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Jeschurun · 1885-11-12 · Heft 46 (12.11.1885) · p. 733

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 46 (12.11.1885)
Article
Österreich-Ungarn : Brünn [Nachricht]
Date
1885-11-12
Page
733 (sequence 2)
Language
German
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733 für dm jüdischen Kultus in Frankreich bestehenden Konsistorien das Wort redet. Wir glauben nicht, daß die mährische Jndenschafl diese That ihres jüngst ernannten Landcs-Obcrrabbiners als einer ühmmswcrthe und scgenbringcnde zu verzeichnen hat. Wer gleich mir Gelegenheit hatte, die Wirksamkeit der französischen Konsistorialversassung kennen zu lernen, der wird eine ähnliche Einrichtung als den Nagel zum Sarge der Gemeindcautonomie betrachten. In Frankreich haben die Geineinden in ihren wichtigsten Angelegenheiten gar nicht mit zu reden, sondern säst die ganze Macht ruht in. dem Schooße der Konsistorien und der Rabbiner. Die Rabbiner werden aber nicht einmal von den Gemeinden gewählt, sondern von dem Konsistorium. Wem die Selbstständigkeit der Gemeinden werth ist, wer es nicht wünscht, die Gemeinden zu einem unmündigen Kinde erklären zu lassen, dem man einen Vormund einsetzt, ohne dessen Willen zu hören, wer die Gemeinden nicht zu einer mmera plebs contribiieiis dcgradircn will, der protcslire gegen jegliche Zumuthung einer Konsistorialversassung. In Frankreich ist dieselbe den jüdischen Gemeinden aufoktroyirt worden, und man hat ihnen dafür das erbärmliche Geschenk von einigen Franken hingeworfcn in Gestalt eines Zuschusses aus der Staatskasse zur Erhaltung des israelitischen Kultus — in Mähren will unser Landrabbincr uns des wichtigsten Sclbstbestimmungsrechts entkleiden und sich nebst einigen wenigen Genossen und Auserlesenen' die Gewalt zusprechcn lassen, welche unser theuerstcs unveräußerliches, uns nicht, für eiree8 und paneDi feiles Recht ist!! Wir rufen allen Gemeinden zu: Seid auf der Wacht! Bcrthcidigt eure Freiheit und Selbstständigkeit gegen solche hierarchische Gelüste. Erhebt bei Zeiten dagegen eure Stimmen, es könnte euch sonst ein vcrhängnißvolleS ״zu spät" entgegenschallen, wenn ihr euch vielleicht endlich ermannen solltet. Heute ist es noch Zeit, vcrthcidigt euch und eure Nachkommen, kämpfet für eure Selbstständigkeit. Vereinigt euch, schaart euch zusammen und bringet einen ntanuhaftcn Protest gegen diese Denkschrift eures Landrabbinats zur Kunde des Kultusministers! * Krakau, 3. November. In den letzten Tagen sind wieder 769 aus Preußen Ausgewiesene hier angekommen. ~ Lemberg, 4. November. Dem ״Przeglond" wird aus Warschau gemeldet: Seitdem die russischen Behörden mit aller Entschiedenheit darauf dringen, daß die an die russische Grenze abgeschobenen Polen die vollgültigen Beweise ihrer Zuständigkeit nach Rußland erbringen, nimmt die Zahl der Ausweisungen aus Preußen bedeutend ab. Von denjenigen, welche früher auögewiesen wurden, haben, mit Ausnahme der Juden, bereits Alle Unterkunft und Beschäftigung in Kongreßpolcn gefunden. Holland. ש Amsterdam, 2. November. Die berühmte Schemim-AzercjpPrcdigt unseres verehrten Herrn Oberrabbincrs über das unabweisbare Bedürfniß jüdischer Schulen für den Gcsammtnnterricht, die wir, dem Keime gleich, den wir der Erde anocrtranen, als den Ausgangspunkt einer freudigen Gestaltung unserer rcligiösen Verhältnisse betrachten, hat das Thema der jüdischen Schulen, wie wir sie kurzweg nennen wollen, auf die öffentliche Tagesordnung gesetzt. Unsere jüdischen Blatter schweigen sich allerdings noch darüber aus. Wir geben uns nun durchaus nicht der sanguinischen -Hoffnung hin. daß diese Anregung, wenn auch von so autoritativer Seite ausgehend, nunmehr in kurzer Zeit feste Gestalt annehmen werde, dazu gilt es vorher noch so tnanchc Vorurtheile zu bekämpfen, und nicht zum Mindesten bei unseren ״Frommen." Die öffentliche und sogenannte neutrale Schule ist in unserem Lande das fanatische LoosungSwott des politischen Liberalismus, und da unsere Glaubensgenossen, man kann wohl sagen ausnahmslos, hier zu Laude diesen Parteistandpnnkt cinnchmcn, ist auch ihnen die öffentliche Schule zu einem noli me tangere geworden, darin reichen alle Schattiruugen unserer Glaubensgenossen, von schwärzesten Orthodoxen bis zum farblosesten Neologen, sich brüderlich die Hand. Vielleicht spielt auch bei dem Einen oder Anderen die Furcht vor einer Gefährdung der Gleichberechtigung mit, was allerdings nicht gerade ein Komplimeut für die doch erprobte Gesinnung unserer nicht« jüdischen Mitbürger wäre. Wie so oft im öffentlichen Leben ein bloses Wort, auf das man sich einmal geworfen, mehr vermag, als alle ihm entgcgenstehenden Auseinandersetzungen und Belehrttngen, so geht es bei uns mit den Schulen. Man hat alle Schulen, die nicht öffentliche und sogenannte neutrale sind, mit dem Worte ״Sektenschulc" stigmatisirt. und cs dürste in unserem Lande gar manchen ״Frommen" geben, dem so zu sagen חילול שבת und ״Sektenschulen" so ziemlich auf gleicher Stufe stehen. Mau verschließt sich ja durchaus nicht den täglichen Erfahrungen über den wachsenden Niedergang unseres religiösen Lebens, die erschreckende Zunahme des Abfalles unter unserer gebildeten und ungebildeten Jugend, und man versucht es auch mit allen möglichen und unmöglichen kleinen und kleinlichen Vorschlägen und Mittclchen, aber das Nebel an der Wurzel zu packen, das getraut man sich nicht, denn dann käme man ja auf die — ״Sektenschule." Ich sprach wiederholt von den sogenannten neutralen Schulen, denn unsere öffentlichen Schulen sind nicht neutral, nicht etwa, als ob sie eine Konfession

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