Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-01-07
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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8 laiibft doch, daß ich die schönen Blumen pflücke und; die süßen Birnen esse —." Unwillkürlich hob sich ihr Blick und suchte den Himmel; aber die Sonnenstrahlen trafen blendend ihr Auge, und mit dem der Kindheit eigenen raschen Wechsel der Empfindungen wandte sie sich und hüpfte trillernd zur Thür. Ihr Vater und ein ihm befrenndUcr junger Mann, die sie schon seit einigen Minuten unbemerkt beobachtet hatten, vertraten ihr den Weg. ״Was hast Du hier gemacht, Bella?" ״O nichts, Papa," mckwortete sie und crröthete nicht einmal, denn sie hatte cs in der That schon vergcsscn. Sie reichte die Purpurlippen dem Vater zum Kusse und sprang davon. ״Nun, Walther, was sagen Sic zu der kleinen Hexe?" sprach Herr von Merten, indem er mit dem jungen Manne in sein Arbeitszimmer trat, ״ich fürchte, sic hat nur allzuviel Anlage, ein Blaustrumpf zu werden." ״Ein Blaustrumpf! — O, Herr von Merten, Sie glauben selbst nicht, was Sie da sagen, oder Sie sahen nicht den seelenoollcn Blick, in dem die ganze Tiefe des GemütheS —" ״Donner und Doria! junger Mann, ich glaube gar, Sie haben sich in mein sechsjähriges Püppchcn verliebt. Nun, nun. werden Sie nur nicht so roth," lachte er weiter, als er die Gluth in des Andern Antlitz gewahrte, ״mir wär's schon recht, wenn Ihr dereinst ein Paar würdet. Sie sind zwanzig, meine Bella ist sechs, der Unterschied im Alter wäre nicht allzu groß. Ihr Juristen hcirathet gewöhnlich etwas später. Topp. Herr Schwiegersohn, Schlagen Sie ein und leeren wir eine Flasche Tokayer ans das Wohl Ihrer Zukünftigen." ״Und wenn ich Sie nun einst beim Wort nehmen würde?" sagte Walther halb in׳. Ernst, halb im Scherz. ״Wollte Gott, Sie würden es! — wollte Gott, Sie könnten es!" versetzte Merten plötzlich ernsthaft. ״Walther," fuhr er wie von einer Ahnung ergriffen fort, ״Sic werden an diese Stunde denken, ich weiß cs. — Erinnern Sic sich dann, daß cs mein innigster, mein sehnlichster Wunsch gewesen ist, meine Bella mit Ihnen zu verbinden." ״Ihre Worte könnten mich glücklich machen, Herr von Merten, denn ich gestehe Ihnen offen, wenn ich Ihre Bella ansche, übcrkommt es mich oft, ich weiß, selbst nicht wie. Aber Ihre Worte klingen beinahe wie eine Art von Testament — und das in Ihrem Alter, bei Ihrer Gesundheit —" ״In meinem Alter, bei meiner Gesundheit könnte ich nichts GcscheidtcrcS thun. als das, was Sie sagen. — Und ich werde es auch thun müssen, eS bleibt mir nichts anderes übrig —Er preßte mit liefern Seufzer die Hand an die Stirn. ״Herr von Merten, ich bitte Sie um Gotteswillen, was ist Ihnen? was übcrkommt Sie so plötzlich?" ״Nichts, mein junger Freund, gar nichts. Aber der Gedanke, meine Bella vielleicht unversorgt zurücklassen zu müssen — Bella, mit ihren reichen Anlagen, ihrer raschen A'.'.fsassungskraft, ihrem hohen Sinn unter der Leitung meiner herzensguten Frau, die trotz ihrer seltenen Geistesbildung leider in religiöser Beziehung —״ ״Um des Himmelswillen! Herr von Merten, ich verstehe Sic nicht. Hätte ich nicht die verflossenen Stunden in Ihrer Gesellschaft zngebracht, ich würde wahrhaftig uid}t auf Ihre Nüchternheit schwören. — Irre ich nicht, so haben Sie vor kaum einen! Vierteljahr Ihren ucununddrcißigsten Geburtstag gefeiert, doch Ihrem Aussehen nach könnte nian Sie um zehn Jahre jünger halten. Krank sind Sie auch sicherlich nie gewesen, und —״ ״Junger Mann, Sie wähnen, ans dem heiteren Lebemann, als den Sic mich kennen, wäre plötzlich ein Hypochonder geworden. Sehen Sie her, ist Ihnen dieses Portrait bekannt?" ״Er zog einen leichten Gazevorhang zurück, ein Oelgemälde, einen Mann in den Dreißigern vorstellend, ward sichtbar. Walther staunte. ״Ich würde dieses Porirait unzweifelhaft für das Ihre halten, wäre nicht die altmodische Kleidung —" Er ist das Portrait meines verstorbenen Vaters, wenige Monate vor feinem Tode gemalt. Er starb am Schlagfluß, im Atter von ucuuuuddreißig Jahren." McrtenS Stimme war tonlos, sein vor Kurzem noch so blühendes Angesicht war aschfarben geworden. ״Mein Großvater," fuhr er mit Anstrengung fort, ״ist in dem gleichen Alter dem gleichen Würgeengel erlegen — mein Urgroßvater ebenfalls. — Glauben Sie noch, daß ich fasele?" fügte er, ein Lächeln erzwingend, flüsternd hinzu. Walther, mehr als ergriffen, von unnennbarem Entsetzen ergriffen, rang vergebens nach Fassung. ״Herr von Merten," stammelte er endlich, .gebe der Himmel, daß Ihre Ahnung Sic trügt — aber — wenn Sic — zählen Sic auf mich — meine Ergebenheit - - mein Eifer wird die mir mangelnde Erfahrung ersetzen!" ״Ich danke Ihnen," entgegnetc Herr von Merten, mit Herzlichkeit die Hand des jungen Mannes drückend, ״ich danke Ihnen und vertraue auf Sie. Ach, Gott sei Dank, daß ich endlich einen Menschen gefunden habe, mit dem ich offen sprechen kann. Seit vier Monaten warte ich vergebens auf die Heimkehr Ihres Vaters, um mit ihm zu berathcn, was ich thun kann, thun soll, thun muß —״ (Fortsetzung folgt.)