Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1885)
- Article
- Aus dem Treiben der "Mission"
- Date
- 1885-12-17
- Page
- 811 (sequence 2)
- Language
- German
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811 Damen, warum sie es thun; sie hatten voriges Jahr eine Einnahme au Geschenken allein von über $000 Pfund Sterling! Die Dummen werden nicht alle. Ksrrchondcnzen und Nachrichten. D e n t s ch l a n d. -L-. Berlm,!3. Dezember. Heer Hosprrdiger Stöcker feierte vorgestern seinen Geburtstag, oder vielmehr die große und angesehene christüch-soziate Partei beging das Wiegenfest ihres Oberhauptes in großartigster Weise in den glänzenden Raumen des Buggenhagcnschen Lokals. Das von den Semigen hochgescierte Geburtstagskind sah sich von einer ihm znjubelndcn Menge umgeben, an deren Spitze die Neichskagsabgeordneten Graf Dönhoff, v. TmUtamer, v. Kessel, v. Gerlach, v. Gustcdt, Krug v. Nidda, v. Ungcr-Sternberg, Baron v. Hammcrstein, v. Wrisberg, Professor Wagner, Lotz n. s. w. Die eigentliche Festrede hielt Baron v. H a m m c r st e i n, Neichstagsabgeordnetcr und Chefredakteur der ״Kreuzzeitung". Die bedeutsamste Stelle dieser bedeutenden Rede lautet folgendermaßen: ״Jndenihnm und Dcntschthum sind unvereinbare Gegensätze. Wer kann es bestreiten, daß es eine wahrhaft nationale Aufgabe ist, den Einstuß dcS erstcrcn Zu mindern? Mit religiöser Intoleranz und Gewissenszwang hat solches Streben nichts gemein!" —Ich bin kein ״Christlich-Sozialer", sondern nur ein schlichter Jude, und mein jüdischer Verstand will nicht begreifen, daß dieses keine Intoleranz sein soll. Was ist denn Intoleranz? Ja, mich will bedrucken. als ob eine solche Gesinnung mir einer konservativen, frommen und gottwohlgcfälligen Lebensanschaunng verzweifelt wenig GenrcinsamcS haben dürfte. Aber, wie gesagt, ich habe nur einen simpeln. jüdischen Verstand, vielleicht verstehe ich nicht, was wahrhaft fromm und gottgefällig ist. Ich denke mir aber, was möchten die hochangestheacn fromrrien Herren und Damen, und Herr Baron üoü Hammcrstein und Herr Hofpredigcr Stöcker vor Allem, wohl sagen, wenn in einer jüdischen Gesellschüft das Gleiche gesagt würde, nur mit den! Unterschiede, das; an Stelle des Wortes ״Judcnthum" das Wort ״Christen- Lhum" stände? Es mag nun sein, daß ich solches als gutgesinnter preußischer und deutscher Staatsangehöriger mit acht konservativer, königsttcucr jüdischer Gesinnung nicht recht verstehe, aber ich denke nun einmal so: in dem Staate des erlauchten HoherrzollernftammeS, in dein unter dem ehrwürdigen, weisen, milden, srommen und gerechten Heldcnkaiser neu erstandenem Deutscheu Reiche erfreut sich das Judenthum des gleichen Schutzes wie das Christcnthum, und so wenig man das Letztere schmähen und hcrabwürdigcn darf, so sollte auch das Erstere unantastbar sein. Mir schiene sogar es eine Herabwürdigung des DeutschlhumS zu sein, wenn ich glauben sollte, daß dieses in einem nnvercinbatrcn Gegensatz 2u dem Judenthume stände, weil ich mir sage, daß das Deulschthnm dann der Gottesfurcht, der Sitte, der Menschenliebe, der. Hoffnung, deS Trostes, der Erhebung, der Geistesgröße, des Herzmsadets, der Gemüthsinnigkeit entbehren müßte, welche das Judenthum in die Welt gebracht. Schrecklicher Gedanke! Fort mit dieser furchtbaren Vorstellung! Es schaudert mich, wenn ich mir denken sollte, daß es eine Wahrheit sein könnte, daß Deutschthum der Gegensatz des Judenthnms wäre, dann versänke cS in den Pfuhl des abscheulichsten Heidenthums, dann schwände alle Tugend und Sitte von deutscher Erde!-— Ich begreife nicht, wie man einen solchen furchtbaren Gedanken fassen kann, der mir wenigstens daS Entsetzlichste zu enthalten scheint, den ich wenigstens für ebenso revolutionär wie unwahr, für ebenso fanatisch wie undeutsch halte. — — — Am vergangenen .Montag war die Arbeiterpartei in Gründers Salon ans der Schwerinstraße zusammen. Da wurde es ausgesprochen und mit allgemeinster Zustimmung ausgenommen, daß das Verlangen nach AuSnahmSgesetzen für Andersgläubige eine Schande unserer Zeit und es Pflicht der Arbeiter sei, der Hetze gegen Andersgläubige einen Damm entgegenzusetzen. Ich bin, wie vorhin erwähnt, sehr konservativ und nichts weniger als ein Sozialdemokrat. Der Wahrheit jedoch die Ehre; mir scheinen diese in der sozialdemokratischen Versammlung geführten Reden viel patriotischer, deutscher, gesitteter und christlicher als jene Reden in Mitten der Christlich-Sozialen. 0. Berlin, 14. Dezember. In der ״Neuen Prcnß. (Kreuz-) Ztg." lese ich folgende seltsame Märe: Unter den Inden in den Karpathensändern regt cs sich geistig. In Galizien. Lodomirien, Rumänien und den angrenzenden Theilen Ungarns ist die jüdische Einwohncrschaft so zahlreich, daß sie vieler Orten die Mehrheit der Beoölkerung bildet und daß Städte von 5000 vis 10 000 Einwohner ausschließlich von Juden bewohnt sind. Nun hat die 1877 vollendete hebräische Uebersetzung des Neuen Testaments durch Professor Delitzsch in Leipzig, von welcher sehr viele Exemplare in jenen Gegenden abgesttzt wurden, daselbst eine jndenchristliche Bewegung hervorgerufen. Wer daS Buch besitzt, hütet es wie einen Schatz, einzelne haben es sogar auswendig gelernt. DaS Zentralkomitee für die Judeumissiou in Leipzig muß immer neue Sendungen hebräischer Testamente nach den Karpathenländern abgehen lassen. Wohlhabende Juden bringen selbst ihre Kinder zur Erziehung nach Leipzig. Lu den Stadien