Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1886)
- Article
- Deutschland
- Date
- 1886-02-04
- Page
- 75 (sequence 2)
- Language
- German
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7t speziell von Kowno und Wilna), daß nicht sic die Gehetzten sind, sondern daß sic alle andern Elemente zu erdrücken scheinen. Und doch müssen sic äußerlich dulden. Hier bekommt einer ein kräftiges Schimpfwort an den Hals, dort einen noch minder zarten Nippen stoß zwischen die Knochen. Und mit lächelnder Miene ertragt er das alles. Aber in den, Lächeln liegt bei allem Einschmeichelnden, bei aller Kriecherei doch etwas GeringschätzcudeS, etwas Verächtliches. In der Tasche hat er die Christen doch: von dem zerlumpten Dauern bis zn dem in geborgten Kleidern cinhcrstolzirendcn polnischen Gutsbesitzer, dem er zwar in außerordentlicher Devotion Füße und Hände küßt. Die Juden können Einem auch das sonst hübsche WirebSk verleiden, wenn man sich auch sagt, daß sie bei allem Löwenanthcil, den sie an sich reißen, doch zur Belebung dcS Handels in jenen Gegenden durchaus nolhwcndig sind." Der Reisende hat gewiß eine sehr empfindsame antisemitische Seele. Ob ihm die erwähnten ״zcrlumpten Bauern" und Kleider borgenden Gutsbesitzer kongenialer sind, als die jedenfalls sehr nützlichen Juden?? 11. WiirzdrirH, 28. Januar. Das rcvidirtc Resultat der Volkszählung zeigt in hiesiger Stadt die Gesamtsumme von 55020 Einwohnern gegen 51024 deS Jahres 1880. Darunter befinden sich Israeliten 2377 gegen 2330 dcS Jahres 1660, mithin keine ncuncuSwerthe Vermehrung der israelitischen Einwohner seit 1880, besonders im Hinblick aus das allgemeine WachSthum der Einwohnerzahl seit der letzten Volks- Zählung. U. Nrnstettiii, 24. Januar. Eine schöne, erhebende Familienfeier fand vergangenen Sonnabend am hiesigen Orte statt. Herr Kämmerer Jakob Flater ans Baldcnbnrg beging mit seiner Ehefrau Rebekka gcb. Finder das seltene Fest der goldenen Hochzeit in der Wohnung ihres hier ansässigen SohncS. Der Jubilar 72 und die Jubilarin 75 Jahre alt erfreuen sich, wenn auch das körperliche Befinden manches zu wünschen übrig läßt, doch Gottlob noch geistiger Frische und Regsamkeit, und 0 Kinder mit 25 Enkelkindern sind bestrebt, ihren Lebensabend licht und angenehm zn gestaltcn. DaS alte Elternpaar verdient wegen seines streng religiösen Sinnes und seiner frommen, gotteSfürchtigcn Lebensweise dieses Glück in vollstem Maße, wie auch nicht minder die allgemeine Achtung und Liebe, welche dasselbe in allen Kreisen genießt. Bis zu seinem 50. Lebensjahr bekleidete Herr Flater in unserer Nachbar-Gemeinde Baldcnbnrg das Amt des Kantors und Schächters und vom Jahre 18G0 ab daselbst die Stelle dcS städtischen KämmcrcrS. Trotz dieses städtischen Amtes hat cS Herr Flater erwirkt, am שבת und י״כז von jeder Arbeit und Beschäftigung vollständig befreit, und so in keiner Weise durch sein Amt in der strikten Beobachtung seines NeligionSgesctzcS irgendwie behindert zu sein. In der Synagoge wurde dein Jubelpaar ein eigens für diese schöne Gelcgcnhcit angepaßter מי שברך gemacht und zun! Schluß nach dem Gebet für Kaiser und Vaterland von Herrn Prediger Hoffmann ein Dankgebet gesprochen für die Gewährung deS glücklichen Lebens deS Jubelpaares, und daran die Bitte geknüpft, daß ׳der Aklgütigc demselben and) ferner seine Gnade und Güte angedcihen lassen möge. Ein schöner, ergreifender Moment war es, als beim festlichen Mahle der Reffe des Jubel- Paares, Herr Dr. Finder, prakt. Arzt hiersclbst, das Wort ergrifs, um in tiefer Bewegung zu erzählen, wie er heute vor 50 Jahren, als der Ehebnnd zwischen seinem Oheim und seiner Tante geschlossen wurde, als neunjähriger Knabe, die Ehre hatte, an der HochzeitS- Tafel eine דרשת zu halten, und es darum heute um so inniger empfinde, daß eS ihm vergönnt sei, denselben zur Feier der goldenen Hochzeit seine Glückwünsche darbringen zu können. Möge Gott alle Wünsche, welche für das würdige Jubelpaar gehegt werden, znm Guten in Erfüllung gehen lassen. O e st e r r e i ch - U n g a r n. G. Wien, 1. Februar. Von dem bekannten Abgeordneten Dr. Joseph Kopp, dem Anwälte dcS Dr. Bloch in dem Nohling'schen Prozesse, ist soeben eine Schrift: ״Zur Jndenfragc nach den Akten deS Prozesses Rohling-Bloch" erschienen, welche geradezu Sensation!nacht. Hier wird von christlicher Seite auf Grund aktcnmäßigen Materials der Beweis nicht nurfür die Nichtigkeit der berüchtigten Nohling'schen Anschnldignngen erbracht, sondern überhaupt dargethan, wie die von antisemitischer Seite erhobenen Beschwerden gegen das Jndcnthnm durchaus unbegründet und nicht stichhaltig sind. Dr. Kopp hat sich das Verdienst erworben, der Hydra des Judenhasses den GarauS zu machen: freilich werden diejenigen, welche nicht belehrt sein!vollen, trotzdem dafür sorgen, daß sie neue Köpfe erhält. Kein Unbefangener und Redlicher wird sich aber der Wahrheit verschließen können. *||* Pest, 28. Januar. Unsere Herren Antisclnitcn ruhen nicht. Ein neues TiSza-ESzlar läßt sich nicht so leicht in Szene setzen, auch mit den Inden- Plünderungen hat cS seinen Haken. Wozu wäre aber die Tribüne deS Reichstags vorhanden, wenn sie nicht von den antisemitischen NeichSbotcn zum Hetzen benutzt werden soll, und wozu hätten wir eine Budgetdebatte, als um die Inden öffentlich anSznpeitschen'? Da ist der edle Baron AdreanSki, den! cS gewaltige Herzensbeschwerden macht, daß die jüdischen Großhändler ungarischen Taback exportiren. Das ist doch auch wirk-