Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1885)
- Article
- Johann Zestowitz
- Date
- 1885-11-19
- Page
- 744 (sequence 2)
- Language
- German
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744 eine höhere Schule eintrctcn lassen wollten. Der Junge ist außerordentlich glücklich beanlagt und zeigt einen ungewöhnlichen Bildungstrieb. Das Pensum der Volksschule kann ihm nicht genügen." Die Sonne eines glücklichen, zufriedenen und hoffnungSvollen Daseins lächelte dem Lumpensammler Johann Zestowitz in der deutschen Stadt, wie sie ehedem das Leben des Judeuschmieds Jaukel Przestowitz in der russischen Heimath erhellt hatte bis der Taumel einer wahnwitzigen, alle niedrigen Leidenschaften weckenden Erregung seine Landleute ergriff und sie seine Habe plünderten, sein Häuschen niedersengten und ihn und sein Weib und seine Kinder ermorden wollten. So heiter es aber in seinem Innern auch aussah, so wenig anmuthig war seine äußere Erscheinung. Das Kostüm der Lumpen- und Abfallsammler und Aufkäufer besteht wohl nirgends in einem eleganten Gescllschafsanzuge, aber Johann Zestowitz übertraf sicherlich das Ideal des Künstlers, welcher sich einen Lumpensammler zur Darstellung konstruiren möchte. Der sadenscheinige, in allen Farben schillernde, mit den mannigfachsten Tuchflicken verbrämte Nock, welcher den ungeschlachten Körper umgab, schien eigens dazu geschaffen, den Beruf seines Trägers der Welt kund zu thun. Die Beinkleider standen in stilvollster Harmonie zu diesem laugen bis unter den Hals zugeknöpften Rocke. Das Wettergebräunte, von einem dichten schwarzen Barte umrahmte Gesicht, auswelchem fast nur die Augen und die ewig glimmende kurze Pfeife als besondere Unterscheidung hervortraten — sonst wäre es eine einzige dunkle Masse gewesen — war ganz geeignet, Schrecken einzuflößen, und in der That diente Zestowitz außer durch die gemeinnützige Thätigkeit in seinem Berufe auch durch seine Erscheinung selbst den Bürgern der Stadt, welche ihm zur Heimath geworden, und zwar vornehmlich dem schönern und bessern Theil der Bevölkerung in dessen schwierigsten Geschäfte der Kinder- Wartung und Kindererziehung. Was den Wärterinnen und Müttern oft nicht durch alle Künste der Pädagogik gelingen wollte, nämlich die ungezogenen, unbändigen kleinen Lieblinge zur Ordnung zu bringen, das bewirkte der unheimliche Anblick des jüdischen LumpensammlerS. Wie manche Mutter und Bonne hatte in ihm den Helfer erblickt. ״Der schwarze Mann kommt mit dem Sacke und nimmt Dich mit!" das erwies . sich wirksamer als alle sanften Mahnungen und ernsten Drohungen, das that noch größere Wunder als die Hinweisung auf den furchtbaren Rächer aller Unthaten an der Rückwand des Spiegels. Von diesem hohen Werthe und bedeutenden Nutzen hatte Zestowitz keine Ahnung, keine Ahnung von der nahen Beziehung, in welcher er dadurch zu der lieben Jugend und den holden Frauen der großen Stadt stand. Es war an einem WinternachmittagA als er die Hintere Treppe eines eleganten Hauses emporstieg, um die gewöhnliche Nachforschung nach Abfällen anzustellen. Er wäre fast umgerannt worden, denn zwei Männer eilten in großer Hast die Treppe hinab an ihm vorüber. Er fand den Korridor unverschlossen. Er wartete bescheiden auf demselben, bis sich ihm Jemand zeigen würde. Die Beherrscherin der Küche war vermuthlich in dem Speisezimmer beschäftigt. AuS dem Kinderzimmer tönten die Stimmen weinender Kinder und die Scheltworte der Wärterin an sein Ohr. Nach einer kurzen Weile trat dieselbe heraus, und kaum hatte sie ihn erblickt, so rief sie den unruhigen Kleinen zu: ״Seht, da ist der schwarze Mann, Euch zu holen." Neugierig und furchtsam starrten die Kinderaugen ihn an, und die geängstigten Inhaber derselben flüchteten sich hinter ihre Aufseherin. ״Ihr müßt ein andermal kommen," sprach diese zu Zestowitz. ״Die Herrschaft ist jetzt bei Tisch; es ist jetzt keine Zeit für Euch.". Zestowitz ging fort, und weil ein heftiges Schneegcstöber begonnen halte, bog er in eine Nebengasse ein und trat in eine Schenke, um das Ende des Unwetters abzuwarten. Er ließ sich ein Glas Branntewein reichen und zündete seine Pfeife an. Er war der einzige Gast in der Schenkstube, welche sich erst zur vorgerückteren Stunde zu füllen pflegte. Doch fanden sich bald noch zwei Männer ein, in welchen Zestowitz die beiden erkannte, welche vorhin an ihm vorbeigerannt waren. Er kümmerte sich nicht um sie. Er überrechnete den Verdienst der Woche und freute sich des Erfolges, der cs ihm ermöglichte, morgen Abend den Sabbath Chanucka würdig empfangen zu können. Während nämlich an den gewöhnlichen Sabbathen nur am Mittage etwas Fleisch seine Tafel zierte — an Wochentagen war er an einen solchen Luxus nicht gewöhnt — glaubte er, diesem besonderen Sabbathe zu Ehren auch schon den Vorabend damit auözeichnen zu können. Desto mehr aber schienen die Männer sich mit ihm zu beschäftigen. Nachdem sie sich länger leise besprochen hatten, rückten sie ihm näher und fingen eine Unterhaltung an. ״Du hast wohl schwer zu arbeiten," begann der Eine. ״So den ganzen Tag auf den Beinen um weniger Groschen wegen. WaS kannst Du denn bei dem elenden Handel verdienen?" Zestowitz blickte den Fragenden verwundert an. ״Ich bin zufrieden mit dem was mir bescheert ist. Einmal weniger, einmal mehr. Man muß sich einrichten wie es geht." (Fortsetzung folgt.)