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Jeschurun · 1886-01-14 · Heft 2 (14.1.1886) · p. 31

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 2 (14.1.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-01-14
Page
31 (sequence 2)
Language
German
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31 logischer Zcichmdcutcrei sein vergangenes Geistes- und Gefühlsleben erforschen und durch scharfsinnige Folgerungen den Weg beleuchten zu wollen, den er in der Zukunft nehmen wird. Denn seine Vergangenheit und Zukunft spiegeln sich treu in seiner Gegenwart ab. Er hat in der Vergangenheit dasselbe oder etwas ähnliches gcthan, was er jetzt thut, und wird sich wahrscheinlich Zeit seines Lebens darauf beschränken, dieses in allen möglichen Variationen zu wiederholen. Und was thut er jetzt? Ei nun — er sitzt rücklings auf seinem Sessel, zwirbelt mit der Linken unermüdlich die Spitzen seines zierlich kleinen Schnurbärtchens in die Höhe, fuchtelt in der Rechten mit einem eleganten, biegsamen Spazicrrohr und firirt durch sein in Gold gefaßtes Pincc-nez die ununterbrochen vorübcrzichenden Spazierganger. Er ist ein ״sidcler Kerl", was das gerade Gegenthei! von ״Philister" und ״Bücherwurm" bedeutet, er lernt soviel als eben nothiveudig ist. um bei jedem Examen eklatant ״durchzukrachen" und lächelt verschämt, wenn man ihn fragt, im wie vielten Semester er geht. Der sechste Lenz ist eben im Erblühen, seit er als schüchterner ״Natt" an die Universität gekommen, und in dieser kurzen Spanne Zeit hat er!nahrhaft stannencrregcndc Fortschritte gcinacht. In diesen sechs Jahren ist ans ihm ein — nicht etwa Doctor juris utriusque — nein, etwas bei Weitem Größeres, ein — ״Löwe" geworden. ״Natt" und ״Löwe"! Kann eine größere Metamarphose in einer kürzen! Zeit gedacht werden? Doch überlassen wir unfern Ludwig alias 2c. einstweilig seinen eigenen Betrachtungen, und sehen wir uns mit einem flüchtigen Blick den Dritten aus dem Bunde, Raphael, an; das ist ein prächtiges Exemplar von einem Jüngling! Er ist schlank wie ein junger Pappelbauin, aber dabei doch kräftig, der Teint seines Gesichtes ist von einer fast mädchenhaften Tadellosigkeit, ohne aber deshalb weichlich zu sein, und seine Züge sind ideal schön und doch sehr energisch. Wie ein sanfter Schatten dunkeln um der edel geformten Oberlippe und um das ovale Kinn die ersten Bartflaumen, die Stirne ist wolkenlos, und unter dieser Stirne leuchten und lodern zwei Augen so groß und feurig wie die Sonnen. Und sowie in feinem Aeußcrn sich Kraft und Schönheit zu einer herrlichen Harmonie paaren, so auch in seinem Innern. Er ist Idealist in de§ Wortes schönster Bedeutnng, aber weit entfernt von krankhafter Schwärmerei. Er ist keiner jener mondsüchtigen Träumer, die nur in ihren eigenen Hirngespinsten sich wohl befinden, und ihre eigene Lcbcusnnfähigkeit auf die Zustände der Welt und des Lebens übertragen: im Gcgentheil, er ist Optimist. In seinen Adern rollt gesundes Blut, er weiß sich in den gegebenen Verhältnissen zurecht- ' zu finden, er geht auf alle Fragen der Gegenwart ein,; und sucht mit ihrer Lösung seine idealen Ziele zu ' idcntisiziren. Ja, cs ist nicht zu leugnen, dieser : Optimismus, die Neigung, die Dinge won ihrer ' rosigen Seite zu erblicken, in Verbindung mit einer lebhaften Phantasie, trübt oft sein Urthcil und bildet eine schwache Seite seiner Geistesanlage, aber er defindet sich ja noch in der Periode gahrender Ent- Wickelung. Sein ganzes Wesen ist ja noch ein edleS, seliges Streben und Ringen, welches, 11111 von den Geleisen zu nrthcilen, in welchen cs sich gegenwärtig bewegt, gewiß zu den schönsten Resultaten sich durcharbeiten wir. MoseS ist Mediziner ״im letzten Stadium", d. h. er hat nur noch ein Rigorosum zu bestehen, Rafael stndirt Philosophie und Geschichte und bereitet sich für die Professur in diesen Disziplinen vor, und Ludwig ist — ein Löwe! . Ist das nicht genug? Nebenbei läßt er sich auch — pour l’hoimeur du drapeau — in den Katalog einiger Professoren der juridischen Fakultät eintragen, mit welchen er nach der Einfchreibung nicht wieder in Berührung kommt, bis die Zeit da ist, wo er gewöhnlich dnrchzufallen pflegt. Der Kellner brachte volle Gläser und nahm die ausgeleertcn fort. Rafael that einen krästigen Zug ans seinem Glase. ״Also, Du bleibst unabänderlich bei Deinem Beschlüsse, die Einladung bei Doktor Friede abznlchnen?" fragte er, zu Moses gewendet. ״Ich habe sie bereits abgetehnt." ״Du bist auch von der Soiree des Doktors -weggeblieben, und ich habe Deinetwegen manches verstimmte Wort anhören müssen." ״Das thut mir aufrichtig leid, mein Freund, um so mehr, als ich befürchten muß, Dir in der Zuknnst noch manche derartige Unannehmlichkeit zu ver- Ursachen. Aber ich müßte mich in Dir sehr geirrt haben, wenn Du Deinen Freunden nicht willig daS kleine Opfer bringen solltest, für sic einige mißliebige Redensarten anzuhören." ״Opfer! cs wäre Nonsens, von einem Opfer zu sprechen, und cs ist eigentlich Dein unbegreifliches Benehmen, was mich an der Sache ärgert. Laß einmal ein ernstes Wort zu Dir reden, Moses. Was soll's mit dem auffälligen Jsolirnngssystem, welches Du seit einiger Zeit konsequent betreibst?" (Fortsetzung folgt.) Driickfehlcr-Brrick׳Li,qurrg in Nr. 1. Seite 5, Sp. 1, Z. 17 v. o..- ftatt Hcrodot lies ״Diodor". 4, 11 ״ ,2 ״) v. 0.: statt Perspektive und Sagen, lies ״auf die Sagen". 20 ״ ,2 ״ ,4 ״ v. 0.: statt last not least — auch die, lies ״auf die".

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