Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-01-07
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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15 dabei nichr bewenden lassen. Sic haben auch längs der Wege schöne Bänkchen angebracht, welche von knorrigen birkenzwcigartigcn Eiscnstäbcn getragen, anssehen, als ob sie aus der lieben Mutter Erde hervorgewachsen wären, und ans den Gipfeln der Berge haben sic luftige Eisenhütten anssnhrcn lassen mit Tisch und Bänken, denn — last 110t least — gegessen muß werden, und vollends in dieser srischcn. herben Waldluft. Wer also diverses Proviant von zu Hanse mitgebracht hat, der kann sich die Genugthnung verschaffen, cS in diesen Hütten, zwischen Bachgcmnrmcl, Vögclklang und WaldeSwehen vom Angesicht der Sonne verschwinden zu lassen. Und Jeder, der in diesem Paradiese eine solche Götterjause einnimmt — denn jeder Bissen Brot gewinnt hier Ambrosiagcschmack — muß segnend an die löblichen Stadtväter denken, welche denn anch in Folge der vielen Segnungen so schön gedcihen, daß sie sehr täuschend den Stammgästen des Münchener NathSkellers ähnlich sehen. Aber anch wer eS unterlassen hat, Nahrung mitznnchmen, braucht nicht zu befürchten, daß er im ״Gebirge" HnngcrS sterben wird, denn da ist: ״DaS Waldhorn", ״Der Bergkcgel", ״Die Alm"!!. s. w. lauter prächtige, freundliche Häuser mit geräumigen offenen Hallen, wo für Jeden die Tische mit den köstlichsten Speisen gedeckt sind, und jeder Durstige an der ewig schäumenden Bicrqncllc sich erquicken kann. Wenn ich nun noch hinzufüge, daß an allen Ecken und Enden herrliche Billen die Hügel krönen und auf den Acrghängen zwischen den dunkelgrünen Fichten- und Tannenhainen hcrvorlugcn, so habe ich die matte Skizze eines der herrlichsten GebirgSpanoramaS geliefert, welche aber gewiß in der Einbildungskraft eines jeden geneigten Lesers zu einem lebensvollen anmnthigen Bilde sich auSmalen wird. Unter allen angeführten und nicht angeführten NestanrantS aber ist unstreitig das erwähnte ״Wald- Horn" das vornehmste; cs ist eine Perle der Architektonik in idyllenhastem schweizerischem Styl und hat eine entzückende Lage. Es liegt auf einem Hügel, welcher auf der einen Seite flach ist, auf der anderen aber ziemlich tief und abschüssig in das Thal fällt. Auf der flachen Seite befindet sich eine Garlenanlage mit glattgcharkten Wegen zwischen den geschmackvollen Blumenbeeten, den Abhang aber bedecken die regelmäßigen Reihen einer jungen Nadclholzpflanzuiig. Auf der Gartenseite steigt ein ernster Fichtenwald in die Höhe, während gegenüber den auf der Veranda Sitzenden ein freier Ansblick über die Landschaft sich erschließt bis kn die weite Ferne, wo Berg, Wald und Thal mit dem Himmel in einem blauen Duft verschwimmen. Der Himmel war tiefblau von flaumigen Silberwölken besprengt, zwischen denen ein mildes Sonnenlicht herabstrahlte. Auf allen Wegen und Stegen tauchten kleine Gruppen von Lnstwandlern auf. mit sonnigen Gesichtern und Hellen FrühjahrSgcwändern. Wohin, man blickte nichts als b eitkrämpigc, gelbe Strohhüte, veilchenblaue oder rosarothe Roben, — die Herren trugen, um für alle Fälle vorgesehen zu sein, die Ueberzicher über dm Schultern, aber Mancher bereute schwitzend, diese überflüssige Bürde nicht zu Hause gelassen zu haben. Und das war überall ein sorgenloses Plaudern, Lachen, Schäckern und Scherzen, und wer das bunte, heitere Treiben sah, der hätte meinen können, daß der alte Satz: ״Der Mensch ist znm Leiden geboren", eine leere Phrase sei. Der freqnentirtestc von allen Wegen war derjenige, welcher vom Fuße des Fichten- Waldes an dem ״Waldhorn" vorbeifnhrte. Auf der Berande dcS ״Waldhorns" saßen drei junge Leute an einem der runden Marmortischchen. Das Einzige, was sie Gemeinsames hatten, war, daß alte Drei die Universität besuchten, sonst aber unterschieden sie sich so stark von einander, daß selbst ein primitiver Menschenkenner ans den ersten Blick dm wciten Abstand erkennen mußte. Der Eine hieß Moses, der Andere Rafael und der Dritte Ludwig, oder vielmehr Louis oder Leo, wie er sich mit Vorliebe prasentirte, und ans seinen rosafarbigen, parfümirten Billets, von denen jeden Tag einige zur Versendung gelangten, unterschrieb. Moses schien der älteste zu sein. Ein kastanicnbrauner kurzer Vollbart umgab sein männlich schönes Gesicht; ein ruhiger Ernst lag ans seiner hohen Denkerstirn und seine ganze Erscheinung machte den Eindruck eines Mannes, der Vieles erfahren, viele Enttäuschungen erlebt hat, an welchem aber nichts ohne Nutzen vorübergcgangcn, und der ans mannigfachen Konflikten den Weg zu einem gefesteten Standpunkt gefunden hat. Doch müssen seine Enttäuschungen offenbar mehr unangenehm als verhängnißvoll gewesen sein, und die Konflikte, die er durchgemacht, müssen zu jener Klasse ernster, schanspiclmäßiger Verwickelungen gehört haben, bei welchen die momentane Verlegenheit, die sie vernrsacht, verwischt wird. von der befriedigenden, harmanischen Lösung, zu welcher sic führen; denn keine Spur jener finsteren Verbitterung, die von großen tragischen Zerwürfnissen znrückblcibt, ist in seinen offenen Zügen zu entdecken und sein ruhig drcinblickendeS Auge ist der Spiegel eines wolkenlosen, noch immer lebhaft empfindenden Gemnthcs. (Forschung folgt.)