Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1885)
- Article
- Deutschland : aus Ostpreußen [Nachricht]
- Date
- 1885-11-05
- Page
- 716 (sequence 2)
- Language
- German
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716 sind und nicht einmal NN ordentliches Kleidungsstück für sich und ihre Kinder besitzen, .zudem auch nach überseeischen Landern kcfürdert werden müssen, weil sie auch nach Rußland nicht zurücklommen dürfen, können?n!r ihrer Quäle r-hlvl:u nicht suslommen. Das Komitee hat darum neben beni vanptsonds einen RcsernesondS gebildet, aus welchem die nölhigen Unterstützungszuschüssc gewährt werden. Dieser Reservefonds, ursprünglich nur aus 3Mk. bcstchend, ist durch Sammlungen am hiesigen Orre einigermaßen ausgebessert worden, und sollte es nicht ausreichen, so wird er noch weitere Zuschüsse aus dem Hauptfonds erhalten müssen. Unter den Unterstützten befinden sich auch viele Christen ans Lern Umerftützungsbcrcichc des hiesigen ..Arnien-Untersrützunas Vereins." Auch die auSgewiesenen Christen aus Len -ündlichen Bezirken hätte das Komitee gern berücksichtigt׳, allein das ging bei dem besten Willen nicht. Dazu hätten seine Mittel nicht auSgercicht. Don den AuSgewiesencn haben schon Viele den Ort verlassen, und sind entweder nach Nußland oder nach England und Amerika gegangen. Einzelne, welche Verwandte in Süddcutschland besitzen, haben sich dorthin begeben. Das Gros befindet sich jedoch noch am Orte; denn da die Fristen bis zum l5. resp. 20. November reichen, jo suchen sie noch jeden Augenblick anszuuutzen und ihre wenigen Habseligkeiten zu veräußern. Eine ה eine Anzahl von AnSgewieseuen wird auch wahrscheinlich die Erlaubnis; erhalten, noch einige Monate länger zu blciben, oder der Ausweisungsbesehl wird vielleicht auch ganz zurückgenommen werden. Es war wahrlich keine Üeme Arbeit, die Geldsummen zu den Unterstützungen her de-zu sch affen, dieselben zu quotiren und zu vertheilcn, überhaupt mit aller, Kraft für die Unglücklichen ei Würstchen und in brstcr Weise sie zu berathen und für sie zu sorgen. Möge es der allgütige Gott behüten, daß ein solches unglückliches Ereignis; sich jemals wiederhole. So das ״Memcler Blatt". Biele der Ausgewicscucn, welche nach Rußland zurücklehren wollten, sind dort zurückgcrvicscn worden. Vorläufig wird diesen der fernere Äuscnlhalr diesseits der russischen Grenze bis z!un Frühling gestanet. Das ist aber auch alles. Andererseits wird die Äuswnsung ss streng durchgeführt, daß 1 B. auch ein Kind, welches vor einigen Wochen in Königsberg gesunden und in Las israelitische Waisen- Haus daselbst untcrgebrachl wurde, ansgcwiescn ist, weil damals in Heiner Bcistidung ein Zettel eu-dcckt worden - ist. welcher stiue Aostamnurng von russisch-jüdischen Eltern bezeugte. * Hivfchbcrg L Srh!., 28. Oktober. Am 25. März o. I. -wurde, wie dem ״Bert. TM." geschrieben wird, aus Anlaß der Äisckmarseier aus dein Lieguitzer Stadttheater Las Winierseldr^schc Stück ,.Moderne Freiheit״ aufgemlm. 0*1 Tendenz und Ausfuhrung des Stückes erregte bei vielen Theaterbesuchern Unwillen, und citwr von ihnen machte sich in einem ״Eingesandt" an den ״Boten a. d. Nicscngebirge" Luft. In diesem wird das Stück ein .,skandalöses", die Tendenz ׳eine ,,antisemitische" und die Aufführung eine ״ekelerregende" genannt. Als Anmerkung der Redaktion waren, die Worte hinzugefügt: ״Wir sindcn es allerdings auch stark, wenn ein Mann von der Vergangenheit Winterseldt'S Gcrichtsszcnen ans die Bühne bringt. Wenn es aber nun einmal sein soll, warum dramatisirt er dann nicht Wechselsälschungcn, Unterschlagungen, Erpressungen und dergleichen mehr?" Durch das und die obigen Ausdrücke fühlte sich Sintcrfclbt beleidigt und strengte daher bei dem hiesigen Schöffengericht die Klage an. In einem früheren Termin nahm er stdoch die Klage wegen der Anmerkung zurück, während Dürholt, Redakteur des ״B. a. d. R.", eine Widerklage erhob, da W. in seiner Rede vor Gericht den qn. Artikel einen Skandalartikel genannt hatte. In der heutigen Verhandlung erklärte W. noch einmal, von der Klage wegen der Annrerklmg Abstand nehmen zu wollen, doch halte er sich durch die anderen Ausdrücke sehr beschädigt, indem ״bekanntlich die TheateragcnLnren und Kritiken in Händen der Juden seien, also einem Stücke, das als antisemitisch bezeichnet sei, von vornherein die Lebensaber durchgeschnitien wäre." Dürholt trat den Beweis der Wahrheit an, daß die Aufführung, weil die Persvneu JudeumaSkcn hatten, ekelerregend gewesen, und bewies ferner, daß antisemitisch leider jetzl keine Betcidigung sei und bat, den Ausdruck ״Skandalstück" als durch den Ansdruck ..Skandalartikel" kompensirt an- Zusehen. Der Gerichtshof sprach ihn völlig frei, die Gerichtskosten beiden Parteien auscrlcgend. W. hatte ^׳cfängnißstrast beantragt. -11- Ans Westfalen, 2. November. Ich hatte mir schon längst vorgenommen, über ein Kuriosum zu berichten, welches in einer der angeseheneren Gemeinden unserer Provinz sich ereignet hat. Es verlautete nämlich nichts Absonderlicheres, als daß in der Gemeinde Bielefeld in Folge des Eingreifens des an dem Schlachthause als Aufsicht führender Sachkundiger angestellten Thierarzts nunmehr der Vorstand für eine religionSgcmäße Schechita durch Anstellung von gehörigen Schochtin! sorgen müsse. Die allgemeine Schlachthansvcrwaltung nöt-higt eine jüdische Gemeinde zur Beobachinng der gewissenhaften Ausführung der vom jüdischen NeligionSgesctze gebotenen Schechita, an welcher es bislang gefehlt! Das schien mir doch zu ungeheuerlich. Nun steht Bielefeld allerdings nicht im Rust der Orthodoxie — trotzdem aber konnte ich es nicht glauben. Dieses llnglaubliche ist aber dennoch j Thatsache, wie ich aus einem Privatschrciben erfuhr, 1 und wie es fetzt durch einen Bericht in der Rahmec-