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Jeschurun · 1885-11-26 · Heft 48 (26.11.1885) · p. 760

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 48 (26.11.1885)
Article
Johann Zestowitz
Date
1885-11-26
Page
760 (sequence 2)
Language
German
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760 Der Sang verstummte — ein Mann des Gesetzes war in die Stube getreten. ° ״Seid Ihr der Lumpensammler Johann Zestowitz? herrschte er den Vater an. ״Ich verhafte Euch im Namen des Königs." Mit lautem Angstschrei.fiel die Frau in den Stuhl zurück, der Kinder Weinen mischte sich in diesen Schrei. Zestowitz, der starke Mann war bleich geworden, ein heftiges Zittern fuhr durch seine Reckengestalt. ״WaS habe ich verbrochen, gnädiger Herr Konstabler?" stammelten seine Lippen. ״Weiß nicht, — wird Euch schon gesagt werden, — kommt mit!" ״Fasse Dich, Weib, weinet nicht, Kinder! Es muß ein Jrrthum sein, ich bin mir keiner Schuld bewußt-״ ״Laßt das Reden und geht mit, sonst muß ich Euch fesseln!" unterbrach ihn der Häscher. ״So beschütze Euch Gott! Er ist mein Schirm!" Er entzog sich der Umarmung seines Weibes, er legte die Hand segnend auf das Haupt seiner Kinder und ließ sich ins Gefängniß führen.- Sind sie entflohen die Engel des Friedens, die Engel der Freude? Sie breiten ihre schirmende Fittige über das jammernde Weib, über die weinenden Kinder — sie schützen die Unglücklichen, die den Gatten, den Vater haben fortführen sehen, vor Verzweiflung. In finsterer Gefängnißzelle weilte Zestowitz, in Gesellschaft von Verbrechern. Der Wechsel war zu jäh; von der Seligkeit des Sabbaths in das tiefe Elend des Kerkers! Tiefer als bis zum Verbrecher kann kein Mensch sinken, und er war plötzlich so tief gefunken! Dumpfe Verzweiflung bemächtigte sich seiner, dichte Nacht lagerte um seine Sinne. Es war ihm, als sei er längst gestorben, und Grabcskälte trat ihm in die Seele. Hier, unter Moder und Verwesung weilte er schon seit Ewigkeit, und wie ein Märchen aus uralter Zeit bäuchte ihm die Erinnerung an den Jankel Przestowitz. welcher ehedem gelebt, ein liebes Weib besessen, und liebe Kinder — der Sabbathlieder gesungen und das Ehanuckalied. — So lag er auf der Pritsche neben den Schicksalsgenosien. von Finstcruiß umgeben und Finsterniß im Busen — er tobte nicht, er klagte nicht, er weinte nicht, — er hatte die Fähigkeit des Denkens verloren — bis der Wärter die unheimliche Stille der Kerkergruft störte. Da er- Hoden sich die Erstarrten alle. Man führte sie in den Gcfängnißhof zum Brunnen und hieß sie. sich waschen mit' dem eiskalten Naß, unter Schneegestöber, beim späten Grauen des Wintertages. Das war eine Wohlthat! Die Empfindung der schneidenden Kälte brachte jhn ins Leben zurück, er empfand doch den Schmerz des Frostes, und mit der wieder erweckten Empfindung kehrte auch die Erinnerung wieder. Man reichte ihm gleich den anderen Gefangenen einen warmen Trunk. Das war eine Wohlthat! Er fühlte, wie die Wärme in sein Blut trat, wie dieses durch den Körper pulsirte. Er ward wieder der alte Zestowitz, der feste, starke, tapfere Mann. Er überdachte seine Lage. Man hatte ihn gefangen genommen, er wußte nicht weshalb. — Das aber wußte er, daß keine Unthat seine Seele belastete, — das aber wußte er, daß ein Gott in unendlicher Liebe und Barmherzigkeit über alle seine Kinder walte, — das aber wußte er, daß dieser Gott ein gerechter, allmächtiger Gott sei, — das aber wußte er, daß dieser Gott ihn wunderbar geleitet von seinem Dasein bis zu dieser Stunde, ihn geschützt hatte in blutiger Feldschlacht, ihn errettet hatte aus der Hand der auf ihn und die Seinigen eindringenden Meute, ihn in dieses fremde Land geführt hatte, wo er so glücklich und zufrieden gelebt. Und die erhebende trostreiche Zuversicht zog in sein Herz ein, daß dieser Gott ihn begleitet hatte in den schauerlichen Kerker, daß dieser Gott weile in der trauten Kammer seines kleinen Heims, wo sein Theuerstes ans Erden, sein Weib und seine Kinder weilten, in Angst und Sorge weilten um ihn, den eingelerkecten Gatten und Barer. Und diese Zuversicht gab ihm die Worte des Gebets auf die Zunge, und seine Lippen flüsterten die heiligen Laute. Er sah nicht die erstaunten Blicke der Gefährten, welche den unheimlichen Gesellen mit dem struppigen schwarzen Barte betrachteten, der unaufhörlich in sich hinein murmelte. — Er mußte verrückt geworden sein, wähnten sie. Er gab keine Antwort, wenn man ihn anries. Ec hatte die Augen geschlossen, und seine Lippen bewegten sich, Ach, das Gebet ist auch ein reiches, unschätzbares Gut, welches Gott den Seinen beschcert hat! Dieser Schatz ist auch profanen Augen entzogen; die Uneingeweihten ahnen die Herrlichkeit nicht, nicht den Segen und die Allem obsiegende Kraft des Gebets. In des unheimlichen Gesellen Innern war der Friede eingezogen und die Ruhe und die Festigkeit und die Zuversicht. Spottet immer des schwarzen Juden! Ihr wißt nicht, daß dieser Elende, Unglückliche soeben befreit worden ist von seinem Elende, von seinem Unglücke. Jbr wißt nicht, daß seine Seele sich zur lichten Höhe emporgcschwungen, wo der Erde Jammer schwindet, wo sie aus dem Urdorn die Kraft schöpft, welche sie allen Widerwärtigkeiten Trotz bieten läßt, die die Erde ihr bereitet. Spottet nur der Grimassen des Juden, wie ihr den äußeren Ausdruä seines stillen Gebets scheltet, von seinem Adel, von seinem Reichthum habt ihr keine Ahnung. (Fortsetzung folgt.) \

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