Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-01-28
- Page
- 63 (sequence 2)
- Language
- German
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63 mir zu viel Ehre an, Freund. Es ist mir keinen?lugenblick eingefallen, mich um die Märtyrerkronc der Wissenschaft zu bewerben, noch auch verspüre ich Lust, den Anhang des seligen Schopenhauer mit meiner Wenigkeit zu vergrößern und mich schon bei Lebzeiten der seligen Nirwana in die Arme zu werfen. — Ich glaube auch nicht gesagt zu haben, daß ich dem geselligen Leben ganz zu entsagen gedenke. Ich habe blos die Absicht geäußert, meine gesellschaftlichen Beziehungen zu gewissen Kreisen zu lösen, was aber durchaus nicht ausschließt, daß ich dieselben nach einer andern Nichtaug wieder ankuüpse." ״So—o? Ach — jetzt geht mir ein Licht auf." Rafael bog sich auf den zwei hintern Füßen seines Sessels nach rückwärts und warf einen unsichern, zweifelnden Blick auf Moses. welcher ruhig mit seinem Bicrglasc spielte. Daun ließ er den Sessel in seine frühere Stellung zurückfallen, streckte die Beine weit von sich und blickte nachdenklich vor sich nieder. ״Lerviis amice i" schrie Leo plötzlich und schwenkte mit seinem parfümirteu Batisttuche einem jungen Manne, wahrscheinlich einem ,Skudierr'-Kollegen zu, welcher vorübcrpromeuircn wollte und auf den bekannten Zuruf stehen blieb. ״Wir treffen uns doch heute Abend in der ,Sonne* — hee?" Der junge Manu nickte bejahend mit dem Kopse und ging weiter. Rafael machte mit einem clwrgischcn Kopfschütteln dein Nachdenken ein Ende — es hatte den Anschein, als ob er mit dieser Bewegung einen unangenehmen Gedanken abschüttclu wollte— und erhob den Kopf. ״Verzeihe mir, Freund, begann er hastig — ich könnte es mir nie ׳ vergeben, wenn ich Dich — doch, was sage ich wenn? Ich habe Dich ganz gewiß ohne Ursache in einem schnöden Verdachte gehalten." ״In was für einem Verdachte?" fragte MoseS neugierig aufblickend. ״Denke Dir nur — fast sollte ich mich schämen es zu gestehen — in Folge irgend einer närrischen Jdecnassoziakion, war ich einen Augenblick laug schwach genug zu argwöhnen, daß Dein jüngster Entschluß eine Folge jener eigenartigen Gcistcsrichtuiig ist, welche Du vor einigen Monaten cingcschlagen hast. Aber das wäre ja der reine Unsinn!" ״Möglich — Du hast aber trotzdem das Nichtige getroffen." ״Wie — was?" fuhr Rafael auf. ״Es ist so wie ich Dir sage. — Doch laß uns einen anderen Gesprächsstoff wählen, denn ich bin leider überzeugt, daß wir uns über diesen Punkt nicht einigen können." ״Aber wie — was für ein Zusammenhang?" rief Rafael mit nervöser Hast. ״Ich ersuche Dich darum. — Wenn Dir au meiner Schätzung etwas liegt, so bitte ich Dich, mich darüber aufzuklären." ״Wenn Du es durchaus wissen willst," — sagte Moses achsclzuckcud, ״so sci's darum. Ich hatte nicht die Absicht, mit Dir über diesen Gegenstand zu sprechen. — — Es giebt Ueberzeugungen, welche so paradox "erscheinen, daß man sich unmöglich zu ihnen bekennen kann, bevor man eine ganze Reihe lehrreicher, aber unangenehmer Erfahrungen mitgemacht hat. Es ist um so weniger Aussicht vorhanden. Jemanden — und sei cs auch der Intelligenteste und Urthcilssähigste — durch bloße Gründe auf den Standpunkt dieser Ucberzeugnng zu versetzen, als sie mit den landläufigen Ansichten im Widerspruch stehen und gewöhnlich die ideale Täuschung zerstören, mit welcher die besseren Naturen den eigentlichen abstoßenden Kern der Dinge zu. umspinnen Pflegen. Du wirst ungeduldig.... aber Du wirst sehen, daß cs meinerseits nicht überflüssig war, dieses voransznschickcn. Also, Du willst wissen, aus welcher Ursache ich die große Gesellschaft meiden will.... Siehst Du, ich bin ein Mensch des Zcrgliedcrns, das Seziren ist mein Beruf. Was mir unter die Hand kommt, das zerlege ich und da ich selbst mir am nächsten zur Hand bin, so ist cs nur natürlich, daß ich auch mit mir keine Ausnahme mache. Aus Langeweile habe ich nun in letztoerflossener Zeit meine Brust ansgcschlitzt und während dieser Pclikanarbeit habe ich die Wahrnehmung gemacht, daß in manchen selbst derjcnigen modernen Juden, die die dümmsten Kaprizen der sozialen Mode für delphinische Orakelsprüche ausehen, und ihnen zu vicbc Alles thun, was ihnen konlmaudirt wird, daß, sage ich, auch in manchen von diesen, zu denen bis vor Kurzem auch ich gehört habe, etwas der nationalen und religiösen Selbstachtung Aehnliäres czüstire, zwar verkrüppelt und so befleckt, daß inan vor lauter Flecken den leuchtenden reinen Grund kann! mehr heraussieht, Ans meinen naturgeschichtlichen Studien weiß ich, daß die Natur nichts zwecklos hervorbringt. Die Frage tauchte also in mir ans, zu welchem Zweck denn auch in der Seele dieses Juden der Begriff von Ehre und Selbstachtung vor- Händen ist? Doch nicht etiva blos, damit er sie hundertmal des TagcS erniedrigen, beflecken und verleugnen könne? — Kurz, ich wurde nachdenklich. und mein jüngster Entschluß ist das Ergebniß dieses Nachdenkens." ״ES ist mir aufrichtig leid um Dich," sagte Rafael traurig, ״und ich kann nicht anders als in den Wunsch - unseres Freundes Leo einstimmen, Du mögest bald den Weg aus dieser Jdcenverirrung heransfindcn." (Fortsetzung ׳olgl.)