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Jeschurun · 1886-02-04 · Heft 5 (4.2.1886) · p. 72

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 5 (4.2.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-02-04
Page
72 (sequence 2)
Language
German
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sichten sehr wohl Hand in Hand gehen kann. — Dein Gatte war ein Ehrenmann im schönsten Sinne des Wortes, und dennoch hat er Deinen berechtigten Wünschen, Deinem heiligsten Streben sich widersetzt. — Der Sanitälsrath, sagst Dn, ist ein Ehrenmann. — Sehr wohl, aber kennst Dn seine Ansichten? — Freilich kenne auch ich sie nicht, oder halten wir uns an Thalsuchen. Dn sagtest mir, daß noch in seiner letzten Stunde, die er freilich damals nicht für seine letzte hielt, Dein Gatte Deine Wünsche bespöttelt und Dich mit ihnen geneckt. Dn sagtest mir ferner, daß von jenem Moment an der Sohn jenes SanitätSrathcS allein mit ihm gewesen, das; auch jenes Schriftstück, daS Dein Gatte Dir als seinen letzten Willen bezeichnet, von der Hand deS jungen Walther ist. — Fassen wir alle diese Momente zusammen, müssen wir da nicht oermuthcn, daß Dein Gatte, bevor er durch den jungen Mann dessen Vater als Bormund seines Kindes bezeichnen ließ, mit demselben über Deine Wünsche nnd Deine Bestrebungen und demgemäß auch über seine Befurchiungcn gesprochen hat? — Ich habe weder Deinen Gatten gekannt, noch kenne ich den SanitätSrath, aber ich habe die feste Uebcrzcngnng. wenn er der Vormund Deiner Tochter wird, so bcgicbst Dn Dich zum größten Theil Deines Einflusses auf ihre Erziehung. Und nicht nur ihre Erziehung, auch ihr Vermögen wird Deiner Fürsorge vollständig entzogen sein." ״Du könntest Recht haben," erwiderte Adele, den Scharfsinn der Freundin bewundernd, ״aber was soll ich thun? — rat he mir." ״Ueberlasse die Sache mir, ich habe Konnexionen und werde schon dafür sorgen, daß Alles wieder in das rechte Geleise kommt. Ich preise die Vorsehung, die zur rechten Zeit mich hicrhergeführt. Aber ich sage cS doch inuner, der alte Gott lebt noch. Im ent׳- scheidenden Moment hat er den Arm Deines Gatten gelähmt, im entscheidenden Moment hat er mich hergeführt, Dich und Dein holdes Kind'vor den Folgen Deines übergroßen Vertrauens, Deiner übel angebrachten Nachgiebigkeit zu schützen." Frau Doktor Wicsenhein hielt Wort. Ihre Energie setzte cS durch, daß schon in den nächsten Tagen ihr eigener Gatte von der Obervormundschaftsbehörde zu Bella'S Vorntnnd ernannt wurde. Walther fühlte sich schmerzlich erregt, als noch am nämlichen Tage die Kunde hiervon zu ihm drang. Wiederholt hatte er sich bei Frau von Merten melden, wiederholt sic um eine Unterredung bitten lassen, jedes Mal war er abgcwiesen worden. Und nun sah er sich gänzlich außer Stande, seine dem Verstorbenen geleistete Zusage zu erfüllen, sah voraus, daß die Tochter seines Freundes eine den Intentionen ihres Vaters durchaus entgegengesetzte Erziehung erhalten werde, sah dessen schlimmste Befürchtung verwirklicht und wußte nicht zu helfen. Zwar kannte er den zu Bella'S Vormund ernannten Professor Doktor Wicsenhciu nicht persönlich, nnd halte in sozialer Beziehung nichts NachtheiiigcS über ihn vernommen, aber er wußte, daß derselbe zwar seiner Nationalität nach Jude, doch in seinem Leben vollständig außerhalb des IudcnthnmS stand, daß er daher aus die religiöse Erziehung seiner Mündel nicht den geringsten Werth legen werde. Und ihr Vater war doch so fromm gewesen, mit Kopf und Herz, mit Leib und Seele Jude. So wenig Erfolg er sich davon versprach, so hielt sich Walther dennoch verpflichtet, da Frau von Merten ihn nicht persönlich empfangen wollte, ihr in einem Schreiben einen Theil seiner letzten Unterredung mit ihrem verstorbenen Gatten mitzuthcilcn. Adele erfuhr ans demselben jedoch nur Dasjenige, was ihre Freundin bereits als Vermnthnng ausgesprochen hatte, und so diente eS im Wesentlichen nur dazu, Minna'S Scharfsinn in noch glänzenderem Lichte erscheinen zu lassen und dieser einen סעו möglich noch größern Einfluß ans ihre lenksame Freundin zu sichern. Es ward ihr auch nicht schwer, Adele zu bewegen, ihren jetzigen Wohnort mit ihren eigenen zu vertauschen. Der Umgang mit der geistvollen und vor Allem geistcsstarten Frau hatte allzu großen Reiz für sie, lind sie war frei, nichts hielt sie hier zurück. So ward denn beschlossen, daß, so bald Minna eine geeignete Wohnung, am liebsten in der Nähe ihrer eigenen, ausfindig gemacht haben würde, die Wittwc mit ihrem Kind dorthin übersicdeln sollte. Schon nach wenigen Wochen meldete Minna, daß sie eine herrliche Akquisition gemacht, daß cs ihr gelnngen, eine reizend gelegene, mit allen! Komfort ansgestattete Villa zu miethen, und daß sie nun sehnsuchtsvoll der Ankunft der Freundin harre-und diese ersuche, ihr baldniöglichst den Tag ihrer Abreise bestimmen zu wollen, da ihr Gatte sich das Vergnügen machen wolle, seine kleine Mündel und deren hochverehrte Mutter persönlich abznholen und in ihr neues Heim zu geleiten. ES ward Adele doch schwerer als sie geglaubt hatte, sich von der Stätte, an der sic eine Reihe von Jahren glücklich an der Seite des geliebten Mannes gelebt hatte, zu trennen. Sic halte den Gatten ja doch geliebt, und alle wcltbeglückenden Pläne der Freundin vermochten die Leere ihres Herzens nicht auszufüllen. Von ihren Leuten sollte nur ein Diener und ihre langjährige Zofe sie begleiten, die übrigen hatte sie auf Minnas Rath entlassen, die in ihrer Heiinath für ein geeignetes Dienstpersonal zu sorgen versprochen hatte. . (Forsetzuug folgt.)

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