Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1885)
- Article
- Bemerkungen zu den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerversammlung in Berlin
- Date
- 1885-12-24
- Page
- 820 (sequence 2)
- Language
- German
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820 die Befestigung der unglückseligen Herrschaft der Phrase, daß somit die Bekenner des vollen und ganzen JudenthumS von den Bestrebungen dieser Herren, die sich mit dem Nimbus als Organ des gesammten deutschen RabbinatS umgeben möchten, nichts Anderes zu erwarten haben, als Schädigung der Interessen, die ihnen heilig sind, als Förderung des Abfalls von der alten glorreichen Fahne des einzigen Judenthums, welches heute mit dem Namen orthodoxes Judenthum bezeichnet wird und in der strikten Beobachtung der durch Thora, Talmud und die rczipirten Codices gegebenen Normen und Lehren seine Verwirklichung ins Israels Gemeinden und Herzen erblickt. Darüber kann Niemand, der nicht geflissentlich blind sein will, im Zweifel sein. DaS müssen auch diejenigen Theilnehmer an der Versammlung, welche etwa im guten Glauben nach Berlin gekommen waren, nunmehr einschen. Diele Erkenntnis; scheint sich auch hier und dort Bahn g-chcvchcn zu haben, denn ein ferner gefaßter Beschluß in Betreff der in Berlin vollzogenen Gründung eines Verbandes der Rabbiner Deutschlands ״im Sommer 1885" eine ״erste vrdentliche Generalversammlung" abzuhaltcn, konnte vielleicht aus diesem Grunde nicht zur Ausführung gebracht werden. Diese Versammlung birgt aber in einem gewissen Sinne das Gute in ihrem Schooße, daß die klägliche Halbheit, das innerlich Hohle und die totale Uu׳ fähigkcit, ein gemeinsames Programm aufzustellen und der Welt die Kunde zu bringen, was denn nach der Ansicht der versammelten achtnndscchzig Herren der Inhalt des JudenthumS sei, einmal wiederum vor aller Oeffentlichkeit konstatirt worden ist. Die Herren haben eS nicht vermocht, auch nur einen Schritt außerhalb des Geheges der Phrase zu thun und mußten cs als die höchste Frucht ihrer vereinten Berathnng ansehcn, wenn eS ihnen nothdürftig gelänge, eine Anzahl von Resolutionen zu fassen, denen ein wirklicher Kern nicht innewohnt, und die deshalb geeignet sind, von einem Jeden in dem Sinne gedeutet zu werden, der gerade ihm angemessen scheint. Auch der schüchternste Versuch einer etwas bestimmteren und klareren Aeußerung mußte an dcr Erkenntniß der totalen Unfähigkeit scheitern. Daran ändert auch die Schlußrede des Herrn Dr. Joel am Nachmittage des 5. Juni 1884 nicht das Mindeste, trotz aller ersichtlichen Mühe, welche der diplomatische Redner sich gicbt, daS totale Fiasko der Versanunlung nach dieser Seite hin zu verdecken. Die luirklidje Senkung Moses. Ein Essay von S. B. R osenhai n. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)*) Wenn daS Hauptmotiv bei Verhängung des grausamen Knabencrmordungsgesctzes sanitätspolizeiliche Sorge um das eigene Volk und die Absicht, die Ausrottung eines Nebels durch die Vernichtung des Objektes, welches von ihm unzertrennlich durchsetzt ist, gewesen sein soll, was nützte es, die Knaben allein wcgschasfen zu lassen? wenn in dem Fraucngeschlccht das Uebel fortwuchern dürste? Dieser Einwurs gewinnt noch an Schärfe, wenn man bedenkt, daß die meiste Gefahr von den Frauen drohte, da bekanntlich jüdische Frauen zu jeder Zeit die Begierden ihrer Bedrücker in besonderen! Maße unbeabsichtigt erweckten. Der verthierte ägyptische Frohnknecht wird doch' nicht mehr Garantien bieten können als mancher edelgeborene Ritter, der Lroß des Schmutzes der Ghetti seine ganze Machtfülle für die Erlangung eines Judcnmädchens oder Weibes einsetzte. Wenn inan sich schon aus einem Massenmorde kein Gewissen machte, warum entschloß man sich nicht zu dem unfehlbaren Mittel, welches gegen Juden schon so oft mit so schönem Erfolg angewendet wurde, nämlich den Pöbel zu bewaffnen und Alles bis zum letzten Rest erschlagen und verbrennen zu lassen? Oder, um auch hier einer edleren menschlichcn Regung ein Hinterpförtchen offen zu lassen, was hinderte Pharao, wenn er sonst nichts bezweckte als die Juden los zu werden, sie aus dem Lande zu jagen? Wie erklären sich ferner die Schwierigkeiten, die Pharao den geahnten Fluchtbestrebungen entgegensetzte? Wie erklärt es sich vollends, daß Pharao, nachdem die vollzogene Flucht ruchbar geworden, ihnen mit dem ganzen Aufgebot seiner Waffenmacht nachsetzte, um sie zur Rückkehr zu zwingen? Alle diese unbehebbar scheinenden Einwände verschwinden spurlos und machen einer vollkommen harmonischen Ucbereinstimmung Platz, wenn wir uns an die ebenso natürliche wie einleuchtende Darstellung der Bibel halten. Die Inden vermehrten sich ausnehmend stark und gaben hierdurch, wie durch ihre höhere Intelligenz, welche ihnen einen Vortheil über die Aegypter sicherte, zu ernster politischer Besorgniß Anlaß. Einfach auSrotten oder verjagen mochte man sie nicht, weil man in ihnen ein Heer wohlfeiler und sehr tüchtiger Arbeiter besaß, welches bei dem schrankenlosen Ehrgeiz der *) Druckfehler - Berichtigung in Nr. M. S. 774 Sp. 1 Z. 12 v. u. statt 89״ Thore" lies 49״ Thore". 22* ״ 2 ״ 774 ״ v. o. statt ״lobenden" lies ״lohenden".