Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-02-11
- Page
- 88 (sequence 2)
- Language
- German
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Trostcsworte zu flüstern, er brachte keinen Laut hervor, einen langen glühenden Kuß preßte er ans den Mund seiner jugendlichen Gattin, lautlos hielten sic einander umschlungen. An dein Fenster des Zimmers, in dem die trostlosen Gatten weilten, lehnte ein junger Mann, mit glühenden Blicken die Liebenden betrachtend. Es war der Bruder deS Mannes; seine Kleidung, Uniform, deutete baratif hin, daß auch er im Begriffe war, die Heimath zu verlassen. Auch er schien sehr erregt, sein gewöhnlich fast farbloses Gesicht war noch bleicher als sonst, seine Brust hob sich fast keuchend. Um mehr als drei Jahre jünger als sein Bruder, war er mit diesem von gleicher Größe, doch bedeutend schmäler. Ueberhaupt hatten die Brüder auf den ersten Blick wenig Achnlichkeit mit einander. Der Acltere. ein breitschultriger schöner Mann von ungcsähr fünfundzwauzig Jahren, hatte ein volles, blühendes Augesicht, von bunfcicni Bollbart umrahmt, während des Jüngern bleiche, hagere Wangen noch völlig bartlos waren. Aber mächtige Leidenschaften schienen bereits in des Jünglings Brust sich zu regen. ״l^11 sprach er leise, ״es wird spat, ״wir müssen noch zu den Eltern " ״Du hast stecht," erwiderte der Andere, mit Ge- Walt sich aufrassend. ״Tirza, laß mich unfern süßen Kleinen noch einmal sehen/׳ Schweigend eilte sic in das Nebenzimmer und kam nach wenigen Augenblicken mit einem kaum vierteljährigen Kinde zurück. ״Er schläft," flüsterte sie. ״Sorge nicht, ich werde ihn nicht wecken," und. vorsichtig hob er den schlummernden Knaben au das Baterherz und vorsichtig legte er seine Rechte auf das zarte Haupt seines Kindes. ״Es lasse Dich werden der Herr gleich Ephraim und Menasse. — Es segne Dich der Herr und behüte Dich. — Er lasse Sein Antlitz Dir leuchten, und vcrleihe Dir Frieden." Er neigte sich und drückte seine bebenden Lippen auf die Stirn seines schlafenden Kindes, dann wandte er sich an seine Frau und schien in leisen Worten eine Bitte an sie zu richten. Sie blickte auf, ihr Schwager stand vor ihr mit ausgestrcckter Hand. Sic legte ihre Hand in die seine. ״Lebe wohl, Moritz, und mögest Du glücklich und unversehrt heiinkommcn." ״Wünschest Du das wirklich?" ״Don ganzem Herzen." Er wollte sie an sich ziehen, sie zuckte zusammen, doch des Gatten bittender Blick siel aus sie, ihm konnte sie in dieser Stunde nichts versagen und willig duldete sie den Abschicdskuß des Schwagers, doch rasch schmiegte sie sich wieder an des Andern Brust. Das Kind war erwacht, die junge Mutter hielt cs bebend in den Armen. ״Wir müssen eilen, Max," mahnte der Bruder. )loch eine wilde, stürmische Umarmung, — noch ein langer, glühender Kuß. — ״Denk' an unser Kind, Tirza! — Vertraue auf Gott! — wo ich weile, bin ich in Seiner Hand!" Fort stürzte er, sein Bruder folgte ihm. Tirza war allein, thränenlos starrte sie auf das Kind in ihren Armen. ״Denk' a.n unser Kind!" — wiederholte sie flüsternd die Worte des Geliebten. — ״Denk' an unser Kind! —י vertraue auf Gott! — wo ich weile, bin ich in Seiner Hand!" ״Gott!" rief sie, ״Gott! ja. ich will aus Dich vertrauen — aber sichre ihn mir zurück! — 0, führe ihn mir zurück!" Mit dem Kinde au ihrem Busen erhob sie ihr Herz im Gebet, und flehte heiß und flehte inbrünstig für die Wiederkehr des Gatten. &־ Mehrere Wochen waren verflossen, der Krieg hatte begonnen. Tirza hatte wiederholt Nachrichten von ihrem Manne erhalten, er that auch in der Ferne sein Möglichstes, der nahezu Berzweifeludeu Muth und Vertrauen cinzuflößen. Und für einige Stunden übten seine Briefe in Wirklichkeit einen wohlthätigen Einfluß auf ihre Stimmung. Doch nur allzubald begann sie zu bcrechnen, wie viele Stunden bereits entflohen, seit ihr Gatte jene Zeilen geschrieben und waS Alles ihm seit jener Zeit zugcstoßen sein könne. Ohirc Klage, aber nahezu ohne Hoffnling, konnte sie Stunden lang vor sich Hinstarren, ohne die geringste Theilnahme für ihre Umgebung, und nur wenn cs galt, die Bedürsnissc ihres Kindes zu befriedigen, schien sie momentan aus ihrem bumpfen Brüten zu erwachen. Ihre Schwiegereltern. Inhaber des besten Gasthofs des Städtchens, hatten sie gleich nach der Abreise ihres Mannes ausgesucht und so lange in sie gedrungen, bis sie eingewilligt, ihre nun verödete Wohnung zu verlassen und während der Abwesenheit ihres Mannes bei dessen Eltern zu wohnen. Die Hoffnung, in dem stark frequeulirteu Gasthofe leichter Nachricht von! Kriegsjchauplatze zu erhalten, hatte sie wohl am mciftcit zu dieser Nachgiebigkeit bestimmt. Ihr Schwiegervater, ein gutmüthiger, jovialer Mann, bemühte sich nach besten Kräften, Frau und Schwiegertochter, die er wie die eigene Tochter liebte, zu trösten und zu erweitern. Doch gelang ihm dieses bei seiner eigenen Ehehälfte weit besser als bei der seines Sohnes. (Fortsetzung folgt.)