Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1885)
- Article
- Österreich-Ungarn : aus Ungarn [Nachricht]
- Date
- 1885-12-10
- Page
- 797 (sequence 2)
- Language
- German
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797 schultern, sondern das Matrikenwesen zu verbessern. Auch sie, die Durchführungskommission, stelle sich gerne zur Seite des Ministcriunls und nehme nicht nur die diesbezügliche Verantwortung auf sich, sondern ver pflichte sich auch, in einer solchen Gemeinde, die nicht im Stande wäre, einen qnalisizirtcn Matrikeulciter anznstellen, sie daselbst dies auf Gemeinkosten thun werde. Weiters führt das Memorandum aus, daß durch den Erlaß im Amte ergraute Männer, die ihrem Amte stets mit der größten Pünktlichkeit obgelegen, ihren Erwerbszweig verlieren. UcberdicS verstoße die Vereinigung mit einer neologcn Gemeinde gegen das religiöse Gefühl. Ob dieses Memorandum von Erfolg begleitet sein wird, bleibt abzuwarten. Dr. W. Budapest, 1. Dezember. Lange schon werden die Festklänge des TiSza-Jubiläums verklungen sein, und in unseren Ohren werden noch forttönen die Antworten, die er an die jüdischen Deputationen gerichtet. Herr v. Tisza ist als zehnjähriger Lenker der Geschicke Ungarns schon lange daran 'gewöhnt, daß seine Worte gezählt, gewogen und genau erwogen werden. Herr Minister Tisza weiß dies wohl, und darum erwägt auch er selbst genau jedes Wort, nm Jedem sachgemäß zu antworten. Hören wir nun, wie und was er den ihm huldigenden jüdischen Deputationen erwiderte. Mit den übrigen Konfessionen wurde auch die Deputation der Kongreßpartci und der Pester orthodoxen Gemeinde empfangen. Den Ersteren erwiderte Herr v. TiSza: ״Ich danke Ihnen für Ihre guten Wünsche und xd) kann Sic dessen versichern, daß cs auch fürderhin meine angenehme Pflicht sein wird, die Wohlfahrt der israelitischen Bürger mit derjenigen der übrigen Bürger unseres Vaterlandes zu fördern, denn in meinen Augen bildet nur der Patriotismus einen Unterschied zwischen Bürger und Bürger." Das sind schöne erhebende Worte aus dem Munde eines Tisza. Wie ganz anders aber klingt die Antwort an die Letzter»: — ״Ich danke für Ihre freundliche Erinnerung und ich kann Sie dessen versichern, daß ich in all Demjenigen, was mit den allgemeinen vaterländischen Interessen übereinstimmt, Ihre Interessen gerne fördern werde." Aber was hat denn der Herr Ministerpräsident iu der ״Interessensphäre" der jüdischorthodoxen Gemeinde entdeckt, was mit den ״allgemeinen vaterländischen Interessen" nicht übereinstimmt? — das sind verhängnißvolle Worte, gegen welche die ungarisch - jüdische Orthodoxie energisch sich verwahren muß. — Hier hat Herr v. Tisza zu erkennen gegeben, ״was in seinen Augen einen Unterschied bildet zwischen Juden und Juden" und hierin steckt dcr gewaltigste Jrrthum des gewaltigen Staatsmannes. Am zweiten Festtage (gestern) kam nach dem ״Honved-Verein" die Budapester reformirte israelitische Gemeinde (mit ihrem bekannten Antisemiten-Vater Pater Stersnyi an der Spitze). Herr TiSza beehrte diese mit folgenden Worten: ״Ich danke Ihnen sehr für Ihre freundliche Erinnerung. Ich glaube, daß eS die Aufgabe einer jeden Konfession ist, die religiöse Moral einerseits, die Liebe zum Vaterlande andererseits zu verbreiten. Die Regierung kann diejenige Konfession, welche diesen Bedingungen entspricht, nur unterstützen." — So sprach Tisza zur Vertretung einer kaum bcachtcnSwerthen Fraktion einiger hirnverbrannter Gesellen. — Und der (unter den spätesten Deputationen, — nach dem Intendanten des Klauscnbnrger Theaters (!) und vor der Deputation dcr Donau-Dampfschifffahrtögcsellschaft im Namen von 1000 Gemeinden) erschienenen orthodoxen DurchführungSkommrssivn fand Herr Tisza nichts mehr zu erwidern als: ,)Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Erinnerung und auch ich wünsche Ihnen alles Gute." — Ich will dies nicht komnientiren, aber diese Thatsachen müssen ja doch mehr als hundert ״Kollektiv- Berichte" es vermöchten, der ungarisch-jüdischen Orthodoxie zu Herzen gehen, ans ihnen spricht klar und deutlich: ״Schaut, wie wenig imponireude, Achtung gewinnende Repräsentanten Ihr habet!" — Das späte Erscheinen dcö Herrn Reich wird damit motivirt: er wollte mit den anderen jüdischen Deputationen nicht Zusammentreffen. — Daß die hiesige orthodoxe Gemcinde separat vorgesprochen, mag ein Ergebniß des Sofer-Reich'scheu Zerwürfnisses sein. — Dieser ״Konflikt" ist noch immer nicht bcigelcgt, die ״Walz׳, mühlc" wird bald ihren NL>2-Gang in Stand setzen wollen, und wenn die Sofer-Reich'schen Differenzpunkte nicht in Bälde ausgetragen werden, hat die non plus ultra-Walzmühle eine empfindliche Konkurrenz zu befürchten. Schweiz. ל י Ans der Schweiz, 30. November. Die ״Schächtsrage" taucht immer wieder von Neuem auf. Im Augenblick sind es drei Kantone, welche in nächster Zeit mit dieser Angelegenheit sich zu beschäftigen haben werden. Im Kanton Bern wurde von den Berner Thierschntzvereinen an den großen Rath eine Eingabe erlassen, kurzweg das ״Schächten" zu verbieten. In Solothurn wurde eine neue Schlachtverordnung geuehmigt, worin es u. A. heißt, daß nur nach vorhergegangener Betäubung das Schächten gestattet sei. In St. Gallen, wo in den siebziger Jahren eine Agitation gegen das Schächten stattgefunden und durch das energische Auftreten des dortigen Rabbiners Herrn Dr. Engelbert beigelcgt wurde, ist vergangene Woche ein Begehren an die Regierung gestellt worden, eine Verordung zu erlassen, daß das Tödten von Großvieh nur nach vorhergegangener Betäubung stattsinden dürfe. WaS ist gegen eine solche Agitation zu thun. Bei solchen Fragen