Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-01-21
- Page
- 42 (sequence 1)
- Language
- German
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42 KmesMldcilzcli nitb Nachrichtcit. Deutschland. 0. Berlin, 17. Januar. Die ReichtagSdcbatte über die Ausweisungen bot dem Redakteur der ״Kreuzzeituug", den! Abgeordneten Baron von Hammerstcin, eine willkommene Gelegenheit zu einem gesprochenen Krcuzzeitiiiigs-Artikel. Er konnte cd nicht unterlassen, seiner Befriedigung über die AuSweistmg von galizischeu Juden Ausdruck zu geben lind berief sich auf die Acnßcrnugcn der Delegirten der ״All. Jsr." in Wien an! 31. Oft ober 1883, von welchen der angeblich desolate Kulturznstond der galizischeu Juden in das ungünstigste Viri)t gestellt wurde. Dergleichen von jüdischer Seite geübte lieber treibungen müssen in der -Vaud unserer Gegner zur Waffe werden. Wie können die Herren in Paris und London ein gültiges Urtheil über eine so große BevölkernngSzisfer wie die galizischeu Juden abgeben? Dergleichen Unbedachtsamkeiten fügen unS großen Schaden zu. Man sollte jüdischer SeitS vorsichtig sein, bevor. man durch dergleichen dein jüdischen Namen einen Makel an heftet. — Auch die bekannte . Aeußcruug des ״Osservatore Romano' wurde von ihm Ans Gefecht geführt. Der Abgeordnete Win dt Horst wies solche jedoch als Stimme der Katholiken zurück und deutete an, daß der fragliche Artikel nicht an der Tiber, sondern an der Spree geschrieben sein möchte.; ftaffel, 14. Januar. Wer ist Eapistrano? Wir wissen es in Kassel und den! Hcsseulaude leider nur zu gut. Di׳. Eapistrano ist der Führer der antisemitischen Strömung in Hessen, und der Neid muß cS ihrn lassen, er ist würdig. daS Haupt unserer Antisemiten zu sein. Wer gleicht ihm in der Begeisterung für diese heilige Sache, wer ihm an Kühnheit deS Geistes, a!l Energie und taktischer Kunst? Und dabei noch-so jung, kann! dreißig Jahre alt! Trotz seines romanisch klingenden Namens ein glühender deutscher Patriot. Große und mächtige Gedanken nehmen sein ganzes Wesen ein, darum ist sein von einem sehr spärlichen hochblonden Bartwuchs geziertes Antlitz so mager. Die GllNh des GedankenscucrS zehrt daran. Man muß ihn reden hören, den bedeutenden Mann. Da lebt und regt sich Alles an ihm, jede Fiber zuckt, jeder Nerv ist in Thätigkeit. Und nun gar sein Bortrag, voll edlen Pathos, so hinreißend, bezaubernd, entzückend. Ja er ist der Mann, der Deutschland glücklich und stark machen wird, das arme Deutschland, das, wie Eapistrano so schön, wahr und überzeugend in seiner großen Rede am 28. v. M. in der Bockbrauerei zu Berlin hervorgehoben hat, nur durch den AntisentitiSmnS *;*ng pur vor dem politischen Tode behütet werden kann. Am 28. Dezember war er nämlich in die NeichShanptstadt gekommen und rief daselbst mit gewaltiger Stimme: ״Ich bin hierher gckoinnten, um die lang ersehnte Einigung der Antisemiten hcrbcizuführen!" ״Sein oder Nichtsein ist die große Frage" donnerte er den Berlinern zu. ״Wollen wir Deutsche bleiben oder wollen wir Indenknechte werden?" ״Der Antisemitismus ist daS letzte Bolliverk gegen daS Jndenthnm!" Nur die ״Nord. Allg. Ztg." machte dein großen Mann Schmerzen, welche den Antisemiten Intoleranz vorgcworfcn hatte. Er protcstirte energisch gegen diesen Vorwurf der als offiziös geltenden Zeitung. ״Sie sollte uns danken," rief er, daß wir die Feinde deS Baterlands bekämpfen!" Ein allgemeiner antisemitischer Kongreß in Berlin soll der große Zweck dieser Berliner Reise gewesen sein. Indessen scheint Eapistrano das Geschick vieler großer Männer zu theilen; die Zeit ist nicht immer reif für die erhabenen Ideen, die sie födrern möchten. Nicht alle Antisemiten wollen sich um die Eapistranosche Fahne schaaren, und auch der von ihnen so hochverehrte und hochgefeiertc Herr Stöcker lehnte die HeereSfolge ab, wie solches ans der folgenden, von dein ״Kasseler Journal" gebrachten ״Berichtigung" hervorgcht: ״Sehr geehrter Herr Redakteur! Nachstehende Berichtigung bitte ich Sie in Ihr geschätztes Blatt anfznnehmen: Mehrere Zeitungen brachten in letzterer Zeit eine Roti; betreffend Herrn Hofprediger Stöcker und die geplante Antisemiten- Partei, welche durchaus auf Mißverständnissen beruht. Herr Hofprediger Stöcker ist Mitglied der konservativen Partei und denkt nicht entfernt daran, in die neue Antiscmitenpartei cinzutreten. Herr Hofprediger Stöcker wird vor wie nach seiner bisherigen Partei treu bleiben. Daß er die neue Parteibewegung mit Freuden begrüßt und ihr seine warme Sympathie cntgegenbringt, ist wahr und von einem Manne, der daS Treiben der gemeingefährlichen Juden erkannt hat wie kein zweiter, durchaus nicht wunderbar. Mehr als warme Sympathie wird Hofprediger Stöcker der neuen Partei nicht widmen, daS untersagt ihm schon der Umstand, daß er als Führer der christlich-sozialen Partei mehr den religiösen Charakter der Jnbensrage betonte, während die Antisemiten dieselbe als soziale nnb Nassen frage zu lösen suchen. So viel zur Richtigstellung! Ergebenst D!׳. Eapistrano." Also gctheilt Vorgehen und gemeinsam schlagen, daS scheint die neueste Taktik zu sein. O, eS muß gelingen, gelingt eS aber nicht, dann trifft die bedeutenden Männer, welche die Angriffe leiten, nicht Schuld. -0- Frankfurt a. M., 4. Januar. (Unlieb verspätet.) Heute Morgen fand auch in der Schule der Israelitischen NeligionSgesellschaft eine Feier gelegentlich des JllbilänmS Sr. Majestät deS Kaisers statt. Die festlich geschmückte und beleuchtete Aula, wo das Bildniß des Kaisers, mit Lorber bekränzt, sich