Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1885)
- Article
- Österreich-Ungarn : Pest [Nachricht]
- Date
- 1885-11-26
- Page
- 765 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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765 Korrespondenz" veröffentlicht einen Erlaß des Kultus- und Unterrichtsministerswelcher verordnet, daß vom I. Januar 1886 an die Matrikel der israelischen Konfession int Sinne eines bctflcfugte.1t Statutes zu führen seien. Nach diesem Statut ist jeder Israelit verpflichtet, demjenigen Bezirke anzugehören, dessen Sprengel sein Wohnort zugetheilt ist. In den 465 jüdischen Matrikelbezirken kann die Matrikel nur von solchen Personen besorgt werden, welche die rabbinischen Funktionen versehen, wenigstens vier Mittclschulklassen absotvirt haben und großjährige ungarische Staatsbürger sind. Der VerwaltungSausschuß des Muntzipiums wird sich von der Qualifikation der Matrikclführer Ueberzeugung verschaffen und kann eventuell auch den Matrikclführer auf Kosten des Bezirkes bestellen. Die Matrikelfälle — Geburt, Trauung und Tod — sind innerhalb drei, respektive acht Tagen anzumelden. Die Behörden sind berechtigt und verpflichtet, alljährlich einmal die Matrikelführung zu prüfen. Nach dem Statut wird in Zukunft in jedem Orte regelmäßig nur ein Matrikelführer sein, doch kann, wenn in einem Orte mehrere Kultusgemeinden mit separater Matrikelführung bestehen, die schwächere unter Nachweis, daß sie einen qualifizirten Matrikelführer hat, um Velassnng ihrer separaten Matrikel ansuchen, worüber der Verwaltungsausschuß, rcspektive der Kultusntinister entscheidet. *f Pest, 22. November. Der bekannte Abgeorduete Herr v. Onodi hat im Tisza-Eßtar Prozeß den Staatsanwalt Herrn Szciffert gröblich beleidigt. Es wurde daselbst die 'Anschuldigung der öffentlichen Gewaltthütigkeit gegen ihn erhoben. Die Jmmunitätsaufhebung wurde beantragt und vom Reichstag genehmigt. Das Gericht zu Nyiregyhaza, welches die Sache zu betreiben hatte, kam jedoch zu dem Beschluß, dieselbe niederzuschlagen, da es die Kriterien des behaupteten Deliktes nicht erkennen konnte. Die Königliche Tafel hob diesen Beschluß jedoch auf und verwies die Sache in die Instanz zurück. Da erkannte denn der Nyiregyhazaer Gerichtshof, daß zuvor eine neue Jmmunitätsaufhebung beantragt und bewilligt sein müsse, bevor er sich auf die Untersuchung cinlassen könne. Auf Berufung der Staatsanwaltschaft hob die Königliche Tafel auch diesen Beschluß aus, da die erste Aushebung der Immunität genüge. Nun muß endlich das Gericht zu Nyiregyhaza sich zur Untersuchung bequemen. צ Krakau, 20. November. Der Zustand in Galizien erweckt schwere Besorgutß bei allen denjenigen, welche die Krone Israels nicht verlieren wollen. Es ist traurig, daß man es sagen muß, aber man muß es aussprechen, auf daß man nichts verabsäume, was uns retten könnte: der Verfall nimmt immer mehr zu. Die glattzüngigen Männer gewinnen die Ober- Hand, die falschen Lehren stnden williges Ohr, und warten wir unthätig bis zum Abend, da es zu spät ist. so trifft uns Schuld, so versündigen wir uns an der Zukunft unseres Volkes. Noch stehen die Zedern, noch ragen sie empor die Hohen und Herrlichen, der Stolz der galizischcn Diaspora, die Männer, die erfüllt sind von dem Geiste der Gotteslehre. Aber neben ihnen wachst auch dürres Gestrüpp auf und Unkraut, das schnell emporsprießt, dessen Wurzel Galle und dessen Blittyenkrone Wcrmuth. Nicht Prophet und nicht Prophetenjünger, wohl aber ein bis in die tiefste Seele hinein betrübter Mann bin ich, der das Unglück geschaut in fremden Landen, der sicht, wie rasch die Stätten der Lehre verödet und nach dem Heimgang der Großen ein umveiseS, leichtfertiges Geschlecht den Thron bestiegen, den Thron der Lehre und der Führerschaft, und wie da dem Volke der Born des WaffcrS des Lebens versiegte, und es trank aus unreinem Quell den Taumeltrank der Lüge und berauscht wurde und in die Irre ging. Und ich erkannte auch den Grund des Unglücks und sah die Wurzel des Verderbens. Darum verhülle ich das Haupt und mag nicht gedenken des Tages, wenn Gott einsammeln wird die Alten, die Gelehrten, den Schirm ihrer Zeit, und auch tzaS arme Volk Galiziens der Führung der Kleinen und Unwürdigen überantwortet sein wird. Darum wendet sich mein schwaches Wort an die Großen, — deren Kraft und Tage der Herr mehren wolle! — schreitet ein bei Zeiten, bevor die Schatten des TageS weichen und finstere Nacht unser Volk umfängt! Schon drängen Unberufene sich in den Vordergrund, schon 'greifen Unwürdige nach dem Stabe der Herrschaft, aber noch seid ihr die Mächtigen und die Gebieter — dem Herrn sei Dank dafür! Noch ist. es in eurer Hand, die Gemeinden auf den Weg zu leiten, auf welchem das Heit blüht. Die Schulen sind euch übergeben, — lasset keine Fremden heran. Gestaltet ihr sie nach dem Bedürfniß der Zeit; wahre, ächte Thora mit den Erfordernissen der Gegenwart finde durch euch hier eine sorgsame Pflege, — überlasset dieses nicht Fremden und Unberufenen. Israels Jugend werde durch euch getränkt mit dem Geiste der Gottesfurcht und der Lehre, und durch euch geschmückt mit dem Kranze des erforderlichen allgemeinen Wissens. Dann werden sie erblühen als ein kräftiges Geschlecht, die jüdffchen Jünglinge, Gott wohlgefällig und angenehm bei den Menschen. — Die Leitung der Gemeindeangelegenheiten liegt noch bei euch. Führet die Gemeinden in Einsicht und Verständntß dessen, was zur Wohlfahrt nothwendig ist. Heute noch könnt ihr Schule nnd Gemeinde im gotteSfürchttgen Sinne einrichtcn — handelt weise, handelt einsichtig, habt das Auge offen und das Ohr für das Bedürfniß der Gegenwart, dann gehört die Zukunft dem alten ehrwürdigen Judenthum! Verzeihet,