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Jeschurun · 1885-12-10 · Heft 50 (10.12.1885) · p. 788

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 50 (10.12.1885)
Article
Vorwärts oder "Rückwärts"?
Date
1885-12-10
Page
788 (sequence 2)
Language
German
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788 Allerdings, die Verschiedenheit eigensüchtiger Richtungen hatte den Versal! herbeigeführt. Aber Alles war ja unter dem Vorwände, hin und wieder auch unter dem Banne der Selbsttäuschung vor sich gegangen, eS geschehe für daS ״gereinigte Judenthum". Der Ewige selbst hat ja die Menschen so verschieden geschaffen, sie verstehen nur oft den Zweck dieser Mannigfaltigkeit selbst nicht. Sie wirkt verderblich, insofern sie die Einzelnen zu selbstsüchtigen Sondergliedern der Gesammtheit macht — wer sagt unS aber, daß Derjenige, welchem selbst die מחתת האנשים וכו׳ zur Anregung deS Guten dienen, diese Verschiedenheit, da sie sich einmal als jüdisch ausgegeben, nicht zum Guten wenden wird? Bleibe nur das Ziel die Befolgung der göttlichen' Satzungen, die Bewahrung der Schrift und der Ueberlieferung — und dieselbe Mannigfaltigkeit, die wir als streiterregende Macht kennen gelernt, wird zu jenem ״Gotteskampfe" führen, dessen ״Ziel immer die Liebe" ist. Da treten sie hervor, jene Helden der Halacha, in strenger Prüfung deS überlieferten Wortes; da nähern sich uns die Agadisten mit Lehren der Weisheit und Gerechtigkeit, mit tiefen Sinnsprüchen und räthselhasten Bildern; an sie heften sich die wissenschaftlichen Erforscher der Schrift und deö heiligen Sprachgntes, die Denker, welche die Lehren ihrer Zeit vom Standpunkte der Thora aus prüfen; ihnen folgt die stolze Reihe Herzerhebender Dichter, sei eS, daß sie in dnnkelm Räthsel- Worte belehren, daß sie in schlichten Weisen über Israels Niedrigkeit klagen, oder daß sie in der klaren Form des Südens und im stolzen Versmaße Arabiens Israels Erhabenheit in seiner Zerstreuung verkünden! Alle dienen sie dem gleichen Ziele, alle die in ihrer Mitte sich geltend machenden Verschiedenheiten gehen nur daraus aus, dasselbe zu beleuchten und zur Belcuchtung desselben Gegenstandes anzuregen. Nun verstehen wir die Worte der Hillel-Schute: מוסיף והולך ״ כנגד מעלין יקדש ואין מורידיןLasset die Chanuckalichter allabcndllch zunehmen, um zu zeigen, daß es in heiligen Dingen nur ein Aufwärts giebt und nicht daS Gegcnthcil, um anzudeuten, daß, wenn wir Israeliten alle von dem einen Lichte ausgehen, wir in der Verschicdenheit unserer Anlagen und Fähigkeiten stets nur zurückstrahlen werden auf die Thora, daß wir in jeder Berufsart auf ihrem Boden stehen und zu ihrer Ehre wirken können. So haben unsere Weisen uns darüber belehrt, daß wir die Minderung des Thoraeinflusses, diesen Rückgang deS Iudenthums, ja nicht als einen Fortschritt uns mögen erklären!affen, daß wir in der Kräftigung des thatsächlichen Judmthums dagegen uns durch Schmähungen über vermeintlichen Rückgang nicht sollen zurückhalten lassen. Nicht das Heute und Morgen sei unser Maßstab, sondern der gestrige und ehegestrige Tag, die Vergangenheit mit ihren hehren Bestrebungen rege unS zur Mehrung deS Thoralichtes in unserer Mitte an. Hören wir auf, uns als sclbststrahlende Einzellichtcr zu fühlen und das Thoralicht damit zu verdunkeln — so werden wir dem פוחת והולך entgangen sein, und סופיף והולך. wird unsere wahrhaft fortschrittliche Losung lauten. Ein Essay von S. B. Rosenhaiu. ^Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wenn irgendwo, so wäre es bei der gerechten Motivkrung jener Bevorzugung, deren das jüdische Volk durch die Vorsehung Lheilhaftig geworden, am Platze gewesen, zu beweisen, daß man sich, nur zum eigenen Vortheil, durch ״alle Bemühungen witziger Köpfe, das jüdische Volk zu verkleinern," nicht abhalten lasse, gerecht gegen dasselbe zu sein. Denn wahrlich, es gehört ein hoher Grad von Frivolität dazu, im tief traurigen Anblicke der aus tausend und aber tausend Wunden blutenden Martyrergestalt des jüdischen Volkes, im Angesichte seiner beispiellosen Selbstopferung für sein Ideal, sich witzelnder Spottsncht überlassen zu können. Jeder Halbswegs ernste Mensch muß Mitleid und Hochachtung empfinden vor der Geschichte dieses unglückseligen Volkes. ES scheint nur deshalb unversehrt im schrecklichen Sturm von drei vorüberbrandenden und versinkenden Weltzeitattern geblieben, nur deshalb ״ewig" zu sein, damit es den Wermuthbecher einer Ewigkeit leeren, die Keulenschläge aller Generationen empfangen und seine Mission zum endlichen Ziele führen könne. Die ägyptische Sklavenzeit hat sich den Juden nach einer kurzen und vielfach vergällten Periode glücklichcr Selbständigkeit wiederholt, nur daß sie das zweite Mal anstatt vierhundert Jahre deren an die zweitausend dauert. Gemartert, geschlachtet, geschändet, überall als eine verächtliche Kreatur getreten und bespieen, der Willkür des Pöbels preisgegeben, von der Sprache und den Gefühlen des freien Menschen aus» geschlossen,. mit gekrümmtem Rücken und blutig geschundenen Fingern, zitternd und zagend zwischen einer rohen, höhnenden Menge den rothen Kupfcrkreuzer mehr als verächtliche Bettelgabe, denn als ehrlichen Lohn einer aufreibenden Erwcrbsthätigkeit empfangend und bei alledem mit der letzten Zuckung der Knochensinger noch das Panier der Gotteinheit und Siuenreinheit umklammernd, mit dem letzten Seufzer dieses elenden

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