Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1885)
- Article
- Kollektiv-Berichte aus Ungarn
- Date
- 1885-12-10
- Page
- 791 (sequence 2)
- Language
- German
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791 israelitischen Matrikelbezirk einzufügen, und daß jeder Matrikelbezirk so groß sei, um einen qualifizirten Matrikelführer erhalten zu können." Am 13. November 1885 wurde nun das ״Statut für die israelitische Matrikelführung" mit vielem Getöse in die Welt gesetzt. Da liegt es vor uns mit seinen 7 Abschnitten und 21 Paragraphen. (Schluß folgt.) Von Naphlali Simon. (Nachdruckverboten.) (Fortsetzung.) Und abermals und wiederum ward er in Verhör genommen und abermals und wiederum in seine Zelle zurückgeführt. Er blieb bei seinen Angaben und der Richter bei seinem Unglauben. Zestowitz wurde für einen hartnäckigen Verbrecher gehalten, der seinen Raub in Sicherheit gebracht hat und sich auf das Leugnen legt. Die Untersuchung wurde nach einigen Wochen als beendigt erklärt. Zestowitz ward vor die nächsten Assissen des Schwurgerichts verwiesen. Die Anklage lautete auf schweren Diebstahl, da sich herauSgestellt hatte, daß die verschlossen gewesene Thür des Korridors mittelst Dieterichs gewaltsam eröffnet worden war. Es wurde ihm ein Rechtsanwalt als Vertheidiger bestmimt, welcher sich bei ihm einstellte, um mit ihm Rücksprache zu nehmen. Es gelang dem Angeklagten nicht, denselben von seiner Unschuld zu überzeugen. ״Ich will für Euch thun, was ich vermag." sagte er beim Fortgehen. ״An der Schuldsrage wird sich nichts ändern lassen. Ich werde mich darauf beschränken müssen, die Behauptung zu entkräften, daß die Korridor- Ihür von Euch eröffnet worden ist. so daß nur ein ' einfacher Diebstahl angenommen wird. Aber auch dieses wird schwer halten, nun wir werden ja sehen." Das war ein schlechter Trost für den Angeklagten. Der Mann, der für ihn eintreten, der seine Ehre und Freiheit zu wahren berufen sein sollte, hielt ihn auch, für schuldig, was hatte er dann von dem Gerichte zu hoffen? Warum nahm man aber es als selbstverständlich an, daß er der Dieb sei, warum wurde seinen Getheucrungen nicht die allerm'mdeste Beachtung zugewendet? Es war doch eigentlich nichts Anderes festgestellt worden, als daß er an dem Nachmittage in dem Hause gewesen war, in welchem der Diebstahl begangen worden. War eS denn gänzlich undenkbar, daß der Dieb sich mit seiner Beute eiligst entfernt hatte, wie er ganz bestimmt meinte? Er war doch ein glaubwürdiger, unbescholtener Mann, warum glaubte man ihm nicht, wenn er seine Begegnung mit den beiden Strolchen auf der Haustreppe und in der Schenke wiederholt erzählte? Warum bemühte man sich nicht, diese verdächtigen Menschen ausfindig zu machen? Warum zuckte man ungläubig mit den Achseln, wenn er davon sprach? Sah er denn wie ein Spitzbube aus? Zeigte sein Antlitz das Mal des Verbrechers? — Armer Zestowitz, du weißt ja nicht, wie unheimlich deine Erscheinung ist! Warum hast du deinen Bart nicht abgescheert, warum hängt dir das Haar wirr um die Stirn? Warum sprichst du ein so entsetzliches Deutsch? Warum bist du ein armer Lumpensammler, der aus fremden Lande hierhergekommen ist? Man traut dir das Verbrechen zu, und wenn es dir nicht gelingt, die Unmöglichkeit dafür zu erweisen, wenn eS dir nicht gelingt, den wirklichen Thäter zur Stelle zu schaffen, so wirst du verurthcilt. Was vermagst du aber zu Lhnn? Hinter Gefängnißmauern eingeschlossen, arm. fremd, ohnmächtig, bist du rettungslos dem schrecklichen Schicksal verfallen. Nur ein Wunder kann dich retten!- Trübselig schlich ein Tag nach dem andern dahin, die Tage wurden Wochen, aus den Wochen Monde — fast drei lange, bange Monate. Es bäuchte ihm, als sei er von der Welt ausgeschlossen und vergessen. Sein Weib und feine Kinder hatte er nicht gesehen während dieser langen trüben Zeit. Er hatte versucht, die Erlaubniß zu erlangen, ihnen schreiben zu dürfen. Es war ihm verstattet worden. Der Gefängnißinspektor vermochte aber die krausen Zeichen der hebräischen Kurrentschrist nicht zu lesen. Der Brief wurde ihm zurückgegebcn und ihm bedeutet, sich deutscher oder lateinischer Schriftzüge zu bedienen. Er hatte aber keine Kcnntniß derselben. Die Seinigen suchten vergcbcns um die Erlaubniß nach, ihn besuchen zu dürfen. So entbehrte er des Trostes der Mittheilung und mußte sein Leid den Kerkermauern klagen, so gesellte sich zu dem unsäglichen Weh noch die Sorge um die Seinen. Was mochte aus ihnen geworden sein? Hatten sie zu darben? Wie ertrugen sie die schwere Heimsuchung? Ach, der Unglückliche hatte so viele Fragen auf dem Herzen, deren Lösung er vergeblich ersehnte! Was half ihm das Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit, da weder Richter noch Anwalt daran glaubten, da er entehrt und gefangen, die Semigen in Kummer und Elend untergingen! Was es ihm hals? Es hielt ihn trotzdem und alledem aufrecht, ließ ihn dennoch die Hoffnung nicht ganz verlieren, daß, ungeachtet des Abgrunds, welcher sich vor ihm in bodenloser Tiefe aufthat,׳ trotz des fast gewissen Untergangs, dennoch ein leiser Hoffnung-- schimmer in dem verborgensten Winkel seiner umdüsterten Seele sich rettete und trotz seiner Schwäche zu dem festen Halt wurde, an welchen sein Wesen mit dem Rest