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Jeschurun · 1886-01-21 · Heft 3 (21.1.1886) · p. 41

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 3 (21.1.1886)
Article
Der ungarische Antisemitismus
Date
1886-01-21
Page
41 (sequence 1)
Language
German
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M 3 Jeschnrutt 41 Der wtprifiijc Äiililrinitisiiiils.! i Ich lese Ihre Zeitschrift mit großem Interesse,; weil sie mir willkommenes Material zur Erweiterung! meiner Kenntniß über die inneren und äußeren Be- Ziehungen des Indcnthnms bietet. Die Inden, eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der Weltgeschichte, greifen in die Gestaltung der politischen und kulturellen Ncrhältuisse mächtiger ein, als sic selbst ahnen. Mag man über sic denken wie auch immer, die Thatsachc ist nun einmal nicht fortzulcugncn, daß sie als Träger dcS reinen Gottesgedaukcus nicht nur, sondern als Depositäre der Satzungen, die die Grundlage der menscheugesellschastlichen Verhältnisse aller moderner Zivilisation bilden, des eingehenden Studiums des Forschers, welcher nicht nur vergilbte Dokumente kopircn will, sondern in der Geschichte dem Walten einer erhabeneu Idee nachspürt, würdig sind. Doch das wollte ich hier eigentlich nicht hcrvorheben. Mir erschien es nicht ganz ungeeignet, auf die Ursache der den Inden feindlichen Strömung des Tages hinzuweisen, welche in Ungarn so häßliche Erscheinungen gefordert hat. Da Sic aber auch den Verhältnissen Ihrer ungarischen Glaubensgenossen ein eingehendes Interesse widmen, so möchte jene Hinweisung auch in den Nahmen Ihrer Wochenschrift hincinpasscn. Wenn im gegenwärtigen Augenblicke jene Störung um etwas ciugcdümmt ist, so würde mau sich doch täuschen, wenn man sic als von dem bessern Geiste überholt betrachten wollte. Die Ursache ihrer -Herrschaft ist noch keineswegs aufgehoben und deshalb wird sic auch ferner sich behaupten. Nicht in dem eigentlichen Volke hat sie ihren Ursprung; sie wurde und wird in die breiten Schichten der Nation hineiugetragen. Sic nimmt ihren Ausgang von dem Adel und hängt innig mit der politischen und ökonomischen Entwickelung des Landes zusammen. Der alte Feudalstaat ist in Ungarn mit dem glorreichen Jahre 1848 keineswegs in seinen Wirkungen gänzlich beseitigt. Wie tonnten auch mit einen» Federstriche die Wirkungen von Jahrhunderte währenden Institutionen ans dem Veben einer Nation ausgclöscht werden? Die Adclsgeschlechter waren die einzigen Privilegirteu, die einzigen -Herrscher im Laude. Der Besitz eines Privilegs aber depravirl mit der Zeit seinen Besitzer. Die Untcrthauen mußten für den Grundherrn arbeiten und alle Vasten des Staats tragen. Dieser aber war nicht nur der Besitzer des Bodens und der Inhaber aller magistratnralen Würden und Gewalten, sondern auch von jeder Abgabe und Steuer '*') Dieser intmffaiite Nu such entflammt der Feder eines hochangcschcncn, mit den einschtägigen BelhaUiiissen verlrameu Mannes, welcher sich nicht;nr jüdischen Religion bekennt.! libcrirt. Was brauchte er zu arbeiten? Er lebte! sorglos, herrlich und in Freuden. Er war zn bequem, ' sich um die Bewirthschastung seines BcsitzthnmS zu! bekümmern und zn unwissend, dieselbe zn kontroliren.! U ‘ ־ nnd ungezügelte Pracht liebe biuujtui!1)11 uu uai juuiö des Ruins. Die Zittscnlast, die sich dadurch auf seinen Gütern anhäufte, drohte dasfeste ׳' ״'! zn verschlingen. Da trat eine neue Ordiin nge ein. Die Privilegien wurden cingcjö Interthan konnte Herr werden. Ein Grand! mt andern siel der Hypothekcnschuld zum Op;.. Gläubiger waren und sind in vielen Fällen Juden. Diese zurückgesctztcste und geringst geachtete Volksklasse verwandelt sich in vielen ihrer Glieder von dem Mobiliarbcsitzer zum bedeutenden Immobiliareigcnthümer. Sie ist verständig und fleißig, hält daS Ihrige zusammen, verwaltet cs umsichtig und bildet einen Stamm von Grundbesitzern, welcher durch eine rationelle Bewirthschaftnng den eigenen und nationalen Wohlstand vermehrt, während die Früheren ihn verpraßt haben. Diese Umwandelung vollzieht sich langsam aber stetig.. Es gereicht der Nation zum Segen, weil cs ihr gleichgültig sein kann, ob der Adel oder Bürger, der Ehrist oder Jude an der Hebung des Landes arbeitet, weil ihr nur daran gelegen ist, daß der schlummernde Reichthum des Landes zum Leben geweckt wird. Oer herabgekommeuc verarmte Adel aber erkennt in dein neuen Besitzer seinen Feind, dem er den Verfall seines Vermögens zuschrcibt. Er vergißt oder will vergessen machen, daß er selbst es ist, .der cs durch Trägheit und Verschwendung vergeudet hat, daß der Kausschilling von ihm vergeudet worden ist. Dieser heruntergekommene Edelmann ist der fanatische Inden- Hasser. Er schürt die Flamme des Neides nnd der Feindschaft im Volke. Statt sich aufzurasfcn und den nüchternen, betriebsamen Inden nachzuahmcn, um deren Konkurrenz bestehen zu können, hofft er von einem politischen Umschwung, d. i. Rückkehr zum alten Feudalflaut, eine Wiedereinsetzung in den früheren mühelosen Genuß. Er ist zri träge nnd zu bornirt, um in die legitime friedliche Wcttbcwerbnng um den Besitz einzntrctc». Es dünkt ihm leichter nnd bequemer, den Inden einfach tobt zu schlagen oder ans dem Lande zu jagen. Darum wiegelt er das Volk ans und entjesielt dessen Leidenschaft. Freilich wird ihm dies nur vorübergehend und strichweise gelingen. Aber er ist noch da nnd setzt dieses Werk der Aufreizung fort. Erst nachdem er sich in die neuen Berhältnisjc cingclcbt hat und mit Entfaltung aller Energie sich dem modernen wirthschaftlichen Leben anschließt, erst dann wird er auf den puerilen -Haß gegen die Juden 'verzichten, nnd erst dann wird die antisemitische Strömung ihr Ende erreicht haben. . -

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