Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1885)
- Article
- Johann Zestowitz
- Date
- 1885-12-17
- Page
- 808 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933151-2963711--20609-2963762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
808 düngen gemartert wnrde und nur mühsam seine Fassung zu bewahren vermochte. .Indem der Vorsitzende die Verhandlung schließen wollte, richtete er an Zcstowitz die übliche Frage, ob er noch etwas zu seiner Bertheidigung vorznbringcn habe. Als ob diese Frage dem von ihm sehntichst gehegten Wunsche entspräche, erhob sich Zcstowitz. Sein mattes Auge leuchtete freudig aus, seine Hünengestalt reckte sich in ihrer ganzen Größe. Er strich das wirre Haar zurück und blickte den Präsidenten fest an: ..Wenn cs erlaubt ist, gestrenger Herr Richter." ״So redet," fiel ihm dieser ins Wort. ״Uebrigens hat der Herr Vcrtheidiger bereits das Möglichste für Euch gethan." ״Wehe, der Vcrtheidiger ist der Ankläger gewesen!" ries Zcstowitz. ״Verzeihen Sic meine schlechte Rede — ich bin ein Fremder in fremdem Lande — ich kenne nicht dessen Sprache." ״Redet immerhin, wenn cS zur Sache gehört," sprach der gerechte Vorsitzende. ״Wir wollen uns Mühe geben, Euch zu verstehen." ״Man glaubt mir nicht und ich bin doch unschuldig, so wahr Gott lebt!" — begann Zcstowitz in seinem polnisch - jüdisch - deutschen Jargon. ״Warum sucht man nicht den Dieb, — warum fragt man nicht, wo ist der Diebstahl geblieben? Was ist denn hier vorgekommen, das ich verleugnet halte? Habe ich nicht zugestandcn, in dem Hause gewesen zu sein? Habe ich mich vor der Kiuderwärterin verleugnet? Konnte denn der Dieb nicht ebenso rasch entfliehen, wie er gekommen war? Warum hält man mich denn für den Dieb, wo doch nichts vorgekommen ist, daß ich schon jemals etwas Unrechtes gelhan? Hat man bei mir die Löffel gefunden? Ist bezeugt worden, daß ich Löffel verkauft oder versetzt habe? Man kennt mich hier nicht; nun, so weiß man doch weder Gutes noch Böses. Warum will man denn Böses von mir denken? Weil ich fremd bin? Liebt den Fremden, heißt eS in der heiligen Schrift. Weil ich Jude bin? Ist denn das ein Beweis für das Verbrechen? Sind alle Juden Verbrecher?-Ich habe nicht Alles verstanden, was die Herren gesprochen haben. Doch aber habe ich verstanden, daß ich ein Verbrecher sein soll, weil ich meinen Sohn liebe und ihn in eine gute Schule schicke. O, gestrenge Herren, glauben Sie denn, man könnte an seine Kinder denken und ein Verbrechen begehen? — Warum erkundigt mail sich nicht bei dem Lehrer, wie mein Sohn ist? Mein Sohn wird gelobt, weil er durch Sitte und Fleiß sich auSzeichnet. Ein schlechter Vater erzieht keinen guten Sohn. — über, was nützt meine Rede, man glaubt mir nicht. Ich werde verurtheilt als Dieb, und mein Weid und meine Kinder sind geschändet aus ewig." Nur in abgebrochenen Sätzen vermochte der Un-. glückliche seine Gedanken vorznbringcn, zu mächtig wogte es in seinem Innern. Die in schlechter, halb verstand-! sicher Rede ausgestoßcneu Worte verfehlten aber doch! ihren Eindruck nicht auf Richter und Geschworene. So denkt kein halb vcrthicrtcr Sünder. Trotz deS wilden Aenßern gab sich hier eine sanfte Seele kund, in der zerlumpten Erscheinung offenbarte sich ein denkender Geist. Die Erwähnung seines Weibes und seiner Kinder, die Vorstellung von ihrem namenlosen Jammer und Elend halten ihn überwältigt und die mühsam behauptete Haltung übcrmannt. Die Sprache versagte ihren Dienst. Er brach in ein Schluchten aus. Nach einigen Augenblicken aber hatte er sich erholt. ״Ich kann nichts thnn für Euch, geliebtes Weib, theure Kinder! — Die Menschen glauben mir nicht; und Gott muß ein Wunder vollbringen, um meine Unschuld klar zu thnn! Er schaut das Verborgene; er weiß, daß meine Hand nicht nach fremdem Gut gegriffen! — Seid barmherzig, gestrenge Herren, — schenkt meinen Worten Glauben." — — Er hielt plötzlich inne. Sein Blick hatte den Zuschauerraum gestreift und blieb dort nnverweilt haften. Die Augen traten aus ihrer Höhlung; — das Blut wich aus seinen Adern und strömte zum Herzen zurück, zum heftig pochenden Herzen. — Geschehen denn Wunder? — Sollte sich Gott feiner erbarmt haben? — — Unwillkürlich folgten Aller Augen der Richtung, welche deS Angeklagten stierer Blick wies. Dieser rang nach Worten Seine Brust wogte auf und nieder. Es war ein furchtbarer Schrei, der sich endlich frei machte. ״Da stehen sie, die Diebe! — Dort, dort!!" Der Gerichtsdicncr mußte ihn znrückhaltcn, daß er nicht dem Zuschanerranm entgegenstnrzte. Dort aber entstand eine Bewegung. Zwei Männer, die vor wenigen Augenblicken cingctrctcn waren und sich nach vorne hin gedrängt hatten, versuchten eiligst sich zu entfernen. ״Haltet die Diebe!" schrie Zcstowitz mit entsetzlicher Stimme. ״Haltet sie fest!" Der Präsident hatte die Sachlage erkannt. Er gebot die Ausgänge zu schließen. Die Zuhörer aber begriffen auch die Situation und verhinderten die Entwcichung der beiden Männer. ״Führen Sie die Menschen hierher!" gebot der Präsident. ״Das sind sic," rief Zcstowitz, ״das sind die Leute, welche mir aus der Treppe begegnet sind, das sind die Leute, die mich verleiten wollten, ihnen silberne Lössel abzunehmen!" (Fortsetzung folgt.)