Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1886)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
- Date
- 1886-01-28
- Page
- 60 (sequence 2)
- Language
- German
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lichen Interessen widme, ohne gegen Andersgläubige agressiv auszutreten. — Diese HaUang der bisher antisemitischen Führung folgenden Genossenschaft hat sicherlich einem andern Leiter der Iudcnhatz, dem sich als solcher einer großen Berühmtheit erfreuenden Herrn Di׳. Robert Pattai, als ein warnendes Memento gegölten. Dieser chrenwcrthe Gentleman ist bekanntlich zur Freude und zum Stolze aller Wiener in dem hiesigen Wahlbezirk Mariahitf-Neubau in den Reichsrath׳gewählt worden'und erachtete es für angezcigt. am 18. d. Bits, iu diesem seinem Wahlkreise aufs Neue sein sozial-politisches Programm zu entwickeln. Das lautete aber in Bezug auf den Antisemitismus schon etwas zahmer. Keine brutale Lösung der Judenfrage, nicht rohe Gewaltanwendung — sondern sozialpolitische Neformgesctzgebnng, so werde die Macht der Juden vernichtet! Also nicht Todtschlagen, nicht Plünderung und Schändung — sondern nur ein wenig die Klinke der Legislatur gerührt, etwas Iudengcsetze wie in der glücklichen vormärzlichen Zeit unter Mctternich! Nun, wir Inden haben ein dankbares Gemüth. Wir sind diesen! ehemals rabiaten Gegner auch dafür verbunden; Pattai will uns doch nicht todtschlagen und ansplündcrn, will uns nur bürgerlich tobten und durch die Hand der Gesetze arm machen. Natürlich müssen erst die Herren Gesetzgeber in ihrer Majorität lauter Pattai, Schönerer und Schneider sein! Nun, warum sind denn die Wähler da? Thun sie nur ihre Schuldigfeit wie die Mariahilfer, dann wird cS gehen! m. Wien, U). Januar. Eine Heldenthat oder ein höchst geistreiches Stück, ausgesührt von der Blnthc der österreichischen Jugend! An dreihundert Musensöhne unserer Universität kamen au? den genialen Einsall. vorgestern Nachmittag eine gemeinsame Schlittenfahrt zu unternehmen. Das Vergnügen ist aber nicht ganz, wenn man dabei den Kitzel der Iudenfeindschaft nicht befriedigt. Also hingen sich die dreihundert Jünger der Wissenschaft Scitenlockcn, wie galizischc Inden thcilweise zu tragen pflegen an, setzten fid! ungeheure ״Judennascn" ans und nun darauf tosgefahrcn! Hei. welche Lust! In Döbling trafen diese falschen Juden ächte vollblütige Inden. Auf sic! hieß eS, und die braven falschen Juden foppten und maltintirtcu die ächten, daß es eine Lust war. Gicbt cs eine schönere Faschingsunterhaltung'? Für den gewöhnlichen Pöbel ist solche nicht reizvoll, die haben keinen feinen Geschniack. Aber die jugendliche Elite der besseren Gescllschaftsklassen die verstehen sich zu amüsircn. O, das war ein Gaudium! *||* Pest, 25. Januar. Es giebt bekanntlich keine edleren, klügeren und tugendhafteren Menschen als die Antisemiten. Das beweist auch ein heiterer Vorfall in dem benachbarten Orte Szcrct Endrc, dessen Bewohner sich durch ihre fromme antisemitische Gcsinlnn'.g auszeichncn. Da kam kürzlich ein feiner Herr in dieses Städtchen und predigte gegen die bösen Inden. Darob ergötzten sich die jungen Leute sehr. Ich bin von großen und bedeutenden Männern gesandt, sprach der würdige Herr, ׳ um das Land von den Juden zu befreien. Das kann aber nur auf vernünftige Weise geschehen. Die Krawalle thun es nicht. Die verd ... Juden sind zu schlau und bestechen die Richter, so daß die armen Exzellenten ins Loch ׳vanderu müssen. Darum gilt cs auch schlau zu sein und in aller Stille einen großen christlichen Verein zu gründen, der mächtig wird und den Juden den Garaus macht. Diesem Vereine muß jeder brave Mann bcitreten. Eintrittsgeld nur 50 Kreuzer! Und diese 50 Kreuzer sind nicht einmal sortgcworfen, Gott bewahre. Jeder, der mit 50 Kreuzer diesem christlichen Verein zur Selbsthülfe gegen die Juden beitritt, erhält, wenn er Geld gebraucht, jeden Betrag zinsfrei dargcliehcn ohne Bürgschaft und Sicherheit. Und die Rückzahlung macht ihm auch keine Schmerzen. Es ist ja die christliche Liebe, welche ihm borgt, nicht jüdischer Wuchergeist. Er zahlt, »venu er kann, und kann er nicht, so wartet der Verein. Wer also dazu Helsen will, die Inden zu vernichten, der zeichne sich in die Liste ein und zahle das Eintrittsgeld. — Darauf zeichneten in dem kleinen Nest nicht weniger als über 200 brave antisemitische Bürger sich als Mitglieder ein. Der feine Herr nahm die!00 Gulden und reiste ab, von den Segenswünschen des ganzen Orts begleitet, um anderswo sein edles Werk weiter zu betreiben. — Die guten Leute warten vergebens auf ihre Mitgliedskarte und fragen überall nach dem Vorstände des Vereins. Aber Niemand ist da, der ihnen Auskunft giebt. Ihre hundert Gulden sind sie aber los. — Ob es dem Schlauberger auch anderswo ebenso geglückt ist, verschweigt die Fama. 1). Pest,!7. Januar. Ein Bonmot macht hier die Runde. Das Oberhaus tagt im Nationalmuseum, dessen großer Saal ein gläsernes Dach hat. Der Heuer herrschende starke Schncefall hatte ans demselben eine solche Schnecmasse augehäust, daß das Dach gerade an der Stelle, unter welcher die Plätze der beiden jüdischen Oberhausmitgliedcr H ir s ch l c r und S ch w a b sich bcfanden, zertrümmert worden ist. Es war ein Glück, daß gerade zu der Zeit des Einsturzes keine Sitzung war, sonst wären die beiden Parlamentarier unfehlbar zerschmettert worden. Vor Beginn der nächsten Sitzung wurde dieses Ereigniß eifrig besprochen, und der Erzbischoff Haynald meinte, der liebe Gott müsse die Inden besonders liebhabcn, da er sie so sichtlich durch den AuSsall einer Sitzung vor dem Tode bewahrt habe. Hirschler aber erwiderte: ״Kollege Schwab und ich hätten ruhig im Sitznngssaale auf unfern Plätzen sein