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Jeschurun · 1885-11-19 · Heft 47 (19.11.1885) · p. 751

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 47 (19.11.1885)
Article
Rußland : aus Polen [Nachricht]
Date
1885-11-19
Page
751 (sequence 2)
Language
German
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751 ist? Es wäre fürchterlich! Wo sollen wir hin? Ueberall verschließt man uns die Thür, nirgends will man unS haben, und wir sind doch auch Menschen. Hat nicht ein Gott Alle geschaffen? Und haben die Juden nicht den Menschen dies göttliche Buch gebracht, welches die Grundlage des ChristenthumS ist? WaS haben wir verbrochen gegen unsere Mitmenschen, daß man also mit uns verfahrt? Wohl haben wir gegesündigt und sind auch noch heute nicht allesammt zum Guten zurückgekehrt. Gott ist gerecht. Aber die Menschen haben uns nichts vorzuwcrsen, daß sie also hart mit dem schwachen Ueberrest Israels umgehen dürfen. Man hört auch wohl hier das Wort, daß man nns durch solche harte Befehle nöthigen wollte, unserer Religion untreu zu werden, — das glaube ich aber nicht. Das weiß doch die ganze Welt, daß Israel im Allgemeinen lieber stirbt als von dein Gesetze Mosis abzufallen. Das ist gewiß nur Lüge und eitel Geschwätz müssiger Leute. — Vielleicht ist aber überhaupt die ganze Sache nicht wahr. Unser Kaiser ist gerecht und gütig. Wenn er auf feinem glorreichen Throne unser Elend , kennt und unsere Unschuld, dann wird er nicht dulden, daß man uns so. hart behandelt, — לב מלכים ביד ה'. — Er lenke das Herz des erhabenen Monarchen und seiner Räthe zum Guten und zur Milde über Israel. .... Rumänien. |j| Mdabeschtr,?.November. Die Juden werden als völlig gebannt, als הפקר betrachtet. Kein Wunder, wenn das Volk gewahrt, wie die Rumänen, welche sich zur jüdischen Religion bekennen, von der Staatsregirung und deren Organen als vaterlandsloses Gesindel betrachtet werden, das man über die Grenze jagt, so muß sich die Ansicht herausbilden, daß der Jude überhaupt nur dazu da ist. mißhandelt und beraubt zu werden, und daß jedes an einem Juden verübte Verbrechen ungeahndet dlcibr. Dieser viel verbreiteten Ansicht ist einer der angesehensten Männer zum Opfer gefallen. Der reiche Kaufmann Osias Giltschik, welcher mit eigenem Fuhrwerke kürzlich von einer Geschäftsreise nach seinem Wohnorte zurückkehren wollte, wurde unterwegs von einem Manne ersucht, ihn bei sich im Wagen aufzunehmcn. Er sollte die bewährte Gefälligkeit mit dem Leben büßen. Er kam nicht Heim, man brachte seine Leiche. Ob der Raub- Mörder ernstlich gesucht und wenn gefunden nach Recht bestraft werden wird? — das dürfte wohl eine Frage sein, die nicht ohne Weiteres zu bejahen wäre. * Jassy« Im Laufe vergangenen Sommers haben galizische Bauern, welche aus Arbora in der Bukowina auf das Gut Vtaden bei Jassy zur Feldarbeit gekommen sind, einen jüdischen Knaben von 5—6 Jahren mitgebracht und an einen dortigen Bauern um 10 Franks verkauft. Die Heimath des Knaben ist aus seinen Reden nicht zu entnehmen, wohl aber, daß sein Vater David heißt. Herr L. Rosenmann in Jassy giebt sich Mühe, das unglückliche Kind den Händen der Bauern mit Hülfe der Behörde zu entreißen. So berichtet die ״Ocsterr. Wochenschrift". Amerika. R. Newyork, Ende Oktober. Die Lage der hier und in anderen Städten der Vereinigten Staaten sich niedergelassenen armen GlaubenSbrüdcr ist größtentheils eine so traurige, daß diejenigen wirklich armen jüdischen Einwanderer, welche hier zu einer auch nur annähernd genügenden selbstständigen Existenz gekommen sind, in einer fast verschwindenden Minorität sich befinden. Man schätzt die Zahl der hier und Ln Philadelphia wohnenden armen Juden, welche mehr oder minder auf Unterstützung angewiesen sind, auf über 20 000 Seelen. Da sollte man doch in Europa es sich reiflich überlegen, ob man völlig mittellose Familien hierher dirigiren darf. R. Newyork, 1. November. Sie sind einmal wieder zusammengewesen, unsere Herren Neverends, dieses Mal in Baltimore, und haben geredet und sich gegenseitig beklomplimentirt und zusammen gegessen und getrunken, und was sie!geredet und beschlossen haben, ist eitel Dunst nnd Nebel. Die Phrase, die Phrase, die regiert die Welt. Mit Phrasen blendet man die Leute, welche trotzdem und alledem merkwürdigerwcise vor dem schwarzen Chorrocke und der weißen Kravatte einen gewissen Respekt hegen. WaS heißt das, wenn ein Redner sich und seine Konfratres mit Gideon und seiner tapfern Schaar verglich, welche den Kampf für die religiöse Wahrheit bestehen, — ein Anderer aber die Stärke der vereinigten Rabbiner eben in ihrer religiösen Verschiedenheit fand? Was ist die religiöse Wahrheit? das sollte doch die erste Frage sein, die sich die Herren vorzulegen haben. Ist eS die Reform oder die Orthodoxie? Und welche Reform und welche Orthodoxie? Denn buntscheckig wie ein Harlekinsgcwand nehmen sich die ״Systeme^ und ״Prinzipien" der Herren bei einander aus. Nein, nein, ihr Herren, fangt erst bei Euch an und sucht die ״religiöse Wahrheit" zu erkennen, bevor Ihr Euch unterfangen wollt, den Kampf für dieselbe mit GideonS Muth und Begeisterung zu führen. Gegen wen habt Ihr denn die religiöse Wahrheit zu vertheidigen, gegen wen anders als gegen Euch selbst? — Wahrlich *סאשרץ מחעים, armes Volk, das solche Führer hat! .

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