerechtes und naturgemäßes anerkennen." (Fortsetzung.folgt.)

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