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Jeschurun · 1885-11-05 · Heft 45 (5.11.1885) · p. 712

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 45 (5.11.1885)
Article
Johann Zestowitz
Date
1885-11-05
Page
712 (sequence 2)
Language
German
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712 eines die Anstrengung der Männer wacker theilendcn WeibcS, das HauS anzuzünden. Der ritterliche Muschik kann einer Frau keinen Wunsch versagen; cS loderte deshalb sehr bald die Flamme empor, zum Ergötzen der kindlich naiven Menschen, welche in lautem Jubel die Brandstatt umtanzte. Da steht aber auch die Judenschmiede! ries plötzlich einer der Helden. Die müssen wir auch besuchen/ rief ein Anderer, sonst zürnt der große Kaiser! Jankel hat versprochen, uns die Hirnschale einzuschlagen, rief der ehrwürdige Vater Petrowitsch dazwischen, wir wollen sehen, ob er Wort hält! WaS, der Hund hat uns gedroht? ertönte cS aus vielen Kehlen, das soll er büßen! Auf, Brüder, zur Judenschmiede! Jankel Przesiowitz hatte nicht umsonst seinem Kaiser in blutiger Fcldschlacht gedient, hatte nicht umsonst m.rer General Kauffmann in Asien gekämpft und General Gurko veigestandcn, den Schipkapaß zu nehmen. Er war aus den Angriff vorbereitet und hatte sich zur Vertheidigung angeschickt. Die Fensterläden und HauSthür hatte er mit eisernen Stangen verrammelt, seine alte Pistole zur Hand genommen und den schweren Schmiedehammer bereit gestellt. In blinder Wuth rannte der Haufe aus das HauS zu. die Acxte schwingend und das Messer wetzend. Da traf den Ersten, der zum Hiebe gegen die Thür anSholte, die wohlgezielte Kugel aus JankelS Gewehr, daß er tobt zur Erde fiel. — Zieht heim, so euch euer Leben lieb ist! rief Jankel mit mächtiger Stimme. Ich bin Soldat des Kaisers und habe für Jeden von euch eine Kugel im Lauf! — Einen Augenblick stutzten die Angreifer, aber nur einen Augenblick. Du bist ein Jude, brüllte cS zur Antwort; wir wollen dich und deine Brut vernichten, wie eö der Kaiser befohlen hat. — Und wieder stürzte sich die Menge auf die Thür. Przestowitz verstand jedoch meisterlich zu treffen. Ein Räuber nach dein andern sank ausschreicnd zu Boden. DaS aber steigerte die Wuth bis zur Raserei; trotzdem wagte Keiner, wiederum auf die Thür einzudringen. Man schrie und tobte, man erging sich in den entsetzlichsten Flüchen, in den schrecklichsten Drohungen; der durch ein Loch in der Thür hervsrlngende Lauf des Gewehrs hielt aber die wi'tthcnde, feige Meute in Schach. — Przestowitz athmete auf. Sollte die Gefahr vorüber sein? Da vernahm er über seinem Haupte Geräusch. Einige deS Gesindels hatten von der Hinteren Seite des Hauses das Dach" erstiegen und begannen eS zu zertrümmern. Jankel und die Seinen waren verloren! Aber er wollte sich vertheidigcn bis zum Aeußersten. Weib und Kinder schickte er in dm Keller. Den Lauf der Pistole lehnte er. in der kleinen Oefsnung, daß man noch immer sie in Lcr Hand des Schützen vermuthen sollte. Den Hämmer' in der Faust stürzte er nach Oben. Mit einem wuchtigen Hiebe traf er den Ersten, der gerade im Begriffe war, durch das Dach in das HauS zu steigen, daß er straßenwärts hinabstürzte und seine Genossen mit sich hinabriß. Der Jude ist oben! schrie die Menge. Ans die Thür, schlagt sie ein! Und noch bevor Jankel wieder zur Verlheidigung der Thür hcrabgecilt war, waren schon so gewaltige Azthiebe gegen dieselbe geführt worden, daß sie auseinanderklaffte. Die Pistole war zur Erde gefallen. Sie hätte ihm auch nicht mehr genützt, cS blieb ihm keine Zeit zum Laden. Die gewisse Todesgefahr der Seinen verlieh' dem ohnehin kräftigen Manne Niesenstärke. Wo sein Hammer herniedersauste, da fiel einer der Angreifer, nnd unaujhörlich hob und senkte er sich in seiner nervichten Rechten. Während in der Thür der Mann mit Löwenmulh für das Leben der Seinigen kämpfte und die herandrängende Menge zurückhielt, waren aber einige Beute- und Brauntcweinsüchtige über die nicht verlheidigte Bresche des DacheS in den inneren Raum des HauseS gedrungen und fahndeten auf den feurigen Trunk. Sie vermutheten ihn im Keller. — Dort aber trafen sie ein zitterndes Weib mit seinen beiden weinenden Kindern, welche bei ihrem Anblick unter lautem Angstschrei hmaufstürztcn, um in der Nahe deS Gatten und Vaters Schutz zu suchen. Die Entmenschten hinter ihnen her! Kaum erblickt sie Przestowitz, so wendet er sich gegen deren Verfolger. Einer von ihnen fällt mit zerschmettcrtcm Schädel nieder; JankelS Arm ist noch nicht erlahmt. Er drängt Weib und Kinder an die Wand und beschützt sie mit seinem Leibe. Doch die für einen Augenblick unvenheidigt gebliebene Hausthür ist vollends eingeschlagcn, und von beiden Seiten drängt die Mordbaude auf ihn ein. Ein Axtstreich trifft seine Rechte, welcher der Hammer entsinkt. Cr achtet nicht dcS hcrvorquellcnden Blutstroms. Mit Blitzesschnelle faßt er die Waffe mir der Linken aus und verbreitet Schrecken unter der heulenden, wüthcnden Menge. Da empfängt er einen wuchtigen Schlag mit einem Knittel aus den Kopf, der ihn fast betäubt. Sein Weib muß ihn stützen. Ein Triumphgcschrei erfüllt die Luft. Der Kampf ist ans, der Held ist überwältigt. Schon strecken sich Arme auS, um sich seiner und der Seinigen zu bemächtigen. — Doch was ist das? Auf die Angreifer regnen von hinten hageldichte Kantschuhhiebe und ein halb Dutzend Kosacken bahnt sich einen Weg bis zu Przestowitz hindurch, ein graubärtiger Korporal ihnen voran. (Fortsetzung folgt.)

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