Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-02-18
- Page
- 107 (sequence 2)
- Language
- German
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107 dessen bereits der Chefredakteur des ״Reichsboten" zu 100 Geldstrafe vcrurthcilt worden ist, verfaßt habe und vcrurthcilte den Angeklagten zu der obigen Strafe. Der Vorsitzende bczcichnctc bei der Begründung des Erkenntnisses den Artikel als ein Produkt littcrarischcr Bosheit und Gehässigkeit." 0. Berlin, 14. Februar. Durch die Presse macht die folgende Notiz die Runde: ״Der Vorwurf, ein ״christlicher Jude" zu sein, ist, nach einem vom Berliner Schöffengericht in der Privatklagesache eines Möbeln- Händlers gegen einen Tischlermeister gefällten Urtheil bcleidiger Natur, indem damit unter den heutigen Zcitverhältnissen dem Betroffenen Unreellitüt imputirt wird. Frankfurt a. M.,!4. Februar. Die Anmeldungen zu der von Herrn Rabbiner vir sch נ״י ins Vcbcu gerufenen ״Freien Vereinigung für die Interessen dcS orthodoxen IudenthuinS" sind in erfrenlichem Umfange erfolgt und mehren sich fortwährend. Sie bezeugen, daß der Aufruf, welchen Herr Rabbiner Hirsch im Vereine mit den hochangesehencn und thatkräftigen Mitgliedern unseres GemcindcvorstandcS erlassen, überall ans begeisterte und opferbereite Männer getroffeit ist, welche freudig einzustchen bereit sind für die Sachen unseres HeiligthnmS. Wenn bislang die in Aussicht genommene Generalversammlung der Mitglicder der Freien Vereinigung noch nicht ausgeschrieben werden konnte, so liegt dieses lediglich daran, daß der bedauerlich zur Zeit schwankende Gesundheitszustand des Vorsitzenden, Herrn Rabbiner Hirsch, demselben eine zeitweilige, möglichste Schonung zur Pflicht macht. Wir hoffen jedoch, und mit uns hoffen gewiß Tausende, daß cs dem verehrten Manne recht bald vergönnt sein möge, eine Generalversammlung cinznberuscn und damit das begonnene Werk, welches zum Heile für בלל ישראל sein wird, zu konfolidircn. Frankfurt a. M., Februar. Die von einem jüdischen Blatte jüngst verbreitete Nachricht, daß Hirsch'S Kommentar zum Pentateuch zu einem sehr herabgesetzten Preise — eS war, wie ich glaube, von 5 bis 6 .//?. die Rede — fortan erhältlich sei, ist cingezogener Erkundigung zufolge durchaus unrichtig. Die betreffende Notiz hat, wie ich höre, viele Anfragen zur Folge gehabt, die natürlich abschlägig beschieden werden mußten. Ich bin von kompetenter Seite ermächtigt, diese Nachricht vollständig zu dementiren. It. Aus Mecklenburg. Wie ans dem soeben vom großherzoglich statistischen Bürcau in Schwerin hcranSgegebcncu zehnten Bande der ״Beiträge zur Statistik Mecklenburgs" hervorgcht, ist die Zahl der Israeliten in Mecklenburg seit 1867 dauernd in Abu ahnte begriffen, und zwar hat sie sich bereits im Ganzen um 16 Prozent verringert. Denn im Jahre 1867 betrug die Zahl der Juden 3064, i!n Jahre 1865 nur noch 2580. s Siegen, 12. Februar. Herr Bommert, Heraus׳ gebcr des ״Sicgcner Volksblatts", war von Herrn Hos- Prediger Stöcker wegen Beleidigung verklagt worden. ES handelte sich um eine Kennzeichnung der Stellung, welche der Klage! in den! bekannten ״Stöckcrprozeß" eingenommen. Herr Bonnncrt erklärte, den Beweis der Wahrheit antreten zu wollen. Es kam namentlich auch darauf an, ob die bekannte Aenßernng des Kronprinzen über den AntiselnitiSmnS wahr sei. Herr Bommert hatte in einem Wahlflngblatte drucken lassen: ״Herrn Stöcker ist mehrfach nachgewiesen worden, daß er sich der Uu- Wahrheit schuldig gemacht hat und zwar in einer für den Stand des Mannes erst recht traurigen Weise." Und ferner: ״Die Bewegung, welche Stöcker ins Werk gesetzt, hat Se. Königliche Hoheit der Kronprinz eine Schmach für Deutschland genannt und hinzugcfügt, er habe sich im Ausland gegenüber dieser Agitation geschämt. Im selben Sinuc sprach sich der Kronprinz am 14. Januar 1681 wiederholt ans. Wähler! Einem Manne wie Stöcker, von dessen Werken unser allvcrehrter Kronprinz so denkt und spricht, dem könnt Ihr Eure Stinnne nicht geben;" und ״der von Stöcker geleiteten christlich-sozialen Partei in Berlin haben auch die Königsmörder Hödel und Nobiling angchört, und Hödel hat sich noch am Tage vor seinem schcnßlichen Attentat in dem Stöckerschen Verein erbauen lassen;" sowie: ״daß die Jenaer theologische Fakultät ein niederschmetterndes Urtheil über den Hospredigcr Stöcker gefällt habe." — Dies sind die infviminivtcu Aenßcrnngcn, ans welche hin der angcklagte Redakteur des ..Siegencr VolkSblattS," Bommert, der öffentlichen Beleidigung dcö Heirn HosprcdigerS Stöcker beschuldigt wird. Die Beweisaufnahme und die Aussage der kommissarisch vcrnommeucn Zeugen ergaben Folgendes: Der Chefredakteur 1)1׳. Dernburg- Berlin kann ans eigener Wissenschaft über die Worte dcS Kronprinzen nichts bekunden. Mitredaklenr Grosser von der Nationalzcitnng hat dem Zeugen erzählt, der Geheime Kommerzicnrath MagnuS habe ihm im Januar 1881 eine Aeußcrnng dcS Deutschen Kronprinzen mitgetheilt, die sich auf die Antisemiten-Bewegung bezog. Ueber das Thema erschien am 16. Januar!881 in der Nationalzcitnng (Beiblatt) ein Artikel (der bei den Akten liegt), den der Zeuge gut geheißen. Dieses Beiblatt, das verlesen wird, enthält die Nachricht von einer am 15. Januar 1681 in Anwesenheit des Kronprinzen stattgehabtcn Sitzung der Invaliden-Stiftung. Nach dieser Sitzung hat, wie Kommerzienrat!) Magnus erzählt hat, der Kronprinz ihn gefragt, wie das alte Jahr abgelansen sei. Magnus habe geantwortet, es sei nicht gut gewesen; Königliche Hoheit kenne ja die bekannte traurige