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Jeschurun · 1885-12-03 · Heft 49 (3.12.1885) · p. 776

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 49 (3.12.1885)
Article
Johann Zestowitz
Date
1885-12-03
Page
776 (sequence 2)
Language
German
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776 den Mann hinaus!" wandte er sich an den Gerichtsdiener." ״Aber, um Gottes Barmherzigkeit Willen!" schrie Zcstowitz, ״was sott ich denn begangen haben?" ״Schau, schau," cntgcgncte der Richter; ,,wir sind ja recht genau unterrichtet und wissen in den Vorschriften des Gesetzes genau Bescheid. Also, anscheinend kein Neuling! — Ihr habt daS Recht zu verlangen, daß man Euch den Grund der Verhaftung mittheilt. Euer Recht muß Euch werden. Also — Ihr seid verhaftet, weil Ihr verdächtig seid, den! Major von Hadamar am vorgestrigen Tage, Nachmittags, ein halbes Dutzend silberne Löffel gestohlen zu haben. Nun wißt Ihr es — hinaus!" Also ein Dieb soll ich sein, sprach Zcstowitz zu sich, als er in die Gesängnißzelle gebracht worden war. Ein Dieb! Nun, Gott sei Dank, ich habe niemals Gelüst nach fremdem Gut getragen! Gott wird meine Unschuld an den Tag bringen. Und gerade silberne Löffel! — Sonderbar!-Halt, ich habe es! Haben doch die beiden Strolche, welche mich auf der Treppe anrannten, mir silberne Löffel zum Versatz oder Verkaufe angeboten. — — Das ist es! Die Beiden haben den Diebstahl bei dem Major von Hadamar ausgcführt — sind darauf fortgecilt — ich bin unmittelbar nach ihnen in das Haus gekommen — das Mädchen hat mich gesehen — hat mich der Polizei beschrieben und als Dieb bezeichnet! — O, jetzt ist Alles klar! — Es mußte ja der Verdacht auf mich fallen; Niemand hat die Diebe gesehen außer mir.—! Aber ich will dem Richter schon Alles klar machen Die Diebe haben mich fast umgcrannt, haben eine kurze Weile darauf in der Schenke den Diebstahl durch mich verwcrthcn lassen wollen — ich habe aber selbstverständlich solche Zumuthung zurückgcwiesen. — ES ist ja sonnenklar, daß diese Strolche die Diebe sind — das muß der Richter einsehen und wird mich gleich nach dem nächsten Verhöre der Haft cutlaffen.-Wenn man mich nur zum Verhöre führen möchte! Heute aber ist Sonnabend, morgen Sonntag, — vor übermorgen kann es nicht sein. Nun, so muß man sich gedulden bis zum Montag, dann kehre ich zu Weib und Kindern heim. Es ist eine kurze Prüfung gewesen, eine schwere Prüfung, aber kurz. — ES überkam ihn eine Sabbathsstimmuug, so froh und leicht ward eS ihm ums Herz. — Die Scinigcn würden sich um ihn härmen — gutes Weib, liebe Kinder, wenn ich es euch nur wissen laffen könnte,, wie ruhig und glücklich ich bin!- Jetzt, nachdem ihm jede Gefahr beseitigt erschien und er die vollste Seelenruhe wiedergefunden, machte sich die Folge furchtbarer Aufregung und einer in Sorgen verbrachten schlaflosen Nacht geltend. Er streckte sich auf die Bank hin und schlief bald einen gesunden Schlaf.-Schlafe ruhig, wackerer Mann, stärke Deine Seele. Es warten Deiner noch manche trübe, prüfungsreiche Stunden! * ,,Ich habe es Euch ja gleich gesagt," sprach der Richter am nächsten Montage, als Zcstowitz seine Begeguung mit jenen beiden Strolchen erzählt hatte, ״das System des Leugncns führt zu nichts. Ihr habt jetzt zugcstanden, daß Ihr von dem Diebstahl Kenntniß habt, das genügt fürs Erste. Daß Ihr nicht die Hausnummer und den Namen deö Bestohlenen wisset, will ich Euch gern glauben. In der Hauptsache aber sind wir ein gutes Stück weiter gekommen. Nun sagt, wisset Ihr, wo die Löffel geblieben sind? Die in Eurer Wohnung stattgchabte Durchsuchung hat zu keinem Resultate geführt. Wo sind die Löffel geblieben?" ״Das weiß .ich nicht, gnädiger Herr Richter," bctheuerte Zestowitz, ״ich habe ja schon gesagt, daß ich mich nicht darauf einlafferi wollte, sie zu verkaufen oder zu versetzen. Und gesehen habe ich sie gar nicht. Ich wollte mit den Dieben nichts zu thun haben." ״Ach, Ihr wollt bei Eurer Angabe von den beiden Unbekannten bleiben!" sagte der Richter^ ״das ist ein schlechter, abgenutzter Kunstgriff. Glaubt mir, lieber Freund, ich bin ein alter Praktiker, das nützt nicht viel. Das zieht die Untersuchung in die Länge, macht uns mehr Mühe und bringt Euch gar nichts ein. Ihr seid heute vernünftiger als vorgestern; nun, so seid ganz vernünftig, sagt die volle Wahrheit." ״Aber, ich schwöre bei Gott und bei dem Wöhle meiner Frau und Kinder, ich weiß gar nichts weiter!" rief Zcstowitz. ״Glauben Sie mir doch, gnädigster Herr Richter, — ich bin Soldat gewesen und habe niemals gelogen. Mein Pulkownick sagte immer, wenn Iaukcl es gesagt hat, dann ist cs wahr. Ich kenne die Diebe nicht, und habe die Löffel niemals gesehen, geschweige denn in der Hand gehabt. Wie vermag ich auzugeben, wo die Spitzbullen sie hingebracht haben!" ״Na, besinnt Euch bis zum nächsten Verhöre," erwiderte der Richter. ״Vielleicht fällt Euch doch ein, wie die beiden hießen, und was sie mit den Löffeln gemacht haben. Es eilt mir nicht." Und er winkte dem Gcrichtsdicner, Zestowitz abzuführen. ״Soll ich denn wieder iuS Gefängniß, gestrenger Herr Richter!" rief Zestowitz, ״ich bin unschuldig, so wahr Gott lebt! Entlaßt mich zu den Meinigen!" Der Richter würdigte ihn aber keiner Antwort. Verzweifelt rang Zcstowitz die Hände. (Fortsetzung folgt.)

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