Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1885)
- Article
- Rußland : aus Südrußland [Nachricht]
- Date
- 1885-11-12
- Page
- 735 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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7 35 Rußland. תם Ans Südrnstland, November. Sie wünschen von mir einen Bericht über unsere Zustände; eS ist besser, ich schweige. WaS sollen die Berichte? Wohl heißt eS: wer sich in Leid und Schmerz befindet, der offenbare sich Anderen. Das gilt aber doch nur für eine solche Lage, aus welcher die Anderen ihn befreien könnten. WaS vermögen aber die in glücklicheren Verhältnissen lebenden Brüder uns, den Gedrückten und Geängstigten, zu leisten? ״Am Morgen sprechen wir, wer giebt uns den Abend, und am Abend, was wird der Morgen bringen?" Wir haben nur eine Hoffnung, und die sprechen wir im Gebete täglich aus: Gewähre uns Gnade in Deinen Augen und in den Augen derer, die auf uns schauen! Ihr Brüder draußen könnt uns nicht helfen. —-Wie man ״auf unS schaut", davon eine an sich nicht bcdeutende Sache. Jalta ist eine kleine Stadt im « Gouvernement Taurien, schön gelegen wie ein Garten Gottes am Wasser und von Bergen umrahmt. Fürsten und Angesehene kommen hierher aus weiter Ferne, .um sich zu erlaben und zu genesen, aber auch viele Andere, theilS wegen des Handels, theils wegen ihrer angegriffenen Gesundheit, denn auch Heilquellen thun sich hier auf. Die Zeitung ״Nowoje Wremja" ärgert sich aber über die Inden, weiche sich unter den Hierherkommenden befinden, und verlangt ein Verbot gegen die Hierherkunft und ein Gebot zur Austreibung der hierhergekommenen Inden. Was soll man dazu sagen? Man könnte nur die Frage so stellen: Dürfen Inden im russischen Reiche leben oder nicht? Im Falle sie nicht leben dürfen, so bliebe kein anderer Ausweg übrig, als den Fehler der Vorsehung, Juden geboren werden zu lassen, dadurch zu rekliflziren, daß man sic einfach todtschlägt. Das wäre unter diesen Umständen vernünftig. Man könnte sich nicht bamit begnügen, sie über die russische Grenze zu jagen, denn es wäre gar nicht abzusehen, warum die benachbarten Staaten, mit welchen Rußland in Freundschaft lebt, es sich gefallen lassen sollten, diese gefährlichen Individuen, deren Rußland sich entledigt, bei sich zu dulden. Die gesährlichen und schädlichen wilden Thiere schießt man doch auch todt und jagt die Wölfe und Bären nicht den Nachbaren zu. Dürfen aber Juden in Rußland leben, so versteht man nicht, warum sie die Berdidschcwer und Wilnacr Luft einathmen dürfen, aber nicht die Jaltaer. warum sie in Lilhauen wohnen dürfen, aber nicht in Orel. Ich bin kein Staatsmann, sondern nur ein schlichter Jude, der mit hohen weltlichen Sachen nichts zu thun hat, der sich mit den ״vier Ellen der Halacha" begnügt. Aber mein geringer, durch das Studium des Talmud geschulte Verstand kann unmöglich begreifen, wie man zu den Juden sprechen mag: hier darfst du wohnen und dort nicht. Ich verstehe nur das Entweder-Oder: entweder die Juden dürfen leben —, dann dürfen sie eS überall, — oder sie dürfen nicht leben — dann dürfen sie cS nirgend. Jedes Andere erscheint mir aus kleinlichem Hasse hervorgegangen. Irre ich mich, so bitte ich um Verzeihung. R u m a n i e n. 8. K. Von der rumänischen Grenze. Klagctöne uns Hülferufe dringen an unsere Ohren seitens unserer hart bedrängten Glaubensgenossen, welche in Rumänien der Willkür und Brutalität der dortigen Präfekten auSgesctzt sind. Alle, Reiche wie Arme, Greise wie Jünglinge, Frauen sowohl wie zarte Kinder, lussen gemeinschaftlich ihre herzerschütternde Stimme ertönen ob der verruchten Thaten, welche jedem menschlichen Gefühle Hohn sprechen, mit denen man sie unanfhörlich foltert und quält. Wahrlich! Alle Antiscmiten der ganzen Welt sollten die rumänischen Schulen besuchen, in denen der Antisemitismus seinem vollen Umfange nach als obligater Gegenstand gelehrt wird, damit ihre Kinder schon beim Beginne ihres bewußten Daseins Judenfresser werden und die edlen Thaten der Eltern, welche leider auf Gut und Blut der Juden basiren, weiter ausführen, daß auch sic des traurigen Ruhms, welcher gegenwärtig Rumänien anszcichnet, theilhaftig werden. Jeder cdeldcnkcnde Mensch fragt sich, wie es möglich sei, daß in einer Periode, wo alle Großmächte Europas auf ihre Fahne ״Gleichberechtigung aller Nationalitäten ohne Unterschied der Konfession" geschrieben haben, ein solch kleiner Staat, wie Rumänien, wagen darf, diese Grundsätze, ohne welche kein Staat zur vollsten Blüthe gedeihen kann, zu verwerfen und mit Füßen zu treten? Diese und ähnliche Fragen wirft Jedermann auf. Die Antwort läßt aber auf sich auch nicht warten, und lautet folgendermaßen: Der Verbrecher hat keine so große Schuld wegen seiner Vergehen, wenn diese ungeahndet bleiben, sondern vielmehr diejenigen, welche die Mittel besitzen, ihn zu züchtigen und es unterlassen. Warum sind sämmtliche Mächte bemüht, den Status quo ante in den Balkanstaatcn wieder herzustellen, damit der Berliner Vertrag zur Geltung gelange, während diejenigen Punkte des Berliner Vertrages, welcher die Souveränität Numänicns nur mit der absoluten Bedingung anerkennt, daß eS den Juden alle die volle Gleichberechtigung gewährt, nicht erwähnt werden. Jetzt wäre die geeignetste Zeit, Rumänien an die oben erwähnte Bedingung zu ermahnen, da die Balkanstaatenfrage sammt dem Berliner Vertrage auf den! Diplomrteutisch sigurirt. Als die ostrumelische Revolte ausgebwchcn. gaben wir unS hier zu Lande der trügerischen Hoffnung hm, daß unsere Glaubensgenossen Rumäniens nunmehr der Ruhe pflegen werden.