Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-12-31 · Heft 53 (31.12.1885) · p. 840

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 53 (31.12.1885)
Article
Zur rumänischen Judenfrage
Date
1885-12-31
Page
840 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933153-2963888--20732-2963931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Richterstuhl zu rufen und Rechenschaft von ihm zu fordern über seine Vertragstreue. Sie dürfen es nicht dulden, daß dieses Geschöpf ihres Willens ihnen Hohn spricht und ihren Willen vereitelt. Die Ehre Europas ist in Rumänien verpfändet. ES darf nicht zngeben, daß ein Staat, dem es die Ehre erzeigt, sich als Glied der gesitteten und auf Recht sich gründenden europäischen Staaten zu betrachten, Zustände bei sich sankliontionirt, welche in afrikanischen Kraals und amerikanischen Wigwams heimisch sein mögen, aber für Europa eine Schmach sind, deren Duldung eS seiner Existenzbercchtigung verlustig gehen läßt. Europa lege doch Rumänien die folgenden Fragen vor: WaS sind deine Landcskinder, welche, von jüdischen Eltern geboren, sich zur jüdischen Religion bekennen? Sind cö keine Einheimischen, so sage doch, welchem Staate sie augehören? Ihre Väter, Groß- und Urgroßcltern waren der Geburt und Sprache nach Rumänen, wie willst bu sie zu Freinden stempeln? Kannst du uns zumuthen, daß wir diese nach Hunderttausenden Zählenden dir abnehmen sollen? Meinst du, daß wir es dulden werden, daß du unS diese dir .unbequemen Hunderttausende über deine Grenzen jagst und aus ihnen ein heimathloses, nirgends hingchörigeS Zigeuner- Volk schaffst, welches wir von einem Grcnzpfahl zum andern dir zu Gefallen abschieben sollen? Dir liegt es ob, diese Hunderttausende als die Dcinigeu zu detrachten, denn sie sind auf deinem Boden geboren, und ihre Voreltern sind seit hundert Jahren und länger bei dir ansässig. Du willst sie als Heloten betrachten? Glaubst du, daß wir solches dulden können? Die Zivilisation des neunzehnten Jahrhunderts gewährt keinen Raum für einen Helotenstaat. Du willst die europäischen Großmächte düpiren? Sie haben zu Berlin in deiner Geburtsstunde die Gleichstellung der Juden Rumäniens ' proklamirt, du aber sprichst in gleißnerischem Sinne: ja, die rumänischen Juden will ich wohl emauzipircn, aber Fremden kann ich doch kein Bürgerrecht gewähren, und daun sprichst du den Juden das Bürgerrecht ab und behauptest dreist, den Berliner Traktat nicht verletzt zu haben! Dabei aber rufst du diese ״Fremden" unter die Waffen und verlangst von ihnen den Tribut der. VatcrlandSpflicht und dcö Patriotismus — giebt cS einen größeren Hohn auf Gerechtigkeit und Billigkeit? Du hast bis vor wenigen Jahren den Juden Pässe gegeben, jetzt verweigerst du ihnen solche und setzest sie einfach ohne Legitimation in benachbarte Länder aus. So verfährst du mit deinen Landeskindern und mißachtest Recht und Humanität und bist naiv zu vermeinen, daß wir dich schützen und deinen jungen NechtStitel anerkennen sollen. Im Namen des von dir .verletzten Rechts, im Namen der von dir verhöhnten Zivilisation verlangen wir von dir Achtung des Berliner Traktats, oder wir streichen dich aus der Liste der selbständigen Staaten und machen dich zu dem Vasall, der du gewesen. Wir find hierzu legirimirt, denn du bist unser Geschöpf, denn du gefährdest unsere Sicherheit, denn du verletzest die Gesetze der Zivilisation und erschütterst den Grund- Pfeiler unseres StaatengefügeS. Jmu iajiitcl der MensHerWlWS. Das folgende unscheinbare Schriftstück befindet sich im Besitze eines Freundes, welcher der Meinung ist, daß dessen Veröffentlichung vielleicht nicht ganz ohne Interesse sein möchte, da es eine Handhabe zur Vergleichung bildet zwischen der Achtung, welche vor etwas mehr als hundert Jahren dem Menschenwesen gezollt wurde, und der Schätzung des Werthes, den man in der Gegenwart einem ״Betleljuden" beimißt. Es mag noch bemerkt werden, daß die Orte Steinhorst und Tandesneben in der Nähe Lübecks liegen. Das Schriftstück lautet: Hoch- und Hochwohlgcbohrne, gnädige, Hochgebietcnde Herren! Schon vorgestern Abend meldete der Gerichts Diener Dusch, daß der in Verhaft besindlichc Bettel Jude Abraham Malis zwar noch des Morgens gutgespeist, aber des Mittags nichts hat nehmen wollen, und einen Wahnsinn zeige. Ich verfügte mich zu ihm, fand, daß er nichts genießen wollte, ohne daß man von ihm erforschen konnte, was ihm fehle. Er sprach nur wenig, aber unverständlich, war aber sehr gelaßen, und weil es eben so gut Verstellung seyn konnte, so empfohl man dem Gerichtsdiener, desto mehr aus seiner Hut zu sein. Der Ersolg hat jedoch gezeigt, daß cS der Fall nicht gewesen,. beim gestern ist er immer schwächer geworden und noch che der Chirnrgus, nach welchem zur Untersuchung der Krankheit gesendet worden, erschienen, in der abgewichencn Nacht verstorben. Das davon aufgcnommene Protokol überreiche Ew. Hochgräflichcn Gnaden und Hochwohlgcboren hicncbeu untcrthänigst in originali. Da er weder als Jude noch als Jnquisit mit einem ehrlichen Vcgräbniß füglich beschenket werden kann, so gedenket man ihn in einem Sarge zu Tandcueben außerhalb des Kirchhofes an der Mauer bestatten zm lassen, worüber jedoch , zuvor Ew. Hochgräflichen Gnaden und Hochwohlgebohren hohe Genehmigttng erbitte und im tiefsten Respekt beharre. Ew. Hochgräflichcn Gnaden und Hochwohtgebohren nnterthänigster Diener Georg Heinrich Schwartzkopf. Steinhorst, den 23. Febr. 1779.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.