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Jeschurun · 1885-11-12 · Heft 46 (12.11.1885) · p. 728

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 46 (12.11.1885)
Article
Johann Zestowitz
Date
1885-11-12
Page
728 (sequence 2)
Language
German
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Straße in früher Morgenstunde. Sie kannten Niemandcn in der Stadt und Niemand kannte sie. Das Leben hatten sie gerettet, aber sie hatten nichts zur Fristung desselben. Ihr ganzes Vermögen bestand in drei Rubeln und wenigen Kopeken. Wie weit langten sie damit? Die Wunde begann zu schmerzen. Der anstrengende Marsch hatte Jankel den letzten Nest seiner Kraft geraubt. Seine Frau und Kinder waren erschöpft. WaS beginnen? Wohin sich wenden? ..Wir wollen durch die Stadt wandern bis wir Glaubensgenossen finden, die zur ״Schul" gehen," sprach Brendel. So zogen - sie langsamen Schritts durch das Gewirr der Straßen und kamen endlich in das eigentliche Judenquartier, zu einer Synagoge. Dieselbe war eben ausgeschlossen worden. Der Synagogendicner vernahm von ihnen die erste Kunde von dem furchtbaren Unglücke, welches über die Juden hereingebrochen war. Entsetzen bemächtigte sich der Gemeinde, welche nach und nach sich versammelte. Wehklage erfüllte den heiligen Raum. Da nahm der ehrwürdige Rabbiner das Wort: ״Brüder! Gott hat Leiden über sein Volk verhängt, hat eS zugelassen, daß der Wolf hereinbrichr in die Ihm geweihte Heerde! Das Blut unserer Brüder schreit zu Ihm empor. Laßt uns beten für die dahin Geschlachteten!" Und er stimmte das alte innige Gebet an: O Gott, allmächtiger König, allbarmherziger Vater! in dessen Hand die Seelen aller Lebenden und der Geist jeglichen Menschcnsohns, — nimm wohlgefällig auf unser Gebet für die Seelen unserer dahin gemordeten Brüder und Schwestern, — öffne ihnen die Pforten des Erbarmens und der Gnade, die Pforten Deines himmlischen Eden — sammele sie ein zu den Gerechten und Frommen — gewähre ihnen das Heil, das Du den Tugendhaften verheißen. — Sie sind gemordet worden und liegen unbeftattet, — sic sind gemordet worden um der Treue willen, die sie Dir bewahrt — vergieb ihnen, was sie hienieden gefehlt und geirrt, gsebt cS ja keinen vollendet Gerechten auf Erden, der niemals gefehlt — gedenke ihrer guten Handlungen — lasse sie wieder erstehen zur Zeit, da Du die Todten wieder belebst.-Und so wird dereinst Dein großer und heiliger Name gepriesen und geheiligt in der Zukunft werden, die Du heraufführen wirst, da Du die Todten belebst und sie erweckest zum ewigen Leben, da die Gottcsstadt aus ihren Trümmern ersteht und der Zionstcmpel sich wieder erhebt, da keine andere Macht auf Erden verehrt wird als die Deine, und Dir allein von den Menschengedient, wird -der Du ewigen Frieden in Himmelshöhen schaffst. Du wirst Heil und Frieden auch über uns und ganz Israel auSbreiten!" Die ganze Versammlung hatte das Gebet unter Thränen mitgesprschen. Darauf begann der Chasan den täglichen Gottesdienst. Nach dessen Beendigung führte man die dem Tode Entronnenen in ein HanS und erquickte sie. — Bei Jankel war das Wundsieber ausgebrochen. Doch unter ärztlicher Behandlung und guter Pflege erlangte er bald seine Kräfte wieder. Der rechte Arm aber war gänzlich gelähmt. Wehmüthig. haftete sein Auge darauf. ״Womit soll ich. Krüppel, für Weib und Kind, schaffen?" ״Gott wird Helsen," tröstete seine Frau. Die Jagd auf jüdische Menschen und jüdischen Besitz blieb jedoch nicht auf das Revier des HeimathSorts der unglücklichen Familie beschränkt. Sie breitete sich weit über die Grenze des Gouvernements ans. Täglich lief die Kunde von neuen Gräueln ein. Mord, Raub, Schändung, Mißhandlung, Brandstiftung bildeten die Tagesordnung. Auch die Gouvernements- Hauptstadt ward der Schauplatz einer der vielen Judenabschlachtungen. Mit Zehntauscnden seiner Schicksalsgenossen mußte Jankel Przcstowitz und die Scinigen flüchten, froh, dem Mordstahl und der bestialischen Wuth nichl zum Opfer gefallen zu sein. Jenseits der Grenze, auf fremden Boden, glaubten die armen Fluchtlinge sich geborgen. Und sie waren cS ja auch. Hier crrrcichte sic nicht der entmenschte Feind, hier waren die Menschen keine Hyänen, hier herrschten mildere Sitten, hier waltete eine gerechte Obrigkeit ihres Amtes zum Schutze aller Menschen, die in ihrem Bereiche athmetcn. Man gönnte den von ihren eigenen Mitbürgern Verfolgten hier gern eine kurze Rast, aber auch nur eine Rast. Die Behörde des fremden Landes gestattete nicht den längeren Aufenthalt einer so großen Menscbenanzahl, welche mit wenigen Ausnahmen kaum mehr halten, als die schlechte Gewandung. . Da lagerten in der Fremde die Unglücklichen, Männer, Frauen, Kinder und Greise, friedliche, arbeitfaine Menschen, die nichts verbrochen hatten, arm und elend, nackt und bloß. Die Heimath, die Stätte ihres bescheidenen Wohlseins, der Ort ihrer Geburt hatte sie ansgespien, war ihnen zur Hölle geworden.. Sollten sie nur darum der .Hinschlachtung entronnen sein, um jetzt in Elend und Noth umzukommcn? Ein Schrei des Entsetzens drang von den Karpaten bis zur Jenfeite des Ozeans. Ncberall, wo Bildung und Menschlichkcit nicht verleugnet wurden, entstanden Vereinigungen vornehmlich unter der jüdischen Bevölkerung, um den bedürftigen, fast verschmachtenden und verzweifelnden Brüdern beizustehcn. (Fortsetzung folgt.)

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