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Jeschurun · 1885-12-24 · Heft 52 (24.12.1885) · p. 825

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 52 (24.12.1885)
Article
Die Rabbinerkonferenz zu Pittsburg
Date
1885-12-24
Page
825 (sequence 1)
Language
German
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M SS. Die llaliliinetlionffrfii{;1! Misburg. In den Tagen vom 16. bis 18. November d. I. tagte zu Pittsburg (Alleghany) Pa, eine Versammluug amerikanischer Rabbiner,;reiche nach den von jenseits des Atlantischen Ozeans zu uns dringenden Nachrichten in der amerikanischen Judenheit keine geringe Sensation wachgerusen hat. Wir thcilcn durchaus das Erstaunen der Väter dieser Konferenz ob dieser Erregung der Gemüther und fragen mit einem der vornehmlichsten Vertreter der Reform, dem Begründer und Leiter des amerikanischen RabbincrscmiuarS, Herrn Jsaac M. Wise, Rabbiner zu Cincinnati O.: Was ist denn eigentlich geschehen? Haben denn die in PittSbürg versammelten Rabbiner irgend ein Geheimniß enthüllt, dessen Bekanntwerden so großes Erstaunen hervorzurufen geeignet wäre? Haben sie irgend etwas proklamirt, was nicht schon längst ans ihrem Leben, ih׳׳cr Lehre und Amtsführung durchaus bekannt war? Herr Wise hat durchaus Recht, wenn er eß betont, daß ״die einstimmig angenommene Prinzipicnerklärnng in acht Paragraphen" nichts Anderes als ..die Grundlage dcö Status quo ist, worauf sich das amerikanische Judenthum" — d. h. diejenigen Juden in Amerika, welche sich die Herren Konfercnzrabbincr und deren Genossen zu Rabbinern erwählt, und die ihnen unbequemen Gesetze dcS Judenthumö nicht beachten — längst befindet, und daß ״die Herren Theologen bckaunrlich dein Volksbewußtsein immer nachhinken". Herr Wise hat ferner durchaus Recht, wenn er behauptet, daß ״mau keine neue Nabbinerkonferenz gegründet, sondern die alte, die in Deutschland ihren Anfang hatte, fortgesetzt und sich derselben im Prinzipe fest angeschlojscn habe". Wir müssen sogar den Herren in Amerika die Anerkennung zollen, daß sic offener und ehrlicher als ihre deutschen Kollegen sind, und sich nicht scheuen, die Ideen der Geiger, Holdhcim, Kreiznach, Heß nicht nur zu verwirklichen, sondern auch die Konsequenzen der schüchternen und verschämten jüngeren deutschen Rcsormschule kühn zu ziehen und zu proklamiren. DaS Aufsehen und die Erregung, die nächste Wirkling dieser Rabbincrkonfereriz, finkt ihre Erklärung nur in dem Umstande, daß vielen Kollegen׳der in Pittsburg versammelten Herren gerade diese Offenheit^ und Konsequenz im hohen Grode fatal sind, einige unter ihnen auch vielleicht GcwisseuSbcllcmmungcn verspüren, weil ihnen hier ad oculos demonstritt wird, wohin die von ihnen selbst gepflegten Grundsätze in unerbittlicher Konsequenz führen. Wenn man die Thatsache der Offenbarung, die Grundlage des JndenthumS, nicht in ihrer absoluten Wirklichkeit und das Prophetenwort nicht als unmittelbaren GotteSauSspruch anerkennt, 825 Jeschurun der müydlichcn Lehre einen späteren und minder unmittelbaren göttlichen Ursprung als der schriftlichen vindizirl — dann sind die in Pittsburg proklamirtcn Prinzipien nur die in leicht faßlicher und allgemein verstündlicher Sprache anSgedrücktcn angewandten Prinzipien jener deutschen Schulen. Wir pflichten somit Herrn Wise vollkonunen bei, wenn er ״die historische Berechtigung" der Pittsburger Beschlüsse auf Deutschland zurückführt. Dagegen zeihen wir die Pittöbnrgcr Rabbinerkonfercnz der schweren Schuld, daß sie noch wagt, den Namen Judenthum und Rabbiner für sich in Ansprach zu nehmen. Was sie proklamirt steht im geraden Widerspruch zur». Judenthum. Sie leugnet die unmittelbare Göttlichkeit der Thora und die ewige Verbindlichkeit ihrer Gesetze. Was sic bekennt, ist alles Andere, nur keine jüdische Religion, und cS ist deshalb eine Usurpation und Anmaßung, wenn sic ihre Prinzipien als Prinzipien des Judenthums, und die sich zu denselben Bekennenden als Bekenner des amerikanischen JndenthumS auögicbt. — Wir scheuen vor der Konsequenz dicscr'Behauptung nicht zurück. Wer die Prinzipien der Pittsburger Konferenz als die seinigen anerkennt, hat nicht das Recht, sich Bekenner dcö JndenthumS zu nennen. Wer anerkennt, daß ..die Bibel die primitiven Ideen ihres eigenen Zeitalters wiederspiegelt und zu Zeiten ihre Auffassung der Weise, wie die göttliche Vorsehung, Liebe und Gerechtigkeit mit den Menschen vorführt, in Wundcrcrzühlung kleidet"') —, wer sich zu der These bekenn!: ״heule aber nehmen wir nur die moralischen Gesetze als bindend an und erhalten nur solche Zeremonien aufrecht, die geeignet sind, unser Leben zu erheben und zu heiligen, und wir verwerfen alle diejenigen Vorschriften, welche sich den Ansichten und Gewohnheiten moderner Zivilisation nicht anpassen";'') — wer die Uebcrzcnguug bekennt: ״daß alle diejenigen mosaischen und rabbinischen Gesetze, welche die Diät, pricsterlichc Reinheit und Kleidung rcguliren, in Zeiten und unter dem Einfluß von Begriffen entstanden sind, welche unserem gegenwärtigen geistigen und religiösen Zustande fremd sind; — sie erfüllen den modernen Juden nicht mehr mit dem Gefühle Priesterlicher Heiligkeit; ihre Beobachtung in unseren Tagen ist' eher dazu angcthan, die sittliche und geistige Er- Hebung zu hindern alö dieselbe zu fördern; '') und wer sich loSsagt von den messianischen Verheißungen;^) — der hat kein Recht mehr, sich als Bekenner des Judenthums auszngcbcn, der nenne sein Bckcnntniß wie er immerhin wolle, aber es ist weder das Bekenntniß des JndenthumS, noch dcö Ehristenthnms und JslamS. ') Artikel 2 der PittSbnrger Erklärungen. — -) Artikel 3 derselben. — :Jj Artikel 4 derselbe». — 4; Artikel 5 derselben.

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