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Jeschurun · 1886-01-21 · Heft 3 (21.1.1886) · p. 40

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 3 (21.1.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-01-21
Page
40 (sequence 2)
Language
German
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40 ״Fehlt Ihnen etwas?" stammelte sie. ״soll ich : ..Nein, sie will sich nicht abweisen lassen!" rief Jemanden rufen?" Plötzlich eine hochgcwachsene Dame, indem sie mit ans- Er schüttelte den Kopf und hielt sie zurück. , gebreiteten?Innen in das Zimmer stürzte. ״Fehlt Ihnen wirklich nichts?" wiederholte sic : ״Adele! meine Adele! meine theure, geliebte dringend. ״Wirklich nichts." Er zwang ein Lächeln auf seine Lippen. ״Ich muß nur einen Augenblick ansruhen." Er lehnte in den Sessel zurück, seine Angen schlossen sich gegen seinen Willen. Bella glaubte, er schlummere, und, der eigenen Ermüdung nachgebend, lehnte sie sich an ihn und legte in kindlicher Unbefangenheit ihr Köpfchen auf seine Knicc und schon nach wenigen Minuten vernahm er den ruhig gleichmäßigen Athem des schlafenden Kindes. Seltsam durchzuckte es ihn wie eine Ahnung von einstiger Seligkeit. Unwillkürlich öffneten sich seine Äugen, all' seine Müdigkeit war verschwunden, aber dennoch regte er sich nicht, unverwandt schaute er hernieder auf die wuudcrholde kleine Schläferin, die so vertrauensvoll sich au ihn schmiegte. Wie lauge er so gesessen — er wußte es selbst nicht. Das Knarren einer Thür, die sich in ihren Angeln drehte, weckte ihn aus seinen Träumen. Er nahm die schlafende Kleine in seine Arme und trug sie zu ihrer Wärterin. DaS Leichenbegängnis; war vorüber. Frau von Merten, in der ersten schmerzvollen Erregung, hatte jenes Blatt, das ihr sterbender Gatte -in Händen gehalten, als dessen letzten Willen bezeichnet und war cs voraus zu sehen, daß auch das Gericht, trotz der mu vollendeten Namensunterschrist, es berücksichtigen werde. ■$־ Es war an einem sonnigen Frnhlingsniorgen. In Frau von Mertens Boudoir waren die Fenster geöffnet, Licht und Wärme strömten herein und der Duft von zahllosen Blütheu des Gartens, zu dem die Fenster führten. In dunklen Trauergcwüudern ruhte die junge Wit.twe auf ihrer Causeusc und starrte brütend zu dem klaren, blauen Himmel aus, an dem einzelne blendend weiße Wölkchen langsam zogen. Sie war so versunken in ihren düstern Träunu'n, daß sic das Dcsfueii der Thür nicht gewahrte, nicht gewahrte, daß ein eben eingetretener Diener ihre Aufmerkfainkeit zu erregen sich bemühte. Endlich gelang cs ihm, und er berichtete, daß eine Dame Frau von .Merten ihre Answartung zu machen wünsche. ״ES ist doch bekannt, daß ich Niemanden cmpfange," erwiderte die Herrin verdrießlich. ״Ich erwähnte eS bereits," lautete die schüchterne Antwort, ״aber die Dame will sich nicht abweijen lassen." Adele!" Frau von Merlen war aufgesprungen. ״Minna! meine Minna!" Laut schluchzend hielten die Freundinnen einander umschlungen. Seit Jahren ווסט einander getrennt, halten sie erst im Laufe der jüngst verflossenen Monate einen lebhaften Briefwechsel mit einander unterhalten. Frau Doktor Wicsenhcin, eine geistvolle, hochbegabte Dame, die sich berufen wähnte, für das Wohl ihrer Mitschwestern handelnd aufzutrctcn, war Vorsteherin des Vereines zur Förderung der Emanzipation der Frauen und hatte sich als solche veranlaßt gesehen, die gleichfalls geistvolle Adele von Merten aufzufordern, sich ihren Bestrebungen aktiv auznschließen. Adele war, wie bereits erwähnt, mit Freuden dazu bereit gewesen, allein ihr Gatte hatte sein entscheidendes Veto gesprochen und sie hatte sich fügen müssen, wein; . auch mit erbittertem, grollendem Herzen. So zärtlich sie ihn geliebt hatte, das hatte sie ihm nicht vergeben, und erst seine Todesstunde hatte ihn! ihr ganzes Herz wieder zugewendet. Seitdem allerdings hatte sie sich manchen Selbsivorwurf gemacht, hatte manches harte, unfreundliche Wort mit grantvollem Herzen bereut, hatte vor Allem bereut, daß sie sich hatte hinrcißen lassen, die religiösen Anschauungen des Verstorbenen zu bespötteln. Das hatte ihn verletzt bis in das Innerste seitteS Herzens, nnb sie hatte triumphirt. wenn sie ihn batte erbleichen, wenn sie seine Lippen in verhaltenem Schmerze hatte zucken sehen. Wie erschien ihr das Alles, wie erschien sic sich selbst jetzt so hnssenswerth. In der ersten Stunde ihrcs Beisammenseins mit der Freundin waren cs nur Klagen über den erlittenen Verlust, die über ihre Lippen kamen. Frau Doktor Wicsenhcin, als kluge, scharfblickende Frau, hatte cs verstanden, diesen ersten Ausbruch des berechtigten Schmerzes mit voller Thcilnahinc entgegen zu nehmen. Doch allmählich, ganz allmählich, und doch schon nach wenigen Stunden, hatte sic cs auch verstanden, das Interesse der Trauernden für das wieder zu erwecken, was sic als die Aufgabe ihres Lebens betrachtete. Adele, in dem ersten Stadium ihres Schnierzes, fand eine Art Wollust darin, die einzelnen Momente jener schreckcnsvollcn Stunden mit selbstquälerischer Genauigkeit sich und der Frcndin ausznmalcn. Es entstand eine ziemlich lange Panse. (Forschung folgt.)

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